ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2006IX. Internationales Symposium zu Folter: „Nur über die Wahrheit kann die Vergangenheit ruhen“

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IX. Internationales Symposium zu Folter: „Nur über die Wahrheit kann die Vergangenheit ruhen“

Korzilius, Heike

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LNSLNS Weltweit versorgen 130 Behandlungszentren jährlich rund 100 000 Überlebende von Folter. Dabei sollte die medizinische Rehabilitation denselben Stellenwert haben wie die Entschädigung der Opfer und die Bestrafung der Täter.

Am Tag der Menschenrechte, dem 10. Dezember, starb in Chile Ex-Diktator Augusto Pinochet. Während seines Regimes zwischen 1973 und 1990 ließ er mindestens 3 000 seiner Kritiker verschleppen oder ermorden. Von vielen fehlt noch immer jede Spur. Pinochets Tod hat verdeutlicht, dass die Wunden auch 16 Jahre nach seiner Schreckensherrschaft nicht verheilt sind. Noch immer geht ein Riss durch die chilenische Gesellschaft: Während seine treuen Anhänger öffentlich um den Ex-Diktator trauern, feiern seine Gegner seinen Tod wie ein Volksfest. Pinochet starb, ohne sich für seine Taten vor Gericht verantworten zu müssen.
Am Tag der Menschenrechte, genauer am 9. und 10. Dezember, fand in Berlin das IX. Internationale Symposium zu Folter statt. Die Tagung stand unter dem Motto: „Entschädigung und Behandlung bereitstellen, Straffreiheit verhindern“. Rund 500 Teilnehmer aus aller Welt waren der Einladung des International Rehabilitation Council for Torture Victims (IRCT) gefolgt. Die Dachorganisation mit Sitz in Kopenhagen vertritt rund 130 Behandlungszentren für Folterüberlebende in 80 Ländern. In Anbetracht von mehr als 100 Regimen, die Folter systematisch anwenden, ist deren Hilfe ein Tropfen auf den heißen Stein. „Weltweit haben Zehntausende Folterüberlebende keinen Zugang zu Behandlung und Unterstützung, die sie dringend benötigen, um ins Leben zurückzukehren, nachdem sie Opfer unaussprechlicher Gräueltaten wurden“, mahnte IRCT-Präsident Dr. Abdel Hamid Afana in Berlin. Der palästinensische Psychologe appellierte an Regierungen und Geldgeber, ihre Unterstützung für die Behandlungszentren auszuweiten. „Unsere Anstrengungen sind notwendiger denn je“, betonte Afana. Der sogenannte Krieg gegen den Terror habe die Situation weltweit verschärft. „Wir dürfen es nicht zulassen, dass die Definition von Folter verwässert wird“, warnte der IRCT-Präsident.
Den Opfern eine Stimme geben, die Täter zur Verantwortung ziehen – das ist nach Ansicht der in Berlin versammelten Experten Voraussetzung für eine Heilung, für die Reintegration der Opfer ins soziale Leben. Erste Zeichen hat die Weltgemeinschaft gesetzt. Mit den Tribunalen in Ruanda und Ex-Jugoslawien hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in den 90er-Jahren signalisiert, dass die internationale Staatengemeinschaft Völkermord und ethnische Säuberungen nicht zu tolerieren gedenkt. Das Engagement gipfelte im Jahr 2002 in der Errichtung des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, der über Fälle von Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit urteilt.
Nicht den Weg der Bestrafung, sondern den der Reue und Vergebung hat die südafrikanische Truth and Reconciliation Commission (Kommission für Wahrheit und Versöhnung) bei der Bewältigung der Vergangenheit unter dem Apartheid-Regime beschritten. „Wir wollten einen vollständigen Überblick über die Menschenrechtsverletzungen während dieser Zeit erhalten“, sagte Kommissionsmitglied Pumla Gobodo-Madikizela. „Oder, um mit Nelson Mandela zu sprechen: Nur über die Wahrheit kann die Vergangenheit ruhen.“ Die Kommission sah vor, dass die Opfer öffentlich Zeugnis ablegen. Den Tätern versprach man Straffreiheit, wenn sie ihre politisch motivierten Verbrechen zugaben. „Für uns ging es um die Frage, wie können Täter und Opfer in einer künftigen demokratischen Gesellschaft wieder zusammenleben“, erklärte die Psychologin der Universität Kapstadt. Menschenrechtsverletzungen seien zudem auf beiden Seiten begangen worden. „Die Kommission war ein wichtiger Baustein für den Wandel Südafrikas.“ Heike Korzilius


Das geheime Leben der Worte

Die junge Frau wirkt isoliert, verschlossen und seltsam unbeteiligt. Ihre Gewohnheiten sind verschroben: Sie benötigt täglich ein neues Stück Seife und ernährt sich ausschließlich von Äpfeln, Hühnchen und Reis. Ein Zufall bringt sie als Krankenschwester an Bord einer Bohrinsel irgendwo im unwirtlichen Nordatlantik. Dort versorgt sie das schwer brandverletzte Opfer eines Arbeitsunfalls. Zwischen der sprachlosen Hanna und ihrem fast zwanghaft redseligen Patienten Josef entwickelt sich eine vielschichtige und intensive Beziehung, die es der jungen Frau ermöglicht, ihre Geschichte in Worte zu fassen – eine entsetzliche Geschichte, die während des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien ihren Ursprung hat, wo Folter und Vergewaltigungen an der Tagesordnung waren.
Ein Besuch im Generalsekretariat des International Rehabilitation Center for Torture Victims (IRCT) in Kopenhagen und des Behandlungszentrums für Folteropfer in Sarajevo inspirierte die spanische Regisseurin Isabel Coixet zu ihrem Film „Das geheime Leben der Worte“. Die britische Schauspielerin Julie Christie verkörpert darin in einer Nebenrolle IRCT-Gründerin Dr. Inge Genefke. HK
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