ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2006Exzellenzwettbewerb: Scheinwettbewerb
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Die Entscheidung der Exzellenzinitiative am 13. Oktober 2006 kann nicht unkritisch als Sieg der Wissenschaft gefeiert werden. Da die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Wissenschaftsrat jahrelang im Vorfeld des Wettbewerbs durch die Zuweisung von Fördergeldern und den verordneten Strukturwandel von Fakultäten über das Wohl und Wehe einer Universität entscheiden, hinterher aber auch selbst bestimmen, wer der Sieger ist, ist die Exzellenzinitiative eine Nebelkerze für die Massenmedien. Die Führungsspitze der DFG kann selbst ausgewachsene Universitäten am ausgestreckten Arm verhungern lassen, so es ihr gefällt. Sportlicher Wettbewerb ist zwar eine feine Sache, weil er Impulse setzen kann. So hat z. B. der BioRegio-Wettbewerb des damaligen Bun­des­for­schungs­minis­ters Jürgen Rüttgers durchaus positive Entwicklungen in Gang gesetzt. Selbst beim Scheinwettbewerb der Exzellenzinitiative könnte als positive Wirkung resultieren, dass das Biotech-Cluster um München gegen die starke weltweite Konkurrenz langfristig überlebensfähig bleibt. Nur sollte der Wettbewerb auch dauerhaft sinnvoll strukturiert werden. In mehrfacher Hinsicht verstetigt die Exzellenzinitiative aber eine Entwicklung, die ihre schädliche Wirkung auf die deutsche Forschung und Deutschland selbst vertiefen wird. Die Organe der deutschen Wissenschaftspolitik haben die politische Entwicklung Deutschlands seit dem Kaiserreich nicht in ausreichender Weise mit vollzogen. Die DFG vereint seit jeher wissenschaftliche Legislative, Exekutive und Judikative in ihrer Spitze und ist damit eine in ihrem Wesen antidemokratische Institution. Analog fehlen auch innerhalb des noch jungen European Research Council (ERC) sportlicher Wettbewerb und Gewaltenteilung . . . Die athenische Verfassung des Kleisthenes aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert könnte einige wertvolle Anregungen zur Verbesserung des ganzen Schlamassels sowohl der deutschen Wissenschaftspolitik als auch der EU-Administration bieten.
Priv.-Doz. Dr. med. Hans Helmut Niller,
Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene,
Universität Regensburg, Forschungszentrum,
Landshuter Straße 22, 93047 Regensburg
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