ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2006Psychiatrieerfahrene stellen aus: Botschaften aus verschlossenen Welten

KULTUR

Psychiatrieerfahrene stellen aus: Botschaften aus verschlossenen Welten

Jachertz, Norbert

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LNSLNS „Zeige Deine Wunden“ – eine ungewöhnliche Ausstellung in Berlin und, anschließend, Bern

Eva Scherr Mein Gefängnis, 1992, Öl auf Leinwand, 24 x 30 cm
Eva Scherr Mein Gefängnis, 1992, Öl auf Leinwand, 24 x 30 cm
Nach drei Jahren beendet die Wanderausstellung mit Bildern und Objekten psychisch kranker oder jedenfalls psychiatrieerfahrener Patienten ihren Lauf. In 38 Städten hat sie seit 2003 Station gemacht. In Berlin ist sie jetzt noch einmal zu sehen, dann, abschließend, in Bern, hier ergänzt um Objekte aus der Sammlung Walter Morgenthaler.
Der Titel der Ausstellung: „Zeige Deine Wunden – befreiende Kunst“ klingt wie ein Aufruf an die „Psychiatrieerfahrenen“, ihre Ängste und Depressionen, ihre Zwangs- und auch Wahnvorstellungen zu offenbaren. Tatsächlich liegt dem Projekt ein „Aufruf“, nämlich eine Ausschreibung, zugrunde. An ihr hatten sich rund 1 200 psychiatrieerfahrene Künstlerinnen und Künstler beteiligt, 123 kamen schließlich zum Zuge. Ihre Arbeiten zeugen von Erkrankung und Leiden und dem Bedürfnis, sich mitzuteilen. Um dadurch frei zu werden? Das mag sein. Weitaus häufiger wirken die Bilder (und wenigen Skulpturen) wie Botschaften aus einer eigenen Welt. Die aber ist so fremd oftmals gar nicht. Denn ist die Welt der „Normalen“ nicht auch geprägt von Ängsten, Zwängen, Einsamkeit oder Ausgeliefertsein, Empfindungen, die die „Psychiatrieerfahrenen“ hellsichtiger erkennen als vielleicht der „Normale“? „Die Psychiatrieerfahrenen haben uns“, so Klaus Staeck, einer der Juroren, „die Erfahrung voraus, wie fragil Normalität ist.“
Formal sind in der Ausstellung die gängigen Richtungen vertreten: von traditioneller Malerei über Informel bis zur computergestützten Grafik. Und dazu natürlich die sogenannte naive Malerei, die als Art brut längst einen speziellen Markt erobert hat.
Apropos Markt – die meisten Werke sind verkäufllich. Bei einem Besuch Ende November klebte an etwa der Hälfte der Arbeiten allerdings schon der rote Punkt: verkauft.
Das Projekt wurde von Anfang an vom Behindertenbeauftragten der Bundesregierung getragen, zunächst Karl Hermann Haack, seit einem Jahr Karin Evers-Meyer MdB. Auch ansonsten haben sich Politiker, angefangen beim Bundestagspräsidenten, engagiert. Die Behindertenbeauftragte wurde auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde am 22. November als eine von drei Preisträgern mit dem Preis „Entstigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen“ ausgezeichnet.
In Berlin ist die Ausstellung an zwei Orten zu sehen: eine Hälfte hängt und steht in den Fluren des Kleisthauses. An der Stelle hat mal Heinrich von Kleist gewohnt. Heute beherbergt der tempelartige Bau die Dienststelle der Behindertenbeauftragten. Im Palais am Festungsgraben, dem früheren Domizil der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft, präsentiert die Saarländische Galerie als Mitveranstalterin die andere Hälfte der Ausstellung. Glanzlicht im Festungsgraben ist ein Bild außer der Reihe, Gerhard Richters „Onkel Rudi“. Richter ist (vermutlich) nicht „psychiatrieerfahren“ und „Onkel Rudi“ somit ein Fremdling am Festungsgraben. Doch erinnert Richter mit diesem und einigen weiteren Werken an die NS-Zeit und die Ermordung („Euthanasie“) psychisch Kranker (dazu Deutsches Ärzteblatt, Heft 28–29/2006). Onkel Rudi und andere Familienmitglieder, die Richter malte, mögen somit zur „kollekti-ven Erinnerung“ beitragen, die sich Evers-Meyer erhofft. Rich-ter dürfte da skeptischer sein.
Gerhard Richter Onkel Rudi, 1965. Fotos: Katalog/Rainer Benz
Gerhard Richter Onkel Rudi, 1965. Fotos: Katalog/Rainer Benz
Onkel Rudi hin oder her. Im Festungsgraben und im Kleisthaus hängen eindruckvollere Bilder – etwa das von Eva Scherr: Eine noch junge Frau blickt den Betrachter an. Auf der einen Gesichtshälfte sind Blechstücke aufgenietet. „Mein Gefängnis“, titelt die Malerin.
Norbert Jachertz


Die Ausstellung ist in Berlin bis zum 5. Januar 2007 zu sehen. Öffnungszeiten im Kleisthaus (Mauerstraße 53, 10117 Berlin, Telefon 0 30-1 85 27 18 22) montags bis freitags 9 bis 18 Uhr; im Palais am Festungsgraben (Am Festungsgraben 1, 10117 Berlin, Telefon 0 30-20 07 72 58) dienstags bis sonntags 11 bis 19 Uhr, nicht über Weihnachten und an Silvester/Neujahr. Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet, weitere Informationen: www.kleisthaus.de.
In Bern läuft die Ausstellung vom 26. Januar bis 25. März 2007. Öffnungszeiten im Psychiatrie-Museum (Bolligenstraße 111, CH 3000 Bern 60) dienstags bis samstags 14 bis 17 Uhr. Weitere Informationen: www.psychiatrie-museum.ch.
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