ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2006Nichtraucherschutz: Langsamer Bewusstseinswandel

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Nichtraucherschutz: Langsamer Bewusstseinswandel

Dtsch Arztebl 2006; 103(51-52): A-3441 / B-2997 / C-2873

Bühring, Petra

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LNSLNS Die Zeiten ändern sich. Vor zehn Jahren musste man den nikotinsüchtigen Kollegen beim Mittagstisch in der Kantine noch freundlichst dazu auffordern, mit dem Anzünden der Zigarette doch zu warten, bis man selber mit dem Essen fertig sei. Heute kommen die noch übrig gebliebenen Raucher gar nicht erst auf die Idee, ihre Zigaretten am Essenstisch auszupacken. Sie stellen sich vor die Kantine ins Freie.
Ein Bewusstseinswandel hat eingesetzt, zwar langsam und gemächlich, doch kaum jemand spricht mehr von Diskriminierung, wenn Raucher vor die Tür geschickt werden. Der blaue Dunst wird nicht mehr als bloße Belästigung wahrgenommen – die Gefährdung für die Gesundheit der Passivraucher ist durch viele toxikologische und klinische Untersuchungen inzwischen belegt. Zahlen der WHO besagen, dass 3 300 Menschen in Deutschland pro Jahr vorzeitig sterben, weil sie dauerhaft Tabakrauch ausgesetzt waren. Tabakrauch fördert Lungenkrebs, Herzkrankheiten und schädigt besonders Schwangere und Kinder. Letztere sind in Deutschland, einem WHO-Ranking zufolge, weit intensiver Tabakrauch im öffentlichen Nahverkehr, in Gastwirtschaften oder auch verführerischer Werbung ausgesetzt als in fast allen Nachbarländern.
Doch die Bundesregierung schafft es nicht, einen bundeseinheitlichen Nichtraucherschutz durchzusetzen. Die Gründe für das Rauchverbotsdebakel der vergangenen Wochen liegen für viele auf der Hand. So urteilt beispielsweise Bundes­ärzte­kammerpräsident Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe: „Die Regierung scheint durch die Propaganda der Tabaklobby völlig vernebelt.“ Der Reihe nach: Eine Arbeitsgruppe der Regierungskoalition hatte monatelang ein Konzept für ein bundesweites Rauchverbot in öffentlichen Räumen und Gaststätten erarbeitet (siehe Meldung in DÄ, Heft 49/2006) – ein für den Gastronomiebereich widersprüchlicher Kompromiss zwar, aber immerhin. Nur wenige Tage später sah man sich gezwungen, „aus verfassungsrechtlichen Gründen“ von einem bundeseinheitlichen Rauchverbot Abstand zu nehmen. Denn für Landesbehörden, Kindertagesstätten, Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Sportstätten und eben Gaststätten seien die Länder zuständig. Die Konsequenzen der Föderalismusreform waren offensichtlich noch nicht in allen Köpfen verankert. Der Bund hingegen sieht sich verantwortlich für bundeseigene Gebäude, wie Ministerien und Gerichte, die Bundesbahn, den Arbeitsschutz und den Jugendschutz. Über Erlasse sollen Rauchverbote in den Ministerien und bei der Bundesbahn durchgesetzt werden. Ulla Schmidt machte auf ihr rauchfreies Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) aufmerksam und kündigte an, Rauchverbote bei den dem BMG nachgeordneten Behörden, wie dem Robert-Koch-Institut, durchsetzen zu wollen. Bei der Vorstellung der Eckpunkte des Bundeskabinetts zum Nichtraucherschutz betonte sie zwar, dass die Zeit der freiwilligen Lösungen vorbei sei, denn diese hätten keinen Durchbruch bewirkt. Doch mehr als „abgestimmte Initiativen von Bund und Ländern“ scheinen im Moment nicht gewollt. Die Ministerpräsidenten der Länder können sich so schnell auch nicht einigen. Bis März soll eine Arbeitsgruppe nach „möglichst einheitlichen Lösungen“ suchen. Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen wirft der Regierung indes „fehlenden politischen Willen“ vor: Eine bundeseinheitliche Regelung könne allein auf der Grundlage des Arbeitsschutzes geschaffen werden.
Bleibt zu hoffen, dass die Ministerpräsidenten den Bewusstseinswandel der Menschen ernst nehmen. Italien und Irland zeigen, dass die Wirte Raucher ohne bemerkenswerte Umsatzeinbußen vor die Tür schicken können. Raucher besuchen dort genauso oft wie zuvor die Kneipe, Nichtraucher häufiger. Der Ruf der Gäste nach rauchfreien Plätzen werde lauter, erkannte auch der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband kürzlich und forderte generelles Rauchverbot in sämtlichen bayerischen Gaststätten. Auch dies wäre vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen.

Petra Bühring
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik, Berlin
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