ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2006Parkinson: Reflexion über Krankheit und Leben

KULTUR

Parkinson: Reflexion über Krankheit und Leben

Dtsch Arztebl 2006; 103(50): A-3434 / B-2991 / C-2861

Synofzik, Matthis

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Helmut Dubiel: Tief im Hirn. Kunstmann, München, 2006, 142 Seiten, gebunden, 14,90 €
Helmut Dubiel: Tief im Hirn. Kunstmann, München, 2006, 142 Seiten, gebunden, 14,90 €
In den letzten Jahren erkennen Neurologen immer mehr, dass das sogenannte typische Parkinson-Syndrom nicht nur eine Bewegungsstörung oder eine Störung des dopaminergen Systems ist, sondern auch mit komplexen Einschränkungen in Verhalten, Wahrnehmung und Kognition einhergeht und somit viele verschiedene Gehirnsysteme betrifft. „Tief im Hirn“ zeigt, dass jedoch auch diese Sichtweise – ja, jede rein medizinische Sichtweise überhaupt – zu kurz greift, will man wirklich das Erleben eines an Parkinson erkrankten Menschen verstehen. Der 64-jährige Soziologie-Professor reflektiert schonungslos und sehr persönlich sein eigenes Erleben der Krankheit und ihrer Behandlungsversuche (insbesondere der Implantation eines Tiefhirnstimulators).
Als Dubiel vor zwölf Jahren mit der Krankheitsdiagnose konfrontiert wurde, stand er kurz vor dem Höhepunkt seiner Karriere – der Leitung des renommierten Instituts für Sozialforschung in Frankfurt. Aufgrund der Krankheit konnte er die Aufgaben jedoch nicht mehr schaffen, simulierte Spontaneität und Normalität – und verlor letztlich das, was ihn einst auszeichnete: seine Redegewandtheit, sein Vermögen, scharfsinnige Diskussionsbeiträge und schnelle Argumentationen zu liefern. Ihm kam es vor, als fahre der „Dampfer voll lachender, glücklicher Menschen“ ohne ihn weiter. Nach der Stimulator-Operation – erfolgreich in ärztlichen Augen – stellten sich Depressionen und Sprachstörungen ein. Während er in New York noch eine Kultur der Akzeptanz auffallender Verhaltensweisen erleben konnte, begegnete ihm in Deutschland eine ausgrenzende Stigmatisierung, die zu sozialem Rückzug und einem Riss zwischen ihm und der Welt führte.
Dubiel öffnet jedem Leser die Augen, die persönlichen und sozialen Konsequenzen einer Krankheit zu sehen, die man als Arzt möglicherweise zunächst nur als „Bewegungsstörung“ abhaken könnte. Und je mehr man den sehr persönlichen Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen des Autors folgt, desto mehr erkennt man, dass ihm „Parkinson“ und „Tiefhirnstimulation“ zu äußeren Anlässen für eine tiefere Reflexion werden – eine Reflexion über Krankheit und Leben, Medizin und Moderne. Diese Reflexion lohnt sich für jeden Arzt, der seine Patienten, aber auch sich und das Leben besser zu verstehen versucht.
Matthis Synofzik
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