ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2006Fernsehkritik: Dr. House – Misanthrop mit Kultstatus

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Fernsehkritik: Dr. House – Misanthrop mit Kultstatus

Dtsch Arztebl 2006; 103(50): A-3405 / B-2960 / C-2840

Tuffs, Annette

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Leicht missvergnügter Blick auf die Patienten: Dr. House gibt sich nur mit besonders kniffligen Fällen ab. Foto: RTL
Leicht missvergnügter Blick auf die Patienten: Dr. House gibt sich nur mit besonders kniffligen Fällen ab. Foto: RTL
Jedes Krankenhaus müsste ihn sofort entlassen – weil er Patienten beleidigt und Kollegen beschimpft. Und jede Krankenhaus-Soap mit ihm müsste eigentlich scheitern, denn er bedient in keiner Weise die gängigen Klischees vom mitfühlenden Arzt, der sich für seine Patienten engagiert, ethische Gewissenskämpfe bestehen muss und nur im Privatleben hin und wieder Schiffbruch erleidet.
Die US-Serie „Dr. House“ hat sich jedoch nach einem halben Jahr auch in Deutschland mit mehr als fünf Millionen Zuschauern pro Folge zum Publikumsrenner entwickelt und ist bei RTL auf den bevorzugten Sendeplatz am Dienstagabend um 21.15 Uhr vorgerückt. Zur wachsenden Fangemeinde dürften auch Ärzte gehören, denn Dr. Gregory House bringt in seiner kompromisslosen und scharfsinnigen Art manche – wenn auch gänzlich unethische – Wahrheit des Klinikalltags auf den Punkt, die viele Ärzte sich nicht einmal zu denken, geschweige denn auszusprechen trauen, es aber bisweilen doch gerne täten.
Anklänge an Sherlock Holmes
Dem diagnostisch versierten Infektionsspezialisten und Nephrologen am Princeton-Plainsboro Teaching Hospital geht es nie um Patienten. Schwer erträglich, aber konsequent sind die Szenen, wenn er selbst zur minimalen Hilfeleistung nicht bereit ist. Medizin ist für ihn ein intellektuelles Spiel, das in jeder Folge an einem schwierigen Fall durchexerziert wird, um ihn zu einer erstaunlichen Lösung zu bringen. Analogien zum berühmten ärztlichen Kollegen Sherlock Holmes sind, so der Schöpfer der Serie David Shore, durchaus beabsichtigt.
Der Erfolg dieser mehrfach preisgekrönten Serie ist dem eigenwilligen Konzept und dem brillanten Hauptakteur Hugh Laurie geschuldet. Er sei der einzige Darsteller, der schauspielern müsse, sagte der Brite, der sich in seinem Heimatland als Komödiant hervorgetan hat. In der Tat entsprechen die Kollegen von House dem Serienimage und könnten zwanglos in jeder anderen TV-Klinik arbeiten. Umso stärker fällt der Kontrast zum bizarren Griesgram und Arzt wider Willen Dr. House aus. Äußerst glaubwürdig bringt Laurie diesen Misanthropen auf die Leinwand, einen Arzt mittleren Alters, der nach einer Beinthrombose selbst krank und schmerzmittelabhängig ist und stets zum Arbeiten von seiner Klinikchefin verdonnert werden muss.
In den USA hat die Serie, die dort seit 2004 läuft, Kultstatus erreicht. Wer die diagnostischen Fähigkeiten des TV-Doktors nachvollziehen möchte, kann dies im Buch „The Medical Science of House, M.D.“ des Medizinjournalisten Andrew Holtz tun. Oder er besucht die Homepage des amerikanischen Allgemeinmediziners Scott, der sämtliche medizinischen Fälle von Dr. House detailliert aufgezeichnet und kommentiert hat (www.politedissent.com/house_pd.html). Im Wikipedia-Lexikon (www.wikipedia.org) sind Dr. House mehr Seiten gewidmet als jedem weltbekannten amerikanischen Arzt diesseits der Serienwelt. Annette Tuffs
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