ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2006Komitee Deutsche Ärzte für die dritte Welt: Einsatz in Manila

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Komitee Deutsche Ärzte für die dritte Welt: Einsatz in Manila

Dtsch Arztebl 2006; 103(50): A-3439 / B-2995 / C-2871

Hügel, Heino

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Ausgedehnte follikuläre Pyodermie bei einem dreijährigen Kind mit chronischer Wurmerkrankung. Foto: Heino Hügel
Ausgedehnte follikuläre Pyodermie bei einem dreijährigen Kind mit chronischer Wurmerkrankung. Foto: Heino Hügel
In den Müllgebieten von Payatas ist praktische Akutmedizin gefragt.

Wenn ein Eimer Brunnenwasser so viel kostet wie zwei Stücke Kuchen, wird Waschen zum Luxus. Im Einsatz bei den „Deutschen Ärzten für die Dritte Welt“ muss man sich diesen Umstand vor Augen halten, will man verstehen, warum bei den Menschen in den Elendsgebieten um die Müllberge von Payatas in Manila jede kleine Wunde und jeder aufgekratzte Insektenstich vereitern und zum Ausgangspunkt für ausgedehnte Hautinfektionen werden.
Manila: Mehr als zehn Millionen Menschen, die außerhalb des Zentrums und den Vierteln der Wohlhabenden in Hütten aus Palettenholz, Karton, Wellblech und Hohlblocksteinen leben, vielfach auf Erdfußboden, und deren Fäkalien größtenteils in oberflächlich gegrabene Sickergruben geleitet werden.
Der Kinderreichtum ist enorm. „Family planning“ wird diskutiert und teilweise auch praktiziert. Erfolge sind zwar sichtbar, aber noch zu gering. Die Kinder werden von ihren Eltern liebevoll behandelt. Unvorstellbar hart ist das alltägliche Leben. Minimal bezahlte Gelegenheitsarbeit unter schwierigsten Arbeitsbedingungen ist die Regel. Eine Krankheit, ein Unfall: eine Katastrophe. Dieses Leben fordert seinen Tribut. 50-Jährige sind im Straßenbild schon selten, 60-Jährige müssen oft von ihren Angehörigen in die „Rolling clinic“ gebracht werden. Sie sehen und hören schlecht. Auffällig häufig sieht man schon in dieser Altersgruppe mentale Verlangsamung.
Muss man angesichts der Probleme kapitulieren? Nein. Man ist Teil der Organisation „Komitee Deutsche Ärzte für die Dritte Welt“, die vor mehr als 20 Jahren von Dr. Bernhard Ehlen, einem deutschen Jesuitenpater, gegründet wurde. Hier wird Ärzten die Möglichkeit gegeben, für sechs Wochen und länger an Brennpunkten des Elends zu arbeiten, um vor Ort zu helfen und nicht nur Geld zu geben in der Hoffnung, dass das Geld bei den Bedürftigen ankommt.
Beim ersten Treffen empfangen Pfadfinderambiente und schon einmal in ihre Verpackung recycelte Plätzchen die erstaunlich vielen Ärzte in den Souterrainräumen einer Frankfurter Kirchengemeinde. Spätestens bei dem Hinweis, dass für dieses Informationstreffen keine Spendengelder der Organisation verbraucht werden, merkt man, dass man hier bei der etwas anderen Hilfsorganisation gelandet ist. Der Kollege, der Beispiele aus dem Arbeitsalltag vieler Einsätze vorstellt, zitiert immer wieder aus dem „blauen Buch“. Der Neuling stellt fest, dass es sich hierbei nicht um die Sonderausgabe eines Revolutionsführers handelt, sondern um die kleine blau eingebundene Broschüre, die vor ihm auf dem Tisch liegt. Hier wird die auf „absolute basics“ reduzierte Medizin vor Ort prägnant so beschrieben, dass der Arzt sie praktizieren kann. Viele gerade aus dem Berufsleben ausgeschiedene Ärzte sind hier.
Man meldet sich zu einem Einsatz, wird bald eingeteilt, mit ausführlichem Informationsmaterial versehen und zum Einsatzort geschickt. Dort trifft der Autor nicht auf ein karitatives Chaos, sondern auf ein sauberes Gesundheitszentrum mit vielen Patienten und zahlreichen einheimischen Mitarbeitern, die die Lage im Griff haben. 20 Minuten Vorstellungstour durch das Haus, und der neue Doktor sitzt an seinem Platz. Die Dolmetscherin wirft ihm noch einen prüfenden Blick zu, dann wird der erste Patient gerufen. Angekündigt wird das Standardproblem „cough and cold“. Auskultation, Palpation, Inspektion von Ohren und Rachen hat man ja auch als späterer Dermatologe gelernt und in Klinik, Allgemeinarzt-Vertretung und vielen Jahren allgemeinem Notdienst in einer kleinen Stadt praktiziert.
Die medizinische Erfahrung vieler Jahre hilft. Auch auf der dunkleren Haut fallen die Zeichen der Anämie auf. Bei der angeblichen Fischallergie mit Gesichtsschwellung bei einem 14-Jährigen passen die kalte Haut und der aschgraue Farbton nicht. Man findet Unterschenkelödeme und veranlasst eine Urinuntersuchung, die eine schwere Proteinurie ergibt, also wahrscheinlich doch ein nephrotisches Syndrom. Hilfreich ist der fachliche Kontakt mit den anderen Kollegen der Station. Behandlungstipps bei Hautproblemen im Austausch gegen anderes. Man gehört dazu, ist nützlich.
Nach 14 Tagen in Manila folgen zehn Arbeitstage auf der Insel Mindoro in einer „Rolling clinic“ bei den Mangyans: Angehörige einer Urbevölkerung. Die Luft ist besser als in Manila. Dennoch sind auch hier Atemwegserkrankungen und noch mehr TB zu behandeln. Hinzu kommen verschmutzte Wunden und Abszessspaltungen. Wie in den Slums von Manila ist die Inzidenz von Aids noch gering. Danach geht es vier Tage, teilweise mit dem Auslegerboot, auf Impftour in Mangyanfischerdörfer an der Südspitze von Mindoro. Es folgt die Rückkehr nach Manila und weitere 14 Tage Behandlung von Patienten in den Müllgebieten von Payatas.
Kann ein Arzt, der sein Leben lang in Deutschland praktiziert hat und kein Spezialist für Tropenerkrankungen ist, in diesen Gebieten überhaupt etwas erreichen? Ja. Denn man dilettiert nicht bei der Behandlung von Tropenkrankheiten und Tuberkulose, man beginnt nicht halbherzige Chronikerbehandlungen, sondern macht praktische Akutmedizin und versucht, für Probleme im Rahmen der Möglichkeiten vor Ort eine Spezialbehandlung zu organisieren.
Dr. med. Heino Hügel
Weitere Informationen: www.aerzte3welt.de

Langfassung im Internet:
www.aerzteblatt.de/plus502006
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