ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2006Senior-Experten: Wissen deutscher Senioren in aller Welt gefragt

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Senior-Experten: Wissen deutscher Senioren in aller Welt gefragt

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LNSLNS Der „Senior Experten Service“ vermittelt Rentner für ehrenamtliche Einsätze in mehr als 150 Länder. Auch Ärzte im Ruhestand können ihr Fachwissen weitergeben.

„Senior-Experte“ im Einsatz: Augenarzt Gerhard Pülhorn bei seiner Arbeit im Danyang Medical Hospital. Fotos: Gerhard Pülhorn
„Senior-Experte“ im Einsatz: Augenarzt Gerhard Pülhorn bei seiner Arbeit im Danyang Medical Hospital. Fotos: Gerhard Pülhorn
Es sind nur noch wenige Tage. Dann wird Dr. med. Gerhard Pülhorn seine Arbeit als Arzt an den Nagel hängen. Ende des Jahres gibt der Facharzt für Augenheilkunde aus Lichtenfels (Bayern) seine Kassenzulassung ab und tritt in den verdienten Ruhestand. Die Sorge, dass er sich künftig langweilen könnte, hat der 65-Jährige allerdings nicht – nicht zuletzt deshalb, weil er sich beim „Senior Experten Service“ (SES) hat registrieren lassen. Die Bonner Organisation vermittelt Fachleute, die aus dem Berufsleben ausgeschieden sind, für ehrenamtliche Einsätze in alle Welt: Handwerker, Ingenieure, aber auch Ärzte.
Im Herbst hat Pülhorn während seines Urlaubs bereits den ersten Einsatz absolviert. Der SES schickte ihn für einen Monat nach China, in die Stadt Danyang, etwa 250 Kilometer westlich von Shanghai. Dort war er in der augenheilkundlichen Abteilung des „Danyang Medical Hospital“ tätig, schulte die Ärztinnen und Ärzte theoretisch und praktisch in der Phakoemulsifikation, einer OP-Technik zur Behandlung des grauen Stars. Eine Ausrüstung sei vorhanden gewesen – zwar technisch nicht auf dem neuesten Stand, aber funktionsfähig.
„Das war ein rundum sinnvoller Einsatz für beide Seiten“, resümiert Pülhorn. Es habe ihm Spaß gemacht, das Wissen aus seiner belegärztlichen operativen Tätigkeit weiterzugeben. Zudem habe er die Möglichkeit gehabt, China kennenzulernen, ein Land, das er noch nie bereist hatte. Dabei sei er kein normaler Tourist gewesen, sondern habe einen Einblick in das dortige Gesundheitswesen bekommen. !
Im Krankenhaus stand Pülhorn immer ein Dolmetscher zur Seite: ein Augenarzt aus Shanghai, der vom Chinesischen ins Englische übersetzte. Die Kollegen in Danyang seien unheimlich interessiert an seiner Arbeit gewesen, berichtet Pülhorn. Auch in der Ambulanz fungierte er als Lehrer und gab so seine langjährigen Erfahrungen in Diagnostik und Therapie weiter.
Ob er noch einmal einen solchen Einsatz machen würde? „Sofort“, antwortet Pülhorn, ohne Zögern. Für ihn ist die Tätigkeit als Senior-Experte ein Ansporn, sich auch künftig über neue ophthalmologische OP-Techniken auf dem Laufenden zu halten.
Pülhorn hat vom SES durch einen Bekannten erfahren. Auslandseinsätze in Entwicklungsländern hatte er zuvor nicht absolviert. Solche Erfahrungen sind also beim SES kei-ne Voraussetzungen. Wichtiger sind Einsatzbereitschaft und Spaß an neuen Herausforderungen.
Der SES vermittelt schon seit mehr als 20 Jahren Experten, die aus dem Berufsleben ausgeschie-den sind, in alle Welt – „vom Berufsschullehrer bis zum Top-Manager“, sagt SES-Sprecherin Sonnhild Schretzmann. Viele Anfragen kämen aus dem Handwerk, aber auch aus den Bereichen Industrie und Handel sowie dem Dienstleistungssektor. Eine steigende Nachfrage verzeichnet Schretzmann neuerdings im Gesundheitswesen.
Gruppenbild mit Europäern: das Team der augenheilkundlichen Abteilung mit Pülhorn und seiner Ehefrau
Gruppenbild mit Europäern: das Team der augenheilkundlichen Abteilung mit Pülhorn und seiner Ehefrau
Die Einsätze der Senior-Experten dauern zwischen zwei Wochen und sechs Monaten und erfolgen auf Anfrage. Anreise und Aufenthalt werden in der Regel vom Auftraggeber bezahlt. In der SES-Datenbank sind etwa 7 000 Senioren aus allen möglichen Branchen registriert, davon rund 500 Ärzte. Die Fachleute arbeiten ehrenamtlich, erhalten aber ein kleines Taschengeld. 2005 kamen etwa 1 500 Einsätze in 90 Ländern zustande. Anfrage und Expertenprofil müssen zueinander passen. Vorwiegend sind die Senior-Experten in Entwicklungs- und Schwellenländern Asiens, Afrikas und La-teinamerikas sowie in Mittel- und Osteuropa tätig. Mittlerweile kommen auch Anfragen aus dem Inland. Einen großen Teil der Mittel für die Einsätze in Entwickungsländern stellt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zur Verfügung.
„Senior-Experten dürfen keine Arbeitsplätze besetzen“, betont Schretzmann. Sie sollen vielmehr die Menschen vor Ort mit Fortbildungen unterstützen, in Techniken einweisen oder auch strukturelle Vorschläge für die Arbeitsabläufe machen. Maximal 15 Prozent der Gelder dürfen im Jahr für Katastrophen- und Wiederaufbauhilfe verwendet werden.
Die Voraussetzung für einen SES-Einsatz sind gute Englischkenntnisse, denn oft gibt es vor Ort keine Dolmetscher, die ins Deutsche übersetzen können. Kenntnisse in der Landessprache sind von Vorteil, aber nicht zwingend notwendig. Die Senior-Experten können Wünsche angeben, in welchen Ländern sie bevorzugt eingesetzt werden möchten. „Ich würde nicht in jedes Land gehen“, meint Pülhorn. Einen Einsatz im Jemen habe er abgelehnt. Aber das sei gar kein Problem.
Der SES ist eine gemeinnützige GmbH und erhält finanzielle Unterstützung vom BMZ. Getragen wird die Organisation von vier Spitzenverbänden der Wirtschaft, darunter die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, der Bundesverband der Deutschen Industrie, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag sowie der Zentralverband des Deutschen Handwerks. Somit versteht der SES die Senioren zugleich als „Botschafter der deutschen Wirtschaft“, die im Ausland Kontakte pflegen.
Dr. med. Birgit Hibbeler
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