ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2007Versorgungsforschung: Daten müssen gehoben werden

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Versorgungsforschung: Daten müssen gehoben werden

Rabbata, Samir

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Prof. Dr. med. Christoph Fuchs, Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer: „Wir müssen der Politik Angebote für eine vernünftige Gesundheitspolitik unterbreiten.“ Foto: FotoStation
Prof. Dr. med. Christoph Fuchs, Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer: „Wir müssen der Politik Angebote für eine vernünftige Gesundheitspolitik unterbreiten.“
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Im Gesundheitswesen gibt es viele aussagekräftige Patientendaten. Wie diese für die Versorgungsforschung nutzbar gemacht werden können, war die zentrale Frage eines Workshops der Bundesärztekammer und des Robert-Koch-Instituts.

Knapp zwei Jahre ist es her, dass die Delegierten des 108. Deutschen Ärztetages in Berlin der Finanzierung einer Förderinitiative der Bundesärztekammer (BÄK) zur Versorgungsforschung zugestimmt haben. Bewilligt worden war ein jährliches Fördervolumen in Höhe von 750 000 Euro über einen Zeitraum von sechs Jahren. Mit Blick auf die umstrittenen Reformpläne der Bundesregierung bekräftigte nun der Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer, Prof. Dr. med. Christoph Fuchs, die Notwendigkeit dieser Investition. „Angesichts der gegenwärtigen Entwicklung wird im Gesundheitswesen kein Stein auf dem anderen bleiben. Wir müssen deshalb der Regierung auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse Angebote für eine vernünftige Gesundheitspolitik unterbreiten können“, sagte Fuchs bei einem gemeinsamen Symposium der Bundesärztekammer und des Robert-Koch-Instituts zur künftigen Ausgestaltung der Versorgungsforschung. Die Ergebnisse der Tagung sollen im Rahmen des BÄK-Projekts „Report Versorgungsforschung“ aufbereitet und den Delegierten des nächsten Deutschen Ärztetages in Münster vorgelegt werden.
Im Mittelpunkt des Workshops stand die Frage, wie vorhandene Strukturen für periodisch wiederkehrende Datenerhebungen ausgebaut werden können. „Es gibt in den verschiedenen Versorgungsbereichen viele sehr gute Daten“, konstatierte der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer, Prof. Dr. med. Peter Scriba. Einig war er sich mit den anderen Experten darüber, dass diese Routinedaten trotz vorhandener Schwierigkeiten nutzbar gemacht und über die Versorgungssektoren hinweg vernetzt werden müssen. „Die Daten insbesondere aus der hausärztlichen Praxis sind ein großer Schatz, der nur darauf wartet, im Interesse einer validen Beschreibung des Gesundheitszustandes der Bevölkerung gehoben zu werden“, meint Prof. Dr. med. Eva Hummers-Pradier von der Medizinischen Hochschule Hannover. Als richtigen Schritt in diese Richtung sieht die Wissenschaftlerin die vom Bundesforschungsministerium geförderte Bildung von Kompetenznetzen zur Erforschung von Krankheiten. In mehreren der insgesamt 18 Netze seien allgemeinmedizinische Abteilungen maßgeblich beteiligt.
Eine weitere Initiative ist die ebenfalls vom Bundesforschungsministerium unterstützte Einrichtung eines Förderschwerpunktes „Forschung in der Allgemeinmedizin“. Eines der Ziele hierbei ist es, das „Krankheitspanorama der Bevölkerung unter Alltagsbedingungen“ zu beobachten. Teil dieses Projekts ist zudem eine Forschungsinitiative unter dem Titel „Medizinische Versorgung in der Praxis“ (MedViP). Nach Angaben von Prof. Dr. med. Michael Kochen übermitteln bereits seit 2002 Hausarztpraxen aus dem Bezirk der Kassenärztlichen Vereinigung Göttingen sowie aus dem Qualitätspraxen-Netz Freiburg ihre elektronisch gespeicherten und unter Pseudonymen verschickten Behandlungsdaten an die Abteilung Allgemeinmedizin der Universität Göttingen. An dem Forschungsprojekt ist ebenfalls der Lehrbereich Allgemeinmedizin der Universität Freiburg beteiligt. Die Ergebnisse der ersten Förderphase können sich sehen lassen. Anfang 2005 waren Daten von mehr als 600 000 Patienten aus 144 Praxen anonymisiert exportiert und analysiert worden. Sie gaben Aufschluss über Medikation, Leistungsziffern und Diagnosen.
Dass im Rahmen einer umfassenden Versorgungsforschung auch die Patientenzufriedenheit gemessen und ausgewertet werden muss, ist nach Meinung von Prof. Dr. rer. biol. hum. Marie-Luise Dierks unumgänglich. Sie warnte auf dem Symposium jedoch vor „selbst gestrickten“ Fragebögen, wie sie in manchen Kliniken zur Beurteilung der Patientenzufriedenheit zur Anwendung kämen. „Mit einem gehörigen Maß an Naivität wird da an Fragebögen gebastelt, deren Aussagekraft folglich nur gering ist“, sagte die Expertin von der Medizinischen Hochschule Hannover. Sie rät dazu, etwa den Bundes-Gesundheitssurvey, den Bertelsmann-Gesundheitsmonitor, aber auch international vergleichende Surveys zur Bewertung der Patientenzufriedenheit als Datenquellen zu nutzen. Bislang gebe es in diesem Bereich jedoch nicht viele verwertbare Daten. In Großbritannien sei man sehr viel weiter, so Dierks.
Samir Rabbata

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