ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2006Bürokratiekosten: 600 Informationspflichten für den Vertragsarzt

POLITIK

Bürokratiekosten: 600 Informationspflichten für den Vertragsarzt

Dtsch Arztebl 2006; 103(51-52): A-3450 / B-3006 / C-2882

Kriedel, Thomas; Müller, Thomas; Boehnert, Holger

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LNSLNS Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe hat den bürokratischen Aufwand in der Arztpraxis gemessen. Die Bürokratie kostet demnach bundesweit jährlich rund 1,6 Milliarden Euro.

Niedergelassene Vertragsärzte klagen über die zunehmende Bürokratie, die immer mehr Zeit in Anspruch nimmt. Foto: Georg J. Lopata
Niedergelassene Vertragsärzte klagen über die zunehmende Bürokratie, die immer mehr Zeit in Anspruch nimmt. Foto: Georg J. Lopata
Nach Einschätzungen der OECD und der Weltbank zählt Deutschland zu den Ländern mit der höchsten Bürokratiebelastung. Das Gesundheitswesen ist aufgrund der hohen Regulierungsdichte in besonderem Maße von Bürokratie betroffen. Die Abschaffung unnötiger Bürokratie ist somit seit geraumer Zeit eine der Hauptforderungen der niedergelassenen Ärzte. Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) hat – erstmals in dieser Form – die Bürokratiekosten in der ambulanten Versorgung mit dem Ziel gemessen,
1. die Bürokratiekosten zu quantifizieren
2. die Hauptkostentreiber zu identifizieren
3. die Verursacher zu benennen.
Mit Unterstützung der KPMG Deutsche Treuhandgesellschaft hat die KVWL das wissenschaftlich und politisch anerkannte Standard-Kosten-Modell zur Messung der Bürokratiekosten eingesetzt. Dieses Verfahren wurde bereits erfolgreich in den Niederlanden, Dänemark und Großbritannien angewandt. Auch die Bundesregierung hat sich im Rahmen des Programms „Bürokratieabbau und bessere Rechtsetzung“ verpflichtet, das Standard-Kosten-Modell flächendeckend einzusetzen.
Das Modell geht von der Annahme aus, dass aus gesetzlichen Regelungen Informationspflichten wie Berichts-, Dokumentations- und Meldepflichten mit dazugehörigen Verwaltungstätigkeiten resultieren. Diese Verwaltungstätigkeiten sind für die Unternehmen mit bestimmbaren Kosten verbunden (Zeitaufwand mal Tarif). Aus dem Produkt der Kosten und der jährlichen Häufigkeit ergeben sich die jährlichen Kosten für eine einzelne, durch die Rechtsvorschrift verursachte Aktivität. (Grafik 1)
Anforderungen von Behörden, Krankenkassen und KVen
Für die Messung der Bürokratiekosten von Vertragsärzten war es zunächst notwendig, den Bürokratiekostenbegriff zu spezifizieren. Bürokratiekosten im Sinne der Standardkostenmessung wurden definiert als jene Kosten, die einem Vertragsarzt entstehen, um seinen gesetzlich formulierten Informationspflichten gegenüber staatlichen Instanzen und Organisationen (Behörden, Krankenkassen, KV) nachzukommen und die nicht in seiner Unternehmereigenschaft begründet sind.
Eine Arbeitsgruppe, bestehend aus niedergelassenen Vertragsärzten, Juristen, Verwaltungsexperten der KVWL und Methodenspezialisten von KPMG, identifizierte nahezu 600 Informationspflichten und Anforderungen für den Vertragsarzt. Diese wurden aus einer Analyse des Sozialgesetzbuches, der Richtlinien des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses, der Bundesmantelverträge sowie der Richtlinien der Kassenärztlichen Bundesvereinigung abgeleitet.
Für jede dieser Informationsanforderungen wurde ein sogenannter Standardprozess definiert, das heißt eine Abfolge von Tätigkeiten, die zur Erfüllung der Informationsanforderung notwendig sind. Zur Modellierung der Standardprozesse wurde von einer Liste mit 14 Standardaktivitäten ausgegangen, mit deren Hilfe alle Prozesse zur Erfüllung von Informationspflichten abgebildet werden können (Tabelle).
Einfache, mittelschwere und komplexe Tätigkeiten
Um die benötigte Zeit zu ermitteln, wurde jede Tätigkeit in einer ersten Einschätzung mit einem Zeitwert versehen, je nachdem ob die Tätigkeit als einfach, mittelschwer oder komplex eingestuft wurde. Diese Zeitwerte sowie die Standardprozesse hat die Arbeitsgruppe überprüft. Exemplarisch sei auf den Prozess der Erstellung von Erst- und Folgedokumentation im Rahmen eines Disease-Management-Programms hingewiesen (Grafik 2).
Abschließend hat die KPMG den Zeitbedarf der Informationspflichten mit den in der KV ermittelten beziehungsweise bekannten Häufigkeiten multipliziert. Das Ergebnis zeigt den zeitlichen Aufwand in den Arztpraxen zur Bewältigung bürokratischer Tätigkeiten. Bewertet mit dem Stundensatz für ärztliche beziehungsweise Mitarbeitertätigkeiten, ergibt sich der Aufwand in Euro für jeden bürokratischen Prozess. Eine Arztstunde wurde nach Berechnung der KBV mit 70,14 Euro bewertet.
Die Bürokratiekosten für das Jahr 2005 betragen für die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten in Westfalen-Lippe insgesamt 160 Millionen Euro. An der Spitze stehen die Dokumentationspflichten bei genehmigungspflichtigen Leistungen und Früherkennungsuntersuchungen. Es folgen die Praxisgebühr, DMP und Krankenkassenanfragen.
Analysiert man die Prozesse im Einzelnen (Grafik 4), entstanden die höchsten Bürokratiekosten im Zusammenhang mit der diagnostischen Radiologie. Erwartungsge-mäß folgen die „Bürokratieklassiker“ Praxisgebühr, Gesundheitsuntersuchung, DMP und Anfragen der Krankenkassen auf den weiteren Plätzen. Unterstellt man vergleichbare Werte in den übrigen KV-Bereichen, so betragen die Bürokratiekosten bundesweit circa 1,6 Milliarden Euro pro Jahr, allein für den Einzug der Praxisgebühr rund 220 Millionen Euro.
Die vorliegende Untersuchung hat erstmalig die Bürokratiebelastung von Vertragsärzten transparent gemacht und quantifiziert. Die jeweiligen Normgeber (Bundesregierung, Gemeinsamer Bundes­aus­schuss sowie Spitzenverbände der Ärzte und Krankenkassen) sind mit der durchgeführten Messung über die größten „Kostentreiber“ informiert. Sie sind somit in der Lage, die notwendigen Veränderungen zu realisieren.
In einem ersten Schritt sollten insbesondere die Dokumentationspflichten bei Vorsorge- und Gesundheitsuntersuchungen auf Notwendigkeit und Umfang geprüft werden. Weiterhin sind die Dokumentationspflichten bei den Disease-Management-Programmen weiter zu vereinfachen. In der psychotherapeutischen Versorgung sollte eine deutliche Verschlankung des Gut-achterverfahrens erwogen werden, da der Aufwand zur Beantragung einer Psychotherapie in keinem Verhältnis zu den eigentlichen Kosten der Therapie steht.
Bürokratie-TÜV für künftige Regelungen
Insbesondere wird die Politik sich an ihrem eigenen Versprechen zur Entbürokratisierung messen lassen müssen. Dazu sollte jedes Jahr bundesweit ein KV-Bürokratie-Report erstellt werden, der die Fortschritte dokumentiert. Ergänzend ist sinnvoll, einen Normenkontrollrat/Bürokratie-TÜV für den Gesundheitsbereich im Gesetzgebungs-/Richtliniengebungsverfahren zu installieren, der unnötige Bürokratie bei zukünftigen Regelungen verhindert.
Der vollständige Bericht zur Bürokratiekostenmessung unter: www.kvwl.de.
Dr. Thomas Kriedel, Thomas Müller
Holger Boehnert*


* Dr. Thomas Kriedel ist Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, Thomas Müller ist Ressort-Geschäftsführer der KVWL, und Holger Boehnert ist Prokurist bei der KMPG.
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