ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2006Depressionen: Bei Senioren spät oder gar nicht diagnostiziert

MEDIZINREPORT

Depressionen: Bei Senioren spät oder gar nicht diagnostiziert

Blaeser-Kiel, Gabriele

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LNSLNS Die affektive Symptomatik wird häufig durch somatische und vegetative Beschwerden überlagert.

Bei alten Menschen werden affektive Symptome nur allzuleicht als normale Reaktion auf die als beschwerlich empfundenen Lebensumstände angesehen. Obwohl die Depression mit einer Prävalenz von etwa 15 Prozent die häufigste Erkrankung in der Gerontopsychiatrie ist, wird sie in dieser Population entweder gar nicht oder erst sehr spät diagnostiziert. Da die Senioren als Konsequenz auch keine adäquate Therapie erhielten, werde ihnen die Chance auf die Teilhabe an einem aktiven Leben genommen, beschrieb Dr. med. Gerhard Dieter Roth (Ostfildern) bei einer Pressekonferenz in Hamburg den Circulus vitiosus: „Auch im höheren Lebensalter darf eine Depression nicht als Lebensnormalität missgedeutet werden.“
Die rasche Diagnose werde häufig auch dadurch erschwert, dass etwa zwei Drittel der Betroffenen primär keine Symptome angeben, die auf eine Depression hinweisen könnten. Etwa jeder zehnte verneint sogar auf Nachfrage psychische Krankheitszeichen, wie sich den Daten der WHO-Collaborative-Study (NEJM 1999; 341: 1329– 35) entnehmen lässt. Je älter der Patient, desto häufiger wird die affektive Symptomatik durch somatische und vegetative Beschwerden wie Dyspnoe, Schmerzphänomene oder Schwindel kaschiert.
Die Depressionsdiagnostik hat sich nach Angaben von Roth mit Einführung der ICD-10 (International Classification of Diseases – Version 10) wesentlich vereinfacht und erlaubt daher bereits in der Hausarztpraxis eine erste Differenzierung in leichte und mittlere Schweregrade der Depression. Wenn die Diagnose gestellt sei, müsse – und zwar unabhängig vom Alter des Patienten – entsprechend therapiert werden.
Die zentrale Säule sei auch bei Senioren die medikamentöse Behandlung, die in 60 bis 70 Prozent der Fälle erfolgreich sei. Für sinnvoll hält er darüber hinaus eine begleitende Psychotherapie. Denn depressive Menschen führten häufig ein „depressives Leben“, was dann letztlich bedeute, dass sich die Depression durch die Lebensführung selbst unterhalte.
Bei der Wahl des Antidepressivums muss das pharmakokinetische Profil und die Art des Metabolismus beachtet werden. Denn der Alterspatient ist in der Regel multimorbid und nimmt durchschnittlich vier bis sechs verschiedene Medikamente ein. Damit ist er ein Risikokandidat für Wechselwirkungen. Doch nicht nur Pharmaka interagierten mit dem mikrosomalen Enzymsystem der Leber, sondern auch das Rauchen, erinnerte Dr. med. Gabriel Eckermann (Kaufbeuren) an einen häufig vernachlässigten Zusammenhang.
Die im Zigarettenrauch enthaltenen Benzpyrene sind potente Induktoren des Zytochroms CYP-1A2. Wird bei einem starken Raucher zur Therapie ein Antidepressivum mit dem gleichen Metabolisierungsweg eingesetzt, dann muss hoch dosiert werden, weil nur etwa halb so hohe Serumspiegel erreicht werden wie bei einem Nichtraucher. Verzichten diese Patienten plötzlich auf das Rauchen, können die Serumspiegel sogar bis in den toxischen Bereich steigen.
Gabriele Blaeser-Kiel

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