ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2006Mercy Ships: Christliche Hoffnung und medizinische Hilfe

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Mercy Ships: Christliche Hoffnung und medizinische Hilfe

Dtsch Arztebl 2006; 103(50): A-3394 / B-2951 / C-2831

Holtel, Markus

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„Anastasis – Auferstehung“: Das ehemalige italienische Kreuzfahrtschiff dient seit 1978 als schwimmendes Krankenhaus. Fotos: Markus Holtel
„Anastasis – Auferstehung“: Das ehemalige italienische Kreuzfahrtschiff dient seit 1978 als schwimmendes Krankenhaus. Fotos: Markus Holtel
Unter dem Motto „Bringing Hope and Healing“ betreibt die christliche Organisation Mercy Ships ein schwimmendes Krankenhaus für Westafrika.

Es ist ein Erlebnis, in diesem OP zu arbeiten: Den ganzen Tag über wiegt er sich sanft auf und nieder, der Blick schweift aus den Bullaugen auf die Hafenanlagen. Auf dem Dock sitzen Patienten, die sich zur postoperativen Untersuchung eingefunden haben. Dahinter Wasser, weitere Stege, gewaltige Containerkräne, Überseeschiffe mit den ausladenden Tentakeln ihrer bordeigenen Kräne.
Der OP lag von November 2005 bis Juni 2006 in Monrovia, der Hauptstadt Liberias, vor Anker. Der westafrikanische Staat hat sich durch einen 14 Jahre dauernden Bürgerkrieg vom weitentwickelten Vorbild zum Schlusslicht der Region heruntergewirtschaftet. Vor drei Jahren endete der Krieg, eine UN-Schutztruppe sichert die Ruhe in dem aufgewühlten Land, dessen Bevölkerung stigmatisiert und dessen Sitten verroht sind.
Die „M/V Anastasis“ ist das Flaggschiff der internationalen christlichen Hilfsorganisation Mercy Ships. Sie verfügt über drei OP-Säle, in denen vorwiegend Plastische Chirurgen und Augenärzte operieren. In der Kopf-Hals-Chirurgie werden häufig benigne Tumoren versorgt, vom großen Lipom oder Hämangiom bis zum kiloschweren Tumor der Gesichtsknochen. Auch Lippen-Gaumen-Spalten oder erworbene Defekte durch Noma, Wasserkrebs, werden behoben. In der Ophthalmologie werden vorwiegend Katarakte, aber auch benigne Tumoren operiert. Ein weiterer Schwerpunkt sind postpartale vesicovaginale Fisteln, die in Afrika häufig auftreten.
Daneben gibt es ein Programm zur Gesundheitserziehung. Mercy Ships errichtet Sanitäranlagen, hilft beim Bau von Waisenhäusern, stärkt Kirchengemeinden oder lehrt Landbau auf biblischer Basis. Die „Anastasis“ geht jeweils für einige Monate in einem Land Westafrikas vor Anker, sie bringt ihre Ausrüstung mit und ist weitgehend autark bei ihrer Hilfe am Rand des Elends. Das Außergewöhnliche aber ist der Geist an Bord. Es herrscht eine besondere Atmosphäre unter den fast 400 ehrenamtlichen Helfern aus aller Welt. Niemand wird bezahlt, jeder trägt die Kosten für Flug und Verpflegung selbst. Viele Crew-Mitglieder sind seit Jahren dabei und finanzieren sich über einen Unterstützerkreis in ihrer Heimatgemeinde. Andere, vor allem Mitglieder der medizinischen Crew, kommen nur für einige Wochen im Jahr. Der Umgangston ist persönlich.
„Bringing Hope and Healing“ ist das Motto von Mercy Ships, und die christliche Hoffnung steht nicht zufällig an erster Stelle. Spiritualität und Glauben sind ein normaler Bestandteil der täglichen Arbeit. Das beginnt bei den morgendlichen Andachten, die unterhaltsam und wohltuend sind. Ein morgendliches Gebet im OP sowie ein Gebet mit jedem und für jeden Patienten sind selbstverständlich.
Mercy Ships praktiziert ein bodenständiges, undogmatisches und fröhliches Christentum. Heiter und gelassen ist die Grundstimmung bei der Arbeit. Es gibt hier niemanden, der nur widerwillig mitarbeitet, um finanziell über die Runden zu kommen. Im Gegenteil: Man muss es sich quasi leisten können, helfen zu dürfen. Die Langzeitmitarbeiter verlassen dafür Heimat und vertrautes Umfeld, sie geben Job und Karriere auf, um ohne gesichertes Einkommen 40 Stunden in der Woche zu arbeiten. Sie wohnen in einem Jugendherbergsambiente. Viele leben mit ihrer ganzen Familie in zwei kleinen Kabinen. Wer sich darauf einlässt, regt sich nicht mehr über Kleinigkeiten auf.
„It’s good to have you here.“ – „Gut, dass du da bist.“ Mit diesen Worten werden alle Neuankömmlinge in der Gemeinschaft begrüßt. In den Meetings der Crew werden sie mit Namen, Funktion und Herkunft vorgestellt, und man bedankt sich mit einem Applaus für die Bereitschaft, auf der „Anastasis“ Dienst zu leisten.
„Anastasis“, der griechische Name des Schiffes, bedeutet „Auferstehung“. Er steht dafür, dass das außer Dienst gestellte italienische Kreuzfahrtschiff 1978 als schwimmendes Krankenhaus wieder auf Fahrt ging. Aber der Name steht auch dafür, dass es nun neue Lebensperspektiven schafft für ausgegrenzte afrikanische Patienten – Patienten, die durch ihren Tumor, durch ihre Lippen-Gaumen-Spalte entstellt sind, die mit ihrer Urinfistel ständig Gestank und Nässe verbreiten und an den Rand der Gesellschaft gedrängt sind.
Das OP-Spektrum ist abhängig von den Operateuren, die gerade zur Verfügung stehen. Kopf-Hals-Chirurgie wird weitgehend von Langzeitmitarbeitern betrieben, Augenoperationen und Fistelchirurgie nach dem Einsatzplan der wochenweise eingesetzten Ärzte. Eine mobile Zahnklinik führt täglich einige Dutzend Zahnbehandlungen durch, muss sich aber oft auf die Extraktion von Zähnen beschränken. Die Ausrüstung ist für afrikanische Verhältnisse üppig. Die Geräte sind zwar nicht ganz neu, aber auch nicht hoffnungslos veraltet. Mit Medikamenten und Verbrauchsmaterial muss zwar sparsam umgegangen werden, aber es herrscht kein dramatischer Mangel. Die Anästhesisten können auf Tuben in allen Formen und Varianten für die Kopf-Hals-Chirurgie zurückgreifen, auch auf Larynxmasken aller Größen. Die Filter am Gerät werden nach jedem Patienten gewechselt. Labor, Röntgen, sogar ein CT stehen an Bord zur Verfügung.
„Changing Lives – Leben verändern“: Patienten erhalten an Bord Operationen, zu denen sie sonst keinen Zugang hätten.
„Changing Lives – Leben verändern“: Patienten erhalten an Bord Operationen, zu denen sie sonst keinen Zugang hätten.
Changing lives“ hat Mercy Ships sich auf die Fahne geschrieben – Leben verändern, das Leben der Patienten, die an Bord Operationen erhalten, zu denen sie sonst niemals Zugang hätten. Bei einem Abschiedsgottesdienst auf der Station spüren wir die Veränderung: Die Patientinnen feiern nach der Fisteloperation ihr neues Leben, in ausgelassener Stimmung, mit Gesang und Tanz, gekleidet in Festgewänder. Aber Mercy Ships verändert auch das Leben der Mitarbeiter, die einige Wochen oder viele Jahre lang christliche Hoffnung nach Afrika bringen.
Eine Patientin kämpft mit postoperativen Komplikationen, macht einen septischen Verlauf durch und muss mehrfach revidiert werden – und die ganze Crew hofft und betet für sie. Am Verhalten jedes einzelnen Mitarbeiters, an der freundlichen Arbeitsatmosphäre, an der Wertschätzung für den Nächsten zeigt sich, dass die Anastasis eine Mission hat. Eine Mission, die über eine medizinische Dienstleistung hinausgeht.
Dr. med. Markus Holtel


Mercy Ships

Mercy Ships ist eine internationale christliche Hilfsorganisation mit Sitz in Texas/USA. Sie betreibt zurzeit zwei Krankenhausschiffe, die „Anastasis“ in Westafrika und die „Caribbean Mercy“ in Mittelamerika. 2007 müssen diese ihren Betrieb einstellen und werden durch die größere „Africa Mercy“ abgelöst, die über sechs OP-Säle verfügen wird. Informationen: www.mercy ships.org; Mercy Ships Deutschland, Am Riederloh 6, 87600 Kaufbeuren, Telefon: 0 83 41/9 82 17; Markus Holtel, E-Mail: dr.markus@ centermail.info.
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