ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2007Medizintechnik: Verwundert und verärgert
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Mit Verwunderung und einer gehörigen Portion Verärgerung habe ich den Artikel im DÄ zur Kenntnis nehmen müssen, stellt der doch eine großteils auf unbewiesenen Behauptungen gegründete Werbung für ein experimentelles und nicht unumstrittenes Behandlungsverfahren dar, ohne auf den werbenden Charakter hinzuweisen . . . Der Artikel wird zudem unter der Überschrift „Radiochirurgie“ geführt, ein Terminus, der eindeutig der stereotaktischen Einzeldosiskonvergenzbestrahlung zugeordnet ist. Diese wird im Gebiet der Neurochirurgie seit den 1970er-Jahren mithilfe des sogenannten Leksell Gamma Knife, die Bezeichnung Cyberknife ist hier sicherlich nicht zufällig gewählt, bei intrakraniellen Prozessen durch Neurochirurgien durchgeführt. Der Hinweis im Artikel, dass meist eine einmalige Strahlenbehandlung genüge, deutet darüber hinaus darauf hin, dass im Cyberknife-Zentrum in München tatsächlich so etwas wie eine Einzeldosiskonvergenzbestrahlung durchgeführt wird. Allerdings gibt es für die Radiochirurgie feste Standards, so wird z. B. die stereotaktische Fixierung des Schädels zwingend gefordert. Im Artikel wird dagegen anpreisend und mit überwiegend werbendem Charakter darauf hingewiesen, dass man nicht nur von diesem lege artis zu fordernden Standard bei radiochirurgischen Behandlungen intrakranieller Prozesse abweiche, der Standard wird sogar negativ bewertet: „Für den Patienten ist das Verfahren schmerzfrei und ohne Narkose oder örtliche Betäubung möglich. Bei der Behandlung muss der Patient nicht mehr mit einem invasiv und mit örtlicher Betäubung am Schädel fixierten Rahmen ruhig gestellt werden, sondern es genügt eine aufliegende Maske“ . . . Tatsächlich wird mithilfe des ebenfalls im Artikel beschriebenen robotischen Korrektursystems lediglich versucht, im Nachhinein eine Dislokation des Patienten unter der Maske zu korrigieren. Hierzu aber ist sowohl eine häufige Röntgenkontrolle während der Behandlung erforderlich, welche zu einer zusätzlichen Dosisbelastung führt, als auch ein Nachjustieren des Strahlerkopfes anhand der festgestellten Abweichung. Der vorhergehende „Schuss“, ich wähle diese Bezeichnung, da ja auch Sie von einem „Strahlenkreuzfeuer“ im Artikel sprechen, ist systembedingt aber um eben diese festgestellte Abweichung danebengegangen. Da jeder Strahlentherapeut weiß, dass eine Thermoplastmaskenfixierung Abweichungen um viele Millimeter zulässt, ist eine solche Fixierung zur Erreichung von Fixationsgenauigkeiten im angestrebten Bereich von einem halben Millimeter und weniger ungeeignet. Der stereotaktische Rahmen, der eben diese Fixationsgenauigkeit sicherstellt, ist in der Strahlentherapie und Radiochirurgie bei Einzeldosisbestrahlung ein erforderlicher Standard und lege artis . . . Die permanente Röntgenkontrolle während der Behandlung, die bei einem nach geführten System im Optimum bei nicht isozentrischer Bestrahlung aus 1 200 Richtungen, wie im Artikel angegeben, auch aus ebenso vielen röntgenologischen Positionsverifikationen bestehen müsste, ist bei PatientInnen mit gutartigen Erkrankungen allein schon aus Gründen des Strahlenschutzes im höchsten Maße bedenklich . . . Schließlich wird quasi als Rechtfertigung für den Einsatz und die Wirksamkeit des Verfahrens auf eine Vereinbarung mit der AOK Bayern „aufgrund der geringen Belastung“ als klarer Vorteil verwiesen. Da die „geringe Belastung“ wohl kaum im Bereich des Strahlenschutzes und der applizierten Dosis oder der erzielbaren stereotaktischen Genauigkeit liegen kann und auch die Kostenbelastung für die Krankenkasse deutlich über den Kosten z. B. für eine radiochirurgische Behandlung mit dem Linearbeschleuniger gemäß GOÄ liegt, ist nicht zu erkennen, auf welcher Rechtsgrundlage die Vereinbarung mit der AOK erfolgt ist, verpflichtet das Wirtschaftlichkeitsgebot nach SGB V die Krankenkassen doch ausdrücklich zum wirtschaftlichen Umgang mit den Mitteln der Versichertengemeinschaft. Auch für einen IV-Vertrag fehlt nach meinem Dafürhalten die Rechtsgrundlage, sind IV-Verträge ausdrücklich nur für etablierte Behandlungsverfahren, keinesfalls für experimentelle Verfahren zulässig . . .
Dr. med. Gerhard A. Horstmann, Lutherstraße 54, 47805 Krefeld
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