ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2006Aidskranke Kinder in Afrika: „Es raubt mir den Verstand“

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Aidskranke Kinder in Afrika: „Es raubt mir den Verstand“

Meyer, Petra

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LNSLNS Für aidskranke Kinder in afrikanischen Ländern gibt es keine kindgerechten Medikamente.

Foto: Caro
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Auch bei uns gab es damals großen Streit. Die einen wollten die Bevölkerung durchtesten und wegsperren, wenn sie HIV-positiv sind. Die anderen wollten aufklären“, sagt Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). „Sex war schmutzig, wir hatten keine Sprache dafür. Kondome zu zeigen, war völlig undenkbar.“ Fast 20 Jahre ist es her, dass derart in Deutschland diskutiert wurde. Seitdem ist erfreulicherweise viel geschehen – dank der Aufklärer.
Pott kramt ganz bewusst in der Erinnerungskiste. Das Kinderhilfswerk UNICEF hatte zu einer internationalen Konferenz in Berlin anlässlich der ersten Aidsdiagnose vor 25 Jahren eingeladen. Jegliches Naserümpfen darüber, dass es in anderen Ländern noch viele Vorurteile und großes Unwissen über Aids gibt, verbietet sich durch diesen Rückgriff auf früher. Und Pott macht klar, dass Aufklärung auch hierzulande weiterhin nötig ist: Die Zahl der Neuinfektionen nimmt in Deutschland wieder zu. Denn in der entscheidenden Situation bleibt laut BZgA das Kondom oft in der Tasche.
Von der deutschen Situation können afrikanische Länder indes nur träumen. In Subsahara-Afrika grassiert die Epidemie am schlimmsten. Besonders besorgniserregend ist die Situation von Kindern mit HIV/ Aids: Neun von zehn infizieren sich während der Schwangerschaft, Geburt oder beim Stillen mit dem Virus der Mutter. Um dies zu verhindern, wird den Müttern und Säuglingen eine Einmaldosis Nevirapin verabreicht. Allerdings können weniger als zehn Prozent der afrikanischen Frauen ihre Kinder gegen die Übertragung schützen. Hinzu kommt, dass nur fünf bis zehn Prozent der HIV-positiven Kinder in Afrika mit antiretroviralen Medikamenten therapiert werden. Und das, obwohl 87 Prozent der 2,3 Millionen infizierten Kinder in Afrika leben und in einigen Ländern Aids bereits die häufigste Todesursache bei Kindern ist.
Das liegt unter anderem daran, dass die Sirups und Pulver, mit denen aidskranke Kinder in den Industrieländern behandelt werden können, in ärmeren Ländern nicht anwendbar sind. Sie müssen gekühlt oder mit sauberem Wasser angerührt werden, was dort nicht selbstverständlich ist. Zudem ist die Dosierung gewichtsabhängig. Für Kinder, die mehr als zehn Kilogramm wiegen, wären viele Flaschen Sirup nötig, was schwer zu handhaben ist. Als Alternative bleibt da nur, die Pillen der Erwachsenen zu zerdrücken, damit die Kinder sie schlucken können und die Dosis dem Gewicht entspricht. Hinzu kommt, dass es für Kinder unter 18 Monaten keinen geeigneten Test gibt, um HIV nachzuweisen. 50 Prozent der HIV-positiven Kinder sterben daher vor ihrem zweiten Geburtstag.
Die Pharmaunternehmen sind an einer pädiatrischen Formel nicht interessiert, da es hierfür in den Industrieländern keinen Markt gibt. Stephen Lewis, UN-Sondergesandter für Aids in Afrika, ging auf der UNICEF-Konferenz mit den Firmen hart ins Gericht. „Die Industrie reagiert immer nur auf Druck. Sie ist einfach nicht willens, freiwillig die Preise für Aidsmedikamente zu senken oder sie gratis zur Verfügung zu stellen“, erzürnte er sich. Auch die Regierungen der G-8-Länder kritisierte er scharf: „Sie halten ihre Versprechen nicht und verraten die Länder des Südens“, so Lewis. Im schottischen Gleneagles hatten die führenden Industriestaaten und Russland 2005 zugesagt, dass der Globale Fonds für Aids, Malaria und Tuberkulose aufgefüllt werde. Doch für dieses Jahr fehlen dem Fonds bereits 300 Millionen US-Dollar, für 2007 wird ein Fehlbetrag von einer Milliarde US-Dollar erwartet.
Hoffnung wird indes auf die rasche Entwicklung von Mikrobiziden gesetzt. Sie sind in Form von Gels oder Cremes vaginal und rektal anwendbar und geruchlos. Mikrobizide verhindern die Übertragung des HI-Virus und wirken gleichzeitig verhütend. Für Frauen, die heute immerhin 50 Prozent der HIV-Positiven ausmachen (1995 waren es nur zwölf Prozent), wären Mikrobizide ein wichtiger Schritt zu einer selbstbestimmten Sexualität.
Bei allen Herausforderungen für die deutsche Politik, die afrikanische Dimension der Aidsepidemie ist unvergleichlich. „Es bringt mich fast um den Verstand, dass afrikanische Kinder mit Aids sterben müssen, bloß weil sie in armen Ländern geboren werden“, so der UN-Sondergesandte Lewis. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Petra Meyer
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