ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2007Bildschirmarbeitsplätze – eine arbeitsmedizinische Bewertung: Sehanforderungen bei Bildschirmarbeit

MEDIZIN: Diskussion

Bildschirmarbeitsplätze – eine arbeitsmedizinische Bewertung: Sehanforderungen bei Bildschirmarbeit

Dtsch Arztebl 2007; 104(1-2): A-43 / B-41 / C-39

Nocke, Helmut

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LNSLNS Vermutlich sind die meisten Bildschirmarbeitsplätze aus arbeitsmedizinischer Sicht suboptimal gestaltet. Faktoren wie Unwissenheit, Gleichgültigkeit, dringlichere Probleme und wohl auch die von der Computerindustrie erzeugte Plug-and-play-Mentalität mögen dafür einige Gründe sein. Doch ist es beruhigend zu lesen, dass chronische Erkrankungen als Folge von Bildschirmarbeit bisher nicht nachgewiesen und manche vermeintlichen Gefahren überschätzt wurden. Was das Sehen betrifft, so scheint es mir arbeitsmedizinisch zu streng bewertet, wenn der Autor im Abschnitt „Bildschirm“ schreibt: „Besonders hohe Anforderungen werden an das beidäugige Sehen gestellt.“
Im Unterschied zu Sehleistungen, wie sie etwa in handwerklichen Berufen mit hoher Präzision innerhalb des Greifraums der Hände zu erbringen sind, werden die physiologischen Möglichkeiten des beidäugigen Sehens beim Betrachten eines Bildschirms nicht voll gefordert. Bildschirmdarstellungen sind zweidimensional und erfordern nicht das echte dreidimensionale Sehen. Insofern sind auch Einäugige für Bildschirmarbeit geeignet.
Das beidäugige Sehen erfordert allerdings zwei simultan sehtüchtige Augen (binokulares Sehen ersten Grades), deren Bewegungen fein aufeinander abgestimmt sein müssen. Nur wenn diese Situation gegeben ist, vermag das Gehirn die beiden Netzhautbilder vollständig zu fusionieren (binokulares Sehen zweiten Grades). Die Fusion wiederum ist Voraussetzung für das Stereosehen (binokulares Sehen dritten Grades). Beim Betrachten von Bildschirmdarstellungen mit beiden Augen reicht binokulares Sehen zweiten Grades aus.
Moderne Computersysteme stellen geringere Sehanforderungen an den Nutzer, als dies althergebracht für Schreib- und Zeichenarbeiten von Hand auf Papier der Fall ist. Beispielsweise können kleine Objekte auf individuell angenehme Sehwinkel vergrößert werden, und viele Details lassen sich über gut sichtbare Steuerelemente bequem generieren beziehungsweise manipulieren. Mithilfe spezieller Software können sogar Sehschwache am Bildschirm arbeiten.
Dies alles zeigt, dass man nicht im Allgemeinen sagen kann, Bildschirmarbeit stelle besonders hohe Anforderungen an das beidäugige Sehen.

Dr. med. Helmut Nocke
Institut für Physiologie
Otto-von-Guericke-Universität
Leipziger Straße 44
39120 Magdeburg

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committe of Medical Journal Editors besteht.

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