ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2007Zum Neuen Jahr: Optimismus ist Pflicht

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Zum Neuen Jahr: Optimismus ist Pflicht

Dtsch Arztebl 2007; 104(1-2): A-1 / B-1 / C-1

Stüwe, Heinz

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Heinz Stüwe Chefredakteur
Heinz Stüwe
Chefredakteur
Der Jahresbeginn teilt die Menschheit in zwei Gruppen – in Optimisten und Pessimisten. Sogar in Deutschland, dem vermeintlichen Land der Nörgler, Miesepeter und Bedenkenträger, gibt es neuerdings Menschen, die durchaus optimistisch auf das neue Jahr schauen. Die Zuversicht ist Reflex der verbesserten Wirtschaftslage und gibt zugleich der Konjunktur zusätzlichen Schub. Bezogen auf das Gesundheitswesen, besteht gleichwohl Anlass, mit dem englischen Schriftsteller John B. Priestley zu spotten, der in Optimisten Zeitgenossen sah, die ungenügend informiert sind. Sind nicht alle Zukunftsprobleme, die in der politischen Diskussion seit Langem hin- und hergewendet werden, zu Beginn des Jahres 2007 ungelöst? Die Finanznot im deutschen Gesundheitswesen ist nicht behoben – weder kurzfristig mit den zahlreichen Beitragssatzerhöhungen der Krankenkassen, die nur dazu dienen, politisch verursachte Defizite auszugleichen, noch langfristig, ist doch die Große Koalition an der angekündigten großen Finanzierungsreform grandios gescheitert. Ein stimmiges Zukunftskonzept ist weder für das Gesundheitswesen insgesamt noch für die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung erkennbar. Vielmehr marschiert die Regierung mit ihrem Reformgesetz weiter in eine falsche Richtung, hin zu mehr Staatseinfluss, zu noch mehr Regulierung und Einschränkung der ärztlichen Therapiefreiheit.
Gegen diese Entwicklung sind Ärztinnen und Ärzte im vergangenen Jahr aufgestanden – in Klinik und Praxis. Es geht ihnen dabei um etwas Grundsätzliches: Ärztinnen und Ärzte möchten sich mit ihrer Arbeit, die hohe gesellschaftliche Wertschätzung genießt, identifizieren. Aber unter den derzeitigen Bedingungen finden sie sich in ihrer Arbeit nicht wieder, weil die Mittel nicht ausreichen, weil die Fremdbestimmung zunimmmt. Die Entfremdung von der Arbeit und von sich selbst – das ist (in der Terminologie von Karl Marx) der Kern des Unmuts. Den politisch Handelnden scheint das noch immer nicht bewusst zu sein. Sie sollten die Warnungen des Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer und des Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) nicht überhören. Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe und Dr. med. Andreas Köhler hatten auf dem außerordentlichen Ärztetag am 24. Oktober darauf hingewiesen, dass noch mehr Ärzte sich aus dem System verabschieden könnten. Die KBV will das Reformgesetz nicht umsetzen, wenn es nicht noch zu substanziellen Änderungen kommt.
Zumindest die Bevölkerung spürt, dass die Anliegen der Ärztinnen und Ärzte berechtigt sind und dass der Protest im gemeinsamen Interesse von Patienten und Ärzten liegt. Ärzte haben nicht nur Verständnis gefunden, sie wurden verstanden. Das zeigte sich im vergangenen Jahr während der langen Tarifauseinandersetzung an den Unikliniken und den kommunalen Krankenhäusern ebenso wie bei den Aktionen der Niedergelassenen. Für die Zukunft gibt das zu Optimismus Anlass. Ähnliches gilt für die Tatsache, dass die Ärzteschaft 2006 gegenüber der Öffentlichkeit sehr geschlossen aufgetreten ist. Und nicht zuletzt stimmt hoffnungsfroh, dass die Gesundheitsberufe sich in ihrer Kritik an den Gesetzesplänen weitgehend einig sind und, wenn es um die Ablehnung der Staatsmedizin geht, sogar die Krankenkassen an ihrer Seite wissen. Optimisten haben also durchaus Argumente. Wer sich davon nicht überzeugen lässt, mag sich 2007 an den Philosophen Karl Raimund Popper halten: „Optimismus ist Pflicht. Man muss sich auf die Dinge konzentrieren, die gemacht werden sollen und für die man verantwortlich ist.“

Heinz Stüwe
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