ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2006Börsebius: Kompetente Affenschar

GELDANLAGE

Börsebius: Kompetente Affenschar

Dtsch Arztebl 2006; 103(51-52): A-3503 / B-3051 / C-2927

Rombach, Reinhold

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Von Berufs wegen lese ich morgens mehrere Zeitungen, was Lustgewinn und Wissenszuwachs prima kombiniert. Normalerweise. In den letzten Tagen vor dem Jahreswechsel häufen sich allerdings die Prognosen, wie es denn 2007 an den Börsen wohl laufen wird. Das Ausmaß der Verwirrung steigt mit der Zunahme widersprüchlicher Prophezeiungen. Am meisten ärgern mich Leute, die sich nach allen Seiten absichern. „Für das kommende Jahr sehe ich gute Perspektiven für die US-Aktienmärkte und die asiatischen Börsen. Allerdings sehe ich auch Gefahren und schließe größere Schocks nicht aus“, meinte ein Experte, dessen Namen ich mal lieber nicht nenne, weil er sich so oder so als treffsicherer Experte feiern lassen wird.
So richtig auf die Pauke haut Jörg Laser von der Conrad Hinrich Donner Bank, voller Scham gebe ich Kunde, dass ich das Haus gar nicht kenne. „Eine sehr günstige Bewertung, weiter steigende Unternehmensgewinne, niedrige Zinsen und damit ein Mangel an Anlagealternativen wird viel Liquidität in den Aktienmarkt treiben“, verkündet der Leiter Private Banking. Sage und schreibe 8 000 Punkte soll der DAX im nächsten Jahr bringen. Donnerwetter, der Mann traut sich was.
Die vergleichsweise kleine Schar der Kassandra-Fraktion wird von der Nord/LB angeführt. Marktstratege Jens Kramer sieht den DAX sogar in Gefahr, unter die Marke von 6 000 Punkten zu rutschen. „Wir rechnen mit einer deutlichen Abkühlung der Weltkonjunktur, ausgehend vom rückläufigen Wachstum in den USA“, schreibt Kramer und fährt fort: „Zudem wird die Binnenkonjunktur in Deutschland nachlassen, weil die Einkommen der Haushalte durch Mehrwertsteuererhöhung und einen höheren Beitrag zur Rentenversicherung belastet werden.“ Ob also die Hausse voranschreitet oder abbricht, ist also nach wie vor offen. Persönlich neige ich zu der Annahme, dass die positiven Fakten bereits im DAX verarbeitet sind und die Risiken (Zinsen, Ölpreis, US-Immobilienblase) eher nicht. Daraus wäre der Schluss zu ziehen, wenn, dann mit großer Vorsicht investiert zu sein, Stock-Picking (selektive Einzeltitel) zu betreiben und ansonsten eine gehörige Portion Kasse zu halten. Wer sich auch immer welcher Prognose anschließt, mag bedenken, dass die Mehrheit der Experten in der Vergangenheit immer schieflag. Kaum jemand sagte den Einbruch im Mai voraus, der übrigens (neben dem Ölpreisanstieg) von einer Schieflage der isländischen Krone initiiert wurde, was in kaum einer Analyse zu finden ist.
Unvergessen ist das wissenschaftliche Dart-Experiment, bei dem eine Horde Primaten mit Wurfpfeilen auf eine Auswahl von Aktien zielte und mit dieser Zufallsauswahl die meisten Experten aus dem Felde schlug. Diese kompetente Affenschar mahnt uns, Demut vor Fachwissen zu setzen.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.