ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2006Schulmedizin und Komplementärmedizin: Annäherung statt Verteidigung des eigenen Terrains

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Schulmedizin und Komplementärmedizin: Annäherung statt Verteidigung des eigenen Terrains

Dtsch Arztebl 2006; 103(51-52): A-3456 / B-3009 / C-2885

Hibbeler, Birgit

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Die Kombination verschiedener Konzepte kann besonders bei komplexen Fällen eine sinnvolle Therapieoption sein.
Die Kombination verschiedener Konzepte kann besonders bei komplexen Fällen eine sinnvolle Therapieoption sein.
Mit der „Fallkonferenz Integrative Medizin“ setzt das „Dialogforum Pluralismus in der Medizin“ auf den Diskurs anhand von praktischen Beispielen – ohne ideologische Grabenkämpfe.

Das Verhältnis von Schulmedizin und alternativen Heilverfahren, der Komplementärmedizin, ist vielfach von Misstrauen und Ablehnung geprägt. Tatsache ist aber, dass in der Praxis unterschiedliche Behandlungsansätze längst ohne ideologische Bedenken eingesetzt werden. Viele niedergelassene Ärzte bieten komplementärmedizinische Verfahren an, und die Therapien werden von den Patienten in einem hohen Maß nachgefragt.
Für eine Annäherung zwischen den Vertretern von Schulmedizin und komplementären Verfahren kann es hilfreich sein, wenn sich der Diskurs auf der Grundlage praktischer Fallbeispiele entwickelt, also auf den Patienten ausgerichtet ist und nicht auf einer theoretisch-ideologischen Ebene stattfindet. Diese Erfahrung haben die Teilnehmer der „Fallkonferenz Integrative Medizin“ des „Dialogforums Pluralismus in der Medizin“ Anfang Dezember in Düsseldorf gemacht.
„Die fallspezifische Betrachtung führt zu einer Art Abrüstung und verhindert die Verteidigung des eigenen Terrains“, sagte Dr. rer. pol. Wolfgang Klitzsch, Geschäftsführer der Ärztekammer Nordrhein. Mit den Vorbehalten gegenüber anderen Behandlungssystemen sei es wie mit dem „Scheinriesen Tur-Tur“ in der Erzählung „Jim Knopf“. Je näher man sich komme, desto kleiner seien die Gegensätze.
Im Rahmen der Konferenz diskutierten Schulmediziner mit Ärzten aus den unterschiedlichen Therapierichtungen, darunter Homöopathie, traditionelle chinesische Medizin, Naturheilverfahren und anthroposophische Medizin. Die verschiedenen Behandlungsoptionen wurden anhand zweier Fallbeispiele verdeutlicht: chronische Schmerzen bei Fibromyalgie und funktionelle Darm­er­krank­ung.
Die Therapie chronischer Schmerzerkrankungen ist eine besondere Herausforderung für den behandelnden Arzt. Darauf wies Priv.-Doz. Dr. med. Dominik Irnich, Klinik für Anästhesiologie der Universität München, hin. Viele Schmerzpatienten hätten eine lange Behandlungsgeschichte hinter sich, und die Therapie sei komplex. Die direkten und indirekten Behandlungskosten durch chronische Schmerzen stuft er als immens ein. „Bei diesen Patienten ist es absolut notwendig, in alle Bereiche hineinzuschauen“, sagte Irnich. Dazu zählt er in jedem Falle psychotherapeutische Verfahren, aber auch die Komplementärmedizin. Angesichts der Vielzahl von Methoden sei es allerdings notwendig, in diesem Bereich „die Spreu vom Weizen“ zu trennen. Dazu forderte Irnich mehr Forschung zu komplementärmedizinischen Verfahren. Für einen multimodalen Therapieansatz in der Schmerzbehandlung plädierte ebenfalls Prof. Dr. med. Karin Kraft, Lehrstuhl für Naturheilverfahren der Universität Rostock. „Kein einzelnes Konzept kann in solch komplexen Fällen helfen“, betonte sie.
Für eine Brückenbildung zwischen Schul- und Komplementärmedizin sprach sich auch Dr. med. Michael Teut, Gesundheitszentrum Polikum, Berlin, aus. „Der Patient steht mit seinem Problem auf dem Markt der Möglichkeiten.“ Einerseits führe das zu einer Überforderung des Kranken. Andererseits gebe es kaum Absprachen zwischen den unterschiedlichen Behandlern, denn diese wüssten vielfach nichts voneinander. Schon deshalb sei ein Dialog unabdingbar.
Ebenso wie bei chronischen Schmerzen ist es in der Therapie funktioneller Darm­er­krank­ungen hilfreich, wenn der behandelnde Arzt einen ganzheitlichen Blick hat. Dieser Ansicht ist Prof. Dr. med. Eckhart G. Hahn, Leiter der Medizinischen Klinik I, Universität Erlangen. Dazu sei es aber unbedingt notwendig, komplementärmedizinische Inhalte in die medizinische Aus- und Weiterbildung einfließen zu lassen.
Klitzsch wertete die Düsseldorfer Fallkonferenz als großen Erfolg. Er kündigte an, im kommenden Jahr solle das „Dialogforum Pluralismus in der Medizin“ auf eine nationale Ebene gebracht werden. Das Forum wurde vor sechs Jahren unter Mitwirkung von Bundes­ärzte­kammerpräsident Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe gegründet.
Dr. med. Birgit Hibbeler

Weitere Informationen im Internet: www. dialogforum-pluralismusindermedizin.de
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