ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2006Die Medizin im Spiegel der zeitgenössischen Kunst: Ein fulminantes Ausstellungsprojekt

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Die Medizin im Spiegel der zeitgenössischen Kunst: Ein fulminantes Ausstellungsprojekt

Groß, Roland

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LNSLNS „Das Leben ohne Kunst wäre ärmer, das Leben ohne Medizin wäre kürzer, beide erscheinen uns unverzichtbar.“

Edith Micansky: BSG, 2004. Foto: Kunstmuseum Ahlen
Edith Micansky: BSG, 2004. Foto: Kunstmuseum Ahlen
Vielleicht ist es die immer wieder stattfindende, ganz unterschiedliche Beschäftigung mit den letzten Dingen, mit den Randbereichen der Existenz, die die bildende Kunst und die Medizin relativ eng zusammenführt.“ Zumindest der Anteil an Kunstsammlern unter den Medizinern, von ostasiatisch bis zeitgenössisch – siehe Sammlung Murken oder Sammlung Speck – ist überdurchschnittlich hoch. Wenn Ralf Scherer, Chefanästhesist am Clemenshospital in Münster, über Kunst spricht, ist er hellwach. Er wuchs mit regem Interesse an Avantgardekunst auf – die Mutter Kunsthistorikerin, der Vater Chirurg.
So erzählt Ralf Scherer von dem Aktions-Künstler Günther Saree aus dem Beuys-Umkreis, der auf der legendären 1972er-documenta 5 in Kassel Freiwillige für ein Narkose-experiment suchte, bestehend aus Tiefschlaf und Tiefsinn. Unter der Mitwirkung eines Anästhesisten (es war nicht Scherer) sollten Freiwillige kurzzeitig das Selbsterfahrungsgefühl jenes „big sleep“ verarbeiten, gleichsam die temporäre Simulation von Vergänglichkeit, des Übergangs vom Leben zum Tod. Saree starb wenige Monate später an Krebs. Scherer, immer noch fasziniert: „Da wurde ein realmedizinischer Akt tatsächlich in eine künstlerische Aktion integriert. Die Kunst benutzte die Medizin in einer Art metaphorischen Rolle.“
Spätestens seitdem wucherte die Kunst immer heftiger im Anästhesisten Scherer, was nunmehr in einem fulminanten Ausstellungsprojekt, unter dem Titel „Diagnose Kunst – die Medizin im Spiegel der zeitgenössischen Kunst“, im Kunstmuseum Ahlen, unweit von Münster, seinen breiten visuellen Niederschlag findet. Unter der Mitwirkung des Ahlener Museumsdirektors Burkhard Leismann und der Kuratorin Anna Lammers wurde das Kunstmuseum komplett für 150 Exponate von fast 60 internationalen Künstlern geräumt– der Fokus liegt auf den vergangenen 15 Jahren. Die Namensliste reicht von Roy Adzak und Heather Barnett, über Chuck Close, Wim Delvoye, Mark Dion und Thomas Grünfeld, bis Damien Hirst, Via Lewandowsky, Thomas Lochner, Orlan, Jaume Plensa, Marc Quinn, Daniel Spoerri, Matt Mullican und Lawrence Weiner. Die Tablette als Hostie der Neuzeit: Der britische Starkünstler Damien Hirsts verabreicht seine schräg-böse, irritierend authentische Medikamentenserie in plakativen Bildformaten. So bietet er unter dem Projekt-Titel „Das letzte Abendmahl“ etwa „Salad tablets – Lamviudine“, „Sandwich – Saquinavir 200 mg“ oder „Chicken – Concentrated Oral Solution, Morphine Sulphate“ an. Das Medikament zwischen Heilsanspruch und Nährersatz – ein Aspekt, den die Ausstellung unter das Kapitel „Religion – Medizin“ platziert, was nicht immer glückt, da man auch banalste Bezüge ins Rubriken-korsett zwängt: etwa Wim Delvoyes’ Kirchenfenster („Erato“, 2002), das Röntgenaufnahmen eines Liebespaars im Kernspintomographen in die antike Fensterstruktur implantiert. Dort finden auch die Rosenkränze Paddy Hartleys aus Tabletten und chirurgischen Verbrauchsmaterialien ihren Platz oder Mark Wallingers beeindruckende Leuchtkasteninstallation „Wer sieht, glaubt“. Andere Ausstellungssektionen sind betitelt mit „Medizinischer Akt – künstlerische Aktion“, „Kunst und Krankheit“ oder „Kunst und Biowissenschaften“.
In dem ungemein anregenden Ausstellungsparcours aus künstlerischer Hinterfragung, Analyse und Bearbeitung, dies in Hinblick auf die moderne Medizin, versammelt (unter der Rubrik „Porträts“) die Ärztin Edith Micansky in ihrer gewaltig roten Installation „BSG“ (2004) gleichsam alle ihre Patienten. Das Kunst-Gesicht der Französin Orlan darf nicht fehlen. Sie vernäht ihre Physiognomie über den Prozess sogenannter chirurgischer „Performance“-Operationen immer wieder neu, lässt sie mit Silikoneinlagen zur offensichtlichen Gesichtslandschaft werden: ein Kunst-Körper außerhalb der Determinierung seiner Gene.
Angesichts all dessen klingt das Schlusswort Ralf Scherers versöhnlich: „Kunst ist kein Luxus, sie gehört zum Leben. Das Leben ohne Kunst wäre ärmer, das Leben ohne Medizin wäre kürzer, beide erscheinen uns unverzichtbar.“
Roland Groß


Die Ausstellung ist bis zum 14.Januar 2007 zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis freitags von 11 bis 18 Uhr. sonntags von 10 bis 18 Uhr; Zur Ausstellung ist ein zweisprachiger Katalog (deutsch/englisch) im Wienand-Verlag erschienen. Preis: 30 Euro. Anschrift: Kunstmuseum Ahlen, Museumsplatz 1, Telefon: 0 23 82/9 18 30. Internet: www.kunstmuseum-ahlen.de. Die Ausstellung ist vom 17. Mai bis 22. Juli 2007 im Kulturspeicher Würzburg zu sehen. Weitere Stationen sind geplant.
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