ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2006George Bernard Shaw: Des Doktors Dilemma

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George Bernard Shaw: Des Doktors Dilemma

Goddemeier, Christof

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George Bernard Shaw: Nur zu gern mischte er tragische Momente unter das Komische und Heitere. Foto: picture-alliance/AKG
George Bernard Shaw: Nur zu gern mischte er tragische Momente unter das Komische und Heitere. Foto: picture-alliance/AKG
Vor 100 Jahren wurde Shaws Drama in London uraufgeführt.

Die derzeit maßgebliche Werkausgabe bezeichnet George Bernard Shaws Drama „Des Doktors Dilemma“ als Tragödie. In früheren Ausgaben trägt das Stück dagegen die Gattungsbezeichnungen „Komödie in fünf Akten“, „Komödie des Glaubens“ oder „Lustspiel“. Nur zu gern ließ Shaw (1856–1950) nämlich Tragisches im komödiantischen Kostüm auftreten oder mischte unter das Komische und Heitere tragische Momente, getreu den Worten des Sir Colenso Ridgeon im vierten Akt von „Des Doktors Dilemma“: „Das Leben hört nicht auf, komisch zu sein, wenn Leute sterben, so wenig, wie es aufhört, ernst zu sein, wenn Leute lachen.“
Leben mit lauter guten Bildern und schlechten Menschen
Anlass für das Stück war, wie Shaw in einem Begleittext schildert, eine tatsächliche Begebenheit im Labor des Londoner St.-Mary-Krankenhauses. Hier hatte der Bakteriologe Sir Almroth Wright, Entdecker der Opsonine, gerade eine neue Ära in der Behandlung bakterieller Infektionskrankheiten eingeleitet. In Shaws Drama bittet Jennifer Dubedat Dr. Colenso Ridgeon, ihren an Tuberkulose erkrankten Mann zu behandeln. Des Doktors Dilemma: In Ridgeons überfüllter Klinik ist nur noch Platz für einen Patienten. So muss Ridgeon entscheiden, ob er mithilfe seiner neuen Methode den ebenfalls an Tuberkulose erkrankten Kollegen Dr. Blenkinsop oder den Maler Louis Dubedat retten soll. Darf man das Leben eines Menschen als wertvoller oder nützlicher ansehen als das eines anderen? Und kann ein Arzt bei einer solchen Entscheidung von seinen persönlichen Wünschen absehen? Shaw ermöglicht die Vergleichbarkeit dadurch, dass er die charakterlichen Merkmale der beiden Kranken offenlegt. Dabei stellt sich heraus, dass Dr. Blenkinsop ein redlicher Armendoktor ist, den ansonsten wenig auszeichnet, während Louis Dubedat ein hochbegabter Künstler ist, der jedoch offensichtlich antisozial und unmoralisch handelt. Zusätzlich erschwerend wirkt sich aus, dass Jennifer Dubedat eine attraktive, junge Frau ist, in die sich Ridgeon verliebt. Am Schluss des zweiten Akts bringt es Sir Patrick gegenüber Ridgeon auf den Punkt: „Angenommen, Sie hätten die Wahl zwischen einem Leben, in dem alle Bilder schlecht wären, aber alle Männer und Frauen gut, und einem Leben mit lauter guten Bildern und schlechten Menschen. Wie würden Sie sich entscheiden?“ Shaw entscheidet den praktisch nicht lösbaren Konflikt nur scheinbar zugunsten der Moral, in Wirklichkeit entscheiden eigennützige Hoffnung und Spekulation: Ridgeon behandelt Dr. Blenkinsop und delegiert die Behandlung des Malers an einen Kollegen, der mit der neuen Methode nicht vertraut ist. Die Folge – der Maler stirbt – war nicht gerade unbeabsichtigt, gab sie Ridgeon doch die Hoffnung, die Witwe für sich gewinnen zu können. Doch Shaws Spaß an ausgleichender Ironie macht dem Doktor einen Strich durch die Rechnung . . .
Shaw schrieb das Stück 1906 in nur vier Wochen. Am 20. November wurde es mit großem Erfolg am Royal Court Theatre in London uraufgeführt. Manche sehen darin eine „bitterböse (. . .) Satire auf die Ärzte“, denen der Impfgegner und Vegetarier Shaw durchaus kritisch gegenüberstand. Andererseits nahmen berühmte Mediziner Shaws satirische Bemerkungen über ihren Berufsstand nicht nur nicht übel, sondern sahen darin eine Veranschaulichung ihrer eigenen Konflikte. Sir Almroth Wright etwa, der mit Shaw befreundet war, fasste dessen Behauptung, die Medizin sei viel mehr Heilkunst als exakte Wissenschaft, nie als Kritik auf.
Karikaturistische und absurde Zuspitzungen
Der gelegentlich erhobene Vorwurf, „Des Doktors Dilemma“ stelle die Ärzte als „Engel“ dar, die ihre Zeit damit verbringen, Patienten honorarfrei zu behandeln, lässt sich schwerlich belegen. Dafür enthält das Stück zu viele karikaturistische und absurde Zuspitzungen – etwa den Chirurgen Walpole, der nahezu alle Erkrankungen auf einen „Parabeutel“, ein „verkümmertes Organ voller Verwesungsstoffe“, zurückführt.
Doch auch Künstler und Journalisten, also Mitglieder der Berufsgruppe, welcher Shaw selbst angehört, werden nicht geschont und erscheinen in noch ungünstigerem Licht als die Ärzte. Bei diesen erfreute sich das Stück einiger Beliebtheit. In Amerika wurde es sogar von einem Ärzteteam aufgeführt. Nach der ersten deutschen Aufführung 1908 urteilte der Theaterkritiker Alfred Kerr: „Unter Shaws Werken steht ,Des Doktors Dilemma‘ ganz obenan.“ Sein Erfolgsstück „Pygmalion“, aus dem später das Musical „My Fair Lady“ wurde, hatte Shaw zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht geschrieben.
Christof Goddemeier
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