ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2007Semmelweis – Scanzoni: Ergänzungen zur Krankengeschichte
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Zunächst ist die Skepsis der Gynäkologen gegenüber Semmelweis verständlich. Durch andere Maßnahmen war die Müttersterblichkeit in der größten Gebärklinik Europas bereits von 15,8 Prozent (1842) auf 11,04 Prozent (1846) und 5,04 Prozent (1847) gefallen. Durch die zusätzlichen von Semmelweis durchgesetzten Maßnahmen – Waschung der Hände 15 Minuten in wässriger Chlorkalklösung vor Berührung einer Gebärenden – sank die Müttersterblichkeit von 5,04 Prozent (1847) auf 1,01 Prozent (1848) . . . Deshalb war es selbstverständlich, dass es einer Diskussion bedurfte, welche der verschiedenen ergriffenen Maßnahmen dafür verantwortlich waren. Semmelweis entzog sich einer solchen Diskussion, blieb selbst wohlmeinenden Kollegen Beweise schuldig, erging sich in den erwähnten Injurien und veröffentlichte erst 1861 eine Arbeit zum Thema „Kindbettfieber“. Kein Wunder, dass die Fronten so verhärtet waren. Ins Reich der Legende gehört aber die von den Autoren erwähnte Geisteskrankheit von Semmelweis. Dem ungarischen Arzt und Historiker Silló-Seidl gelang es vor etwa 30 Jahren, neue Unterlagen zu dieser Frage aufzustöbern, darunter die „Krankengeschichte“ der Niederösterreichischen Landesirrenanstalt. Semmelweis’ Gesundheit war durch den von ihm wesentlich mit verschuldeten polemischen Kampf physisch und psychisch schwer angegriffen. Seine Frau und angebliche ärztliche Freunde vermeinten in seinem Wesen bedenkliche Veränderungen festgestellt zu haben. Sie überredeten Semmelweis zu einer Kur in einem österreichischen Sanatorium. Auf der Durchreise in Wien führte man ihn jedoch unter dem Vorwand, ihm eine neue Klinik zeigen zu wollen, in eine „geschlossene Anstalt“ . . . Als Semmelweis merkte, wohin er geraten war, versuchte er zu entkommen . . . Dass Semmelweis schrie und sich wehrte, galt nach bewährter Irrenhausweisheit gerade als Beweis für seine Geisteskrankheit. Sie steckten den Aufsässigen in eine Zwangsjacke und schleppten ihn in eine Dunkelzelle. In den folgenden vierzehn Tagen erfuhr Semmelweis mehrfach eine sogenannte „Beruhigung“. Wie sie erfolgte, bleibt in der Krankengeschichte offen, auch ob er dabei eine Verletzung erlitt. Zum Schluss bemerkte man eine nach außen durchgebrochene Wunde des Brustraums und den „gangränösen“ rechten Mittelfinger. Mit Sicherheit ist Semmelweis an einer Sepsis gestorben, der Krankheit, gegen die er sein Leben lang gekämpft hat . . .
Dr. med. Rolf Klimm, Bach 2, 83093 Bad Endorf
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