ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2006Thomas van Bömmel, Hubschrauberarzt: Gelassen über den Wolken

THEMEN DER ZEIT: Porträt

Thomas van Bömmel, Hubschrauberarzt: Gelassen über den Wolken

Dtsch Arztebl 2006; 103(50): A-3393 / B-2950 / C-2830

Merten, Martina

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Thomas van Bömmel
Thomas van Bömmel
Der Intensivtransporthubschrauber Murnau ist für Dr. med. Thomas van Bömmel ein Fortbewegungsmittel wie jedes andere auch – nur ein etwas schnelleres.

In den Brusttaschen des roten Arbeitsoveralls stecken zwei Mobiltelefone. Eines der beiden klingelt immer, sofern Dr. med. Thomas van Bömmel nicht gerade in seinem Arbeitszimmer bei der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BGU) Murnau sitzt. Entweder rufen Klinikkollegen an oder aber – und das kommt an Einsatztagen viel häufiger vor – Mitarbeiter der nächstgelegenen Rettungsleitstelle. Sie informieren den leitenden Hubschrauberarzt des ADAC-Intensivtransporthubschraubers Murnau über Einsatzort und das Ausmaß des Vorfalls – dieses Mal ein Patient mit akutem Myokardinfarkt. Van Bömmel atmet tief durch. „Ruhe“, betont der 46-Jährige, „ist bei allen Einsätzen das oberste Gebot.“ Mit Hektik sei keinem Patienten geholfen.
Was dann folgt, wiederholt sich an Bereitschaftstagen bis zu zehn Mal. Und es zeigt, dass der Facharzt für Anästhesie in der Tat nur schwer aus der Ruhe zu bringen ist: Behutsam hebt er den Infarktpatienten gemeinsam mit seinem Kollegen Günter Müller – dem Rettungsassistenten – vom Krankenbett auf die Trage, anschließend schieben sie ihn langsam auf einem Untertisch-Rollwagen Richtung Hubschrauber. Während des gesamten Fluges von Murnau zum Garmischer Klinikum sitzt van Bömmel entspannt auf seinem Platz, dokumentiert alle relevanten Herz-Kreislauf-Parameter, schaut prüfend auf den Patienten. Der Flug verläuft ruhig, der Patient scheint zu schlafen.
Dass es auch immer wieder andere Tage, andere Einsätze gibt, solche, die dem Hubschrauberarzt nachhängen, ihn beschäftigen, die, wie er sagt, „extrem belasten“, erzählt van Bömmel erst später. Vielleicht, weil es Einsätze waren, bei denen ihm der Anblick der Unfallopfer schlaflose Nächte bereitet hat. Eine Vielzahl von Personen sei da am Einsatzort gewesen, Rettungskräfte, mehrere Notärzte, Personen vom Technischen Hilfswerk. Da sei es schwer gewesen, überhaupt zum Unfallopfer durchzudringen, um sich dann die Frage zu stellen: „Welche Handlung ist jetzt die richtige?“ Diese Frage habe er sich auch gestellt, als er eine Wanderin bergen musste, die bei einem Ausflug in die Berge den Halt unter den Füßen verloren hatte und abgerutscht war. Van Bömmel kümmerte sich um die Begleiterin der Frau, die zusehen musste, wie die andere ums Leben kam. Aber, sagt van Bömmel, es seien gerade solche Einsätze, „die gelassen machen“ – die andere Dinge im Nachhinein relativieren – irgendwie. Vielleicht helfen dem Arzt hierbei auch die Auszeiten mit seiner Familie.
Van Bömmel (r.) in Aktion: 1 200 Rettungseinsätze flogen der Arzt und seine Murnauer Kollegen in 2005. Fotos: Martina Merten
Van Bömmel (r.) in Aktion: 1 200 Rettungseinsätze flogen der Arzt und seine Murnauer Kollegen in 2005. Fotos: Martina Merten
Trotz belastender Situationen mag der Anästhesist seine Arbeit als Hubschrauberarzt, bezeichnet sie als „i-Tüpfelchen“ seiner sonstigen Tätigkeit auf der Intensivmedizinischen Station der BGU Murnau. Gänzlich undenkbar wäre es für ihn, von sieben bis 16 Uhr nur am Schreibtisch zu sitzen. „Das wäre mir zu wenig.“ Zu wenig wäre es van Bömmel auch gewesen, wie ursprünglich geplant, sich ausschließlich auf einen Tätigkeitsbereich zu konzentrieren. Schon während seiner Zeit als Assistenzarzt an der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin an der Universität Münster gewann er erste intensivmedizinische Einblicke. Das war der Grund, warum er einem späteren Wechsel in die interdisziplinäre Intensivmedizin der BGU Murnau aufgeschlossen gegenüberstand. Gemeinsam mit seiner Frau zog der Arzt 1993 vom westfälischen Münster ins bayerische Murnau am Staffelsee. Kurz darauf fragte ihn sein neuer Vorgesetzter, ob er die ärztliche Leitung der Intensivtransporthubschrauberstation übernehmen wolle. Die Voraussetzung für eine solche Tätigkeit – den Fachkundenachweis Rettungsdienst und langjährige intensivmedizinische Erfahrung – besaß van Bömmel. Ohne lange darüber nachzudenken, nahm der Facharzt die Herausforderung an, was sich für ihn bis heute bewährt hat, wie er betont.
Heute ist das gesamte Hubschrauberteam van Bömmel zufolge gut eingespielt. 16 ärztliche Kollegen teilen die Rettungseinsätze unter sich auf, zweimal monatlich ist er selbst an der Reihe. An anderen Tagen gehört es zu seinem Aufgabenbereich als leitender Hubschrauberarzt, Dienstpläne für die Kollegen zu schreiben, Fortbildungen zu organisieren und die medizinische Ausstattung des Hubschraubers zu überprüfen. Um aber nicht „der arrogante Flegel vom Himmel“ zu sein, wie van Bömmel es mit einem Lächeln ausdrückt, ist er zusätzlich zu seiner Hubschrauberarzttätigkeit vier- bis fünfmal pro Quartal für den bodengebundenen Notdienst aktiv.
Als wäre das alles nicht bereits genug Abwechslung, ist van Bömmel nebenbei noch für den Internetauftritt der Klinik zuständig, leitet die Arbeitsgruppe „Klinische Informationssysteme“ und ist ärztlicher Vertreter der Qualitätssicherungskommission der Klinik. „Meine Kernarbeitszeit findet aber auf der Intensivstation statt.“ Wo sonst.
Martina Merten

Weitere Informationen unter
www.adac.de/luftrettung
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