ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2006Malnutrition bei Hochbetagten: Kachexie ist keine „normale“ Alterserscheinung

MEDIZINREPORT

Malnutrition bei Hochbetagten: Kachexie ist keine „normale“ Alterserscheinung

Dtsch Arztebl 2006; 103(51-52): A-3460 / B-3012 / C-2888

Hibbeler, Birgit

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Viele Senioren sind unzureichend ernährt. Die Folgen: Muskelschwäche mit Sturzgefahr sowie ein erhöhtes Risiko für Wundheilungsstörungen, Dekubiti und Infektionen.

Auswirkungen der Malnutrition: Wundheilungsstörungen und Infektanfälligkeit sind programmiert. Foto: Superbild
Auswirkungen der Malnutrition: Wundheilungsstörungen und Infektanfälligkeit sind programmiert. Foto: Superbild
Die Deutschen sind zu dick“ oder „Deutschlands dicke Kinder“, so und ähnlich titeln die Medien, wenn von Fehlernährung die Rede ist. Die Adipositas ist jedoch nur bis zu einem gewissen Alter das häufigste ernährungsbedingte Gesundheitsproblem, denn viele alte und hochbetagte Menschen leiden an einer Mangelernährung. Nach einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) ist jeder zweite Krankenhauspatient, der älter als 75 Jahre ist, mangelernährt – verbunden mit einem höheren Risiko für eine verzögerte Genesung.
„Der Begriff Fehlernährung wird in erster Linie mit Übergewicht verbunden“, erläuterte Prof. Dr. med. Cornel Sieber, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG). Dabei seien etwa 1,6 Millionen Deutsche mangelernährt. Das Wissen über die Malnutrition im Alter sei viel zu wenig im Bewusstsein der Gesellschaft und der behandelnden Ärzte verankert, kritisierte Sieber beim gemeinsamen Jahreskongress der DGG und der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie in Berlin.
Eine Gewichtsabnahme ist besonders bei Hochbetagten mit einem erhöhten Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko verbunden. Die Folgen reichen von körperlicher Schwäche und Müdigkeit bis hin zu einer erhöhten Infektanfälligkeit. Das Risiko, einen Dekubitus zu entwickeln, nimmt zu, ebenso die Inzidenz von Wundheilungsstörungen. Außerdem könne der Energie- und Eiweißmangel zu einer Abnahme der Muskelmasse führen, sodass die Sturzgefahr steige. Am Ende der Kette stünden Gebrechlichkeit, Hilfs- und Pflegebedürftigkeit. Denkbar sei auch ein Zusammenhang zwischen Mangelernährung und der Entwicklung einer Demenz, betonte Sieber.
Die Ursachen der Malnutrition sind vielfältig. Das Geschmacksempfinden verändert sich im Alter, die Magenentleerung verzögert sich. Hinzu kommen Bewegungsmangel, Appetitlosigkeit und ein nachlassendes Durstempfinden. Auch die Vielzahl an Medikamenten, die Senioren einnehmen, spielen eine Rolle. Schmerzende Zähne oder schlecht sitzende Prothesen können das Kauen erschweren. Auch eine Schluckstörung ist abzuklären.
Manchmal liegt aber das Problem an der Zusammensetzung des Essens. Das verdeutlichte Priv.-Doz. Dr. Dorothee Volkert vom Institut für Ernährungswissenschaft der Universität Bonn. In einer Studie mit etwa 390 Altenheim-Bewohnern konnte sie nachweisen, dass der Gehalt an Vitaminen und Spurenelementen durchweg unter der empfohlenen Menge lag. Auch zurückliegende Untersuchungen hätten gezeigt, dass die Nahrung in Pflegeheimen häufig zu fettreich und nährstoffarm sei.
Allianz gegründet
Ein kachektischer Habitus bei Hochbetagten wird häufig von Ärzten, Pflegepersonal und Angehörigen als „normale“ Alterserscheinung angesehen. Um diesem Missstand entgegenzuwirken, wurde die „Allianz gegen Mangelernährung“ gegründet. Initiatoren sind neben DGG und DGEM die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und die Deutsche Seniorenliga. Die Allianz setzt sich dafür ein, dass die Intervention bei Malnutrition möglichst frühzeitig beginnt. Vor diesem Hintergrund fordert sie, dass der Ernährungszustand von Krankenhauspatienten, Pflegeheimbewohnern, aber auch von älteren Menschen, die noch zu Hause leben, regelmäßig erfasst wird.
Bei der Diagnose einer Malnutrition steht die Bestimmung des Body-Mass-Index an erster Stelle. Zudem sollte ein Ernährungsassess-ment durchgeführt werden, etwa das Mini Nutritional Assessment (MNA) oder der Nutritional Risk Score (NRS), ergänzt durch Labordiagnostik. Als guten Prognose- und Verlaufsparameter stuft Priv.-Doz. Dr. med. Romana Lenzen-Großimlinghaus (Ev. Krankenhaus für Geriatrie, Potsdam) das Gesamteiweiß im Serum ein. Ihre Einrichtung hat an einem bundesweiten Benchmark-Projekt zum Thema Malnutrition teilgenommen. Im Rahmen eines Qualitätszirkels wurde festgelegt, wie Diagnostik und Therapie zu erfolgen hatten. Als Assessment wurde ein modifizierter MNA verwendet, denn, so betonte Lenzen-Großimlinghaus, der MNA sei vielfach aufwendig und nicht praktikabel.
Bei vorliegender Malnutrition oder dem Risiko, eine solche zu entwickeln, wurde die Nahrungsmenge der Patienten dokumentiert. Zudem erhielten die Patienten in der Potsdamer Einrichtung eine besondere Kost (1,5 g Eiweiß und 30 kcal pro Kilogramm Körpergewicht) in Form von sechs Mahlzeiten am Tag. Gegebenenfalls wurden Supplemente in Form von proteinreicher, hochkalorischer Trinknahrung und Vitaminpräparate eingesetzt.
Bei der Mehrheit der Patienten sei es durch diese Maßnahmen zu einem Anstieg der Serumproteine sowie zu einer Verbesserung der Mobilität und des funktionellen Status gekommen, sagte Lenzen-Großimlinghaus. Ihr Fazit: „Eine systematische eiweißreiche Ernährung bei Risikopatienten lohnt sich.“ Jedoch sei das Projekt noch nicht abschließend ausgewertet.
Die optimal auf den Patienten abgestimmte Nahrung ist allerdings nutzlos, wenn dieser sie nicht zu sich nimmt. Viele Alte und Hochbetagte brauchen Hilfe beim Kleinschneiden des Essens oder bei der Nahrungsaufnahme. Die pflegerische Zuwendung, die Patienten zum Essen motiviert, ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Zudem deuten Studien darauf hin, dass ältere Menschen mehr essen, wenn sie in Gesellschaft sind, und nicht allein in ihrem Krankenzimmer. Es sind also auch die „weichen“ Faktoren, die einen Einfluss auf eine ausreichende Ernährung haben. Menschliche Zuwendung und Zeit stehen dabei ganz oben auf der Liste.
Dr. med. Birgit Hibbeler

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema