MEDIZIN: cme

Somatoforme Störungen und Funktionsstörungen

Somatoform and Functional Disorders

Dtsch Arztebl 2007; 104(1-2): A-45 / B-43 / C-41

Sauer, Nina; Eich, Wolfgang

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Zusammenfassung
Einleitung: Patienten mit einer somatoformen Störung berichten über körperbezogene Beschwerden, die nicht hinreichend somatisch erklärt werden können. In Allgemeinarztpraxen werden 16 bis 31 Prozent der Konsultationen durch somatoforme Symptome verursacht. Patienten zeigen eine lange Anamnese ineffektiver medizinischer und chirurgischer Interventionen sowie erhöhte Raten psychischer Komorbidität. Zahlreiche Therapieabbrüche und Konflikte mit Ärzten sind auf ein schwer handhabbares, dysfunktionales Beziehungsverhalten dieser Patienten zurückzuführen. Methoden: Übersicht auf Basis einer systematischen Analyse der Literatur bis 2006 (Cochrane Library, Medline, Psycinfo) unter besonderer Berücksichtigung verfügbarer systematischer Reviews und Metaanalysen. Suchwörter: somatoforme Störungen, funktionelle Syndrome und deren klinische Synonyme. Ergebnisse: In der Behandlung sind Therapiemaßnahmen wie Psychotherapie, die eine aktive Mitarbeit voraussetzen, effektiver als passive Therapien wie Injektionen und Operationen. Zur Versorgung von Patienten mit somatoformen Störungen sind nach Schweregrad gestufte interdisziplinäre, integrierte Modelle zwischen Hausarzt, Facharzt und Psychosomatik aussichtsreich.
Dtsch Arztebl 2007; 104(1–2): A 45–53.
Schlüsselwörter: Somatoforme Störung, funktionelle Syndrome, Somatisierungsstörung, somatoforme Körperbeschwerden

Summary
Somatoform and functional disorders
Introduction: Patients with somatoform disorder report bodily symptoms without adequate medical explanation. Patients with somatoform disorders account for 16 to 31 per cent of primary care consultations. Patients typically present with a long history of ineffective medical and surgical interventions, high rates of mental comorbidity, multiple interrupted treatments, and difficult relationships with physicians. This leads to physician frustration. Methods: Systematic review of articles up to 2006 (Cochrane Library, Medline, Psycinfo), with a particular focus on systematic reviews and metaanalyses. Used search terms: somatoform disorder, functional somatoform syndrome and diagnostic analogues. Results: Treatments involving active participation of the patient like psychotherapy appear to be more effective than passive therapies including injections and operations. In managing patients with somatoform disorder, a stepped care model based on interdisciplinary cooperation between general practitioners, physicians and psychosomatic specialists appears promising. Dtsch Arztebl 2007; 104(1–2): A 45–53.
Key words: somatoform disorder, functional somatic syndrom, somatization disorder, bodily discomfort


Charakteristisch für Patienten mit somatoformen Störungen ist die wiederholte Darbietung körperlicher Beschwerden verbunden mit Forderungen nach medizinischen Untersuchungen. Die Patienten halten diese Forderungen aufrecht trotz wiederholter negativer Ergebnisse und Versicherungen der Ärzte, dass die Symptome nicht ausreichend körperlich begründbar sind. Selbst wenn Beginn und Fortdauer der Symptome in enger Beziehung zu unangenehmen Lebensereignissen, Schwierigkeiten und Konflikten stehen, sind die Patienten von einer körperlichen Ursache ihrer Beschwerden überzeugt und diskutieren die Möglichkeit einer psychischen Ursache wenig. Ärzte werden mit schwer leidenden Patienten konfrontiert, denen sie nur bedingt helfen können.
Das grundlegende Problem der Interaktion zwischen Ärzten und Patienten geht auf drei Aspekte zurück (e1):
– das Drängen auf Untersuchung und das appellative Verhalten der Patienten
– die Unsicherheit beziehungsweise Angst der Ärzte, eine verborgende Krankheit zu übersehen
– die Diskrepanz in den jeweiligen Ursachenüberzeugungen.
Die besonders in der primärärztlichen Behandlung rasch entstehende Irritation durch die schwierige Arzt-Patient-Interaktion kann als frühzeitiger Hinwies auf eine somatoforme Störung gewertet werden (e2). Im Umgang mit diesen Patienten entstehen beim behandelnden Arzt häufig Gefühle des Nichtwissens, der Unsicherheit, Hilf- und Hoffnungslosigkeit und Ängste vor einem Scheitern der Behandlung. Hinzukommende Ungeduld, Erschöpfung und Ablehnung des Patienten erschweren die Interaktion (1). Grafik 1 stellt exemplarisch den schwierigen Verlauf der Arzt-Patient-Beziehung dar. Dabei ist hervorzuheben, dass das Handeln des Patienten nicht bewusst gesteuert wird. Der Patient trägt dem Behandler idealisierende Erwartungen an und ist zugleich enttäuschungs- und entwertungsbereit. Dem Behandler wird nahe gelegt, die Idealisierung anzunehmen und dann an diesen Ansprüchen zu scheitern. In Grafik 2 wird eine mögliche Vorgehensweise zur Entlastung der schwierigen Interaktion gezeigt. Anregungen wie die Einnahme einer interessiert empathischen aber auch distanzierten Haltung und die Einhaltung eines klaren zeitlichen Rahmens, die ebenfalls eine ausgeglichene Arzt-Patient-Beziehung fördern, sind in Kasten 1 zusammengestellt.
Epidemiologie
Im bundesweiten Zusatzsurvey „Psychische Störungen“ des Bundesgesundheitssurveys 1999 sind somatoforme Störungen als zweithäufigste Störung mit einer Vier-Wochen-Querschnitts-Prävalenz von 7,5 Prozent nach Angststörungen und affektiven Störungen benannt. Als dritthäufigste Störung sind somatoforme Störungen mit einer Lebenszeit-Prävalenz von 12,9 Prozent nach Suchtstörungen und Angststörungen zentral repräsentiert (2, 3).
International liegen die Angaben zur Prävalenz von somatoformen Störungen bei neun bis 20 Prozent in der Allgemeinbevölkerung (4, e4). In Allgemeinarztpraxen werden 16 bis 31 Prozent der Konsultationen durch somatoforme Beschwerden verursacht (e5, e6). Mehrfachdiagnostik, häufige Hospitalisierung und Krankheitstage verursachen enorme Kosten für die Sozialversicherungssysteme (5, e7). Die Patienten verursachen im ambulanten Bereich im Mittel 14-fach höhere Kosten als die durchschnittlichen Pro-Kopf-Ausgaben (6). Die stationären Kosten belaufen sich auf das Sechsfache (e8). Patienten mit einer Somatisierungsstörung gehören zu den sogenannten „high utilizern“ (4) des Gesundheitsversorgungssytems. Die Komorbidität von somatoformen Störungen mit depressiven Störungen liegt bei 75 bis 90 Prozent, mit Angststörungen bei 10 bis 70 Prozent (e9).
Der typische Beginn der Störung liegt zwischen dem 16. und 30. Lebensjahr. Somatisierungssymptome sind in sozial schwachen Schichten häufiger vertreten als in Familien mit höherem Einkommen (e10). Auch findet sich eine Häufung in bestimmten Kulturkreisen, obwohl das Gesamtsyndrom in allen Kulturen bekannt ist (3).
Die Mehrheit der Patienten, die sich keiner Therapie unterziehen, werden nach drei Jahren aufgrund ihrer Symptome arbeitsunfähig (7, e11).
Diagnostik und klinische
Erscheinungsbilder
Die ICD-10 subsumiert die Beschwerden der psychischen Störungen in Kapitel F45 (e12). In Kasten 2 wird die grundlegende Definition der somatoformen Störungen und funktionellen Syndrome dargestellt. Unter den somatoformen Störungen werden im ICD-10 verstanden:
- Somatisierungsstörung (F45.0)
- Undifferenzierte Somatisierungsstörung (F45.1)
- Hypochondrische Störung (F45.2)
- Somatoforme autonome Funktionsstörung (F45.3)
- Anhaltende somatoforme Schmerzstörung (F45.4).
Bei der Diagnostik somatoformer Störungen ist die sogenannte Simultandiagnostik sinnvoll, das heißt, es werden von vornherein sowohl organische als auch psychosoziale Faktoren in ihrer wechselseitigen Verschränkung berücksichtigt (8). Anamnestisch wichtig ist dabei eine möglichst vollständige Erhebung der Symptome, der früheren Beschwerden und des Inanspruchnahmeverhaltens sowie des Beschwerdeumgangs und der Ursachenüberzeugungen. Patienten mit somatoformen Störungen weisen in ihrer Biographie eine erhöhte Häufigkeit an Kindheitsbelastungsfaktoren auf wie Armut, Vernachlässigung, Verlust eines Elternteils, Missbrauch und zeigen in ihrer aktuellen Lebenssituation eine Häufung von stressauslösenden Lebensereignissen (9).
Handlungsempfehlungen zur Diagnostik werden in Kasten 3 dargestellt. Typische Fallstricke im diagnostischen Handeln sind in Kasten 4 zusammengefasst.

Somatisierungsstörung (ICD-10 F45.0)
Sie ist durch das Vorliegen multipler und unterschiedlicher körperlicher Beschwerden gekennzeichnet, die mindestens aus zwei Symptomgruppen stammen, zwei Jahre anhalten und für die keine ausreichende somatische Erklärung gefunden werden konnte. Durch die Multiplizität der Beschwerden und die organische Ursachenüberzeugung der Betroffenen, durchläuft der Patient zahlreiche medizinische Behandlungseinrichtungen. Häufig gehen die Symptome mit Angst und Depression einher. Das Krankheitsbild verläuft in der überwiegenden Zahl der Fälle chronisch mit gravierenden Gesundheitseinschränkungen (10) und führt zu einer erheblichen Beeinträchtigung familiärer und sozialer Funktionen.

Undifferenzierte Somatisierungsstörung (ICD-10 F45.1)
Häufig finden sich Störungsbilder, die die Kriterien der Somatisierungsstörung nur teilweise erfüllen mit einer geringeren Beschwerdezahl und kürzeren Krankheitsdauer. Dieses Krankheitsbild hat aufgrund seiner Häufigkeit eine hohe Relevanz für die medizinische Versorgung. Gemäß ICD-10 müssen die folgenden Kriterien zur Diagnostik vorliegen:
– mindestens sechs Monate anhaltende körperliche Symptome, für die keine ausreichende somatische Erklärung gefunden wurden
– die symptomatischen Diagnosekriterien für die Somatisierungsstörung sind nicht vollständig erfüllt.

Hypochondrie (ICD-10 F45.2)
Vorherrschendes Kennzeichen ist die beharrliche Beschäftigung mit der Möglichkeit, an einer oder mehreren schweren und fortschreitenden körperlichen Krankheiten zu leiden, manifestiert durch anhaltende körperliche Beschwerden oder ständige Beschäftigung mit der eigenen körperlichen Erscheinung. Der Patient weigert sich, den Rat und die Versicherung mehrerer Ärzte zu akzeptieren und den Symp-
tomen liegt keine körperliche Krankheit zugrunde liegt. Im Unterschied zur Somatisierungsstörung der Akzent mehr auf der Erkrankung und ihren ängstlich erwarteten Folgen als auf einzelnen körperlichen Symptomen.
Patienten mit einer „Hypochondrischen Störung“ zeigen eine sehr geringe primäre Psychotherapiemotivation. Dennoch ist der mögliche Therapieerfolg größer als früher angenommen (4).
Somatoforme autonome Funktionsstörungen (ICD-10 F45.3)
Sind die körperlichen Beschwerden auf Organe beschränkt, die vollständig vegetativ innerviert und kontrolliert werden, so sind diese als somatoforme autonome Funktionsstörungen zu diagnostizieren.
Die Diagnose kann gestellt werden, wenn vegetative Symptome vom Patienten als Erkrankung gedeutet werden und diese einem Organsystem zugeordnet werden können, und wenn zwei oder mehr der vegetativen Symptome wie Palpitation, Schweißausbruch, Mundtrockenheit, Hitzewallung, Erröten, Druckgefühl im Epigastrium, Kribbeln oder Unruhe im Bauch und weitere Symptome wie Brustschmerz, Dyspnoe oder Ermüdbarkeit vorhanden sind (siehe ICD-10).
Die Subgruppenaufteilung der somatoformen autonomen Funktionsstörung folgt phänomenologischen Gesichtspunkten:
– Herz und kardiovaskuläres System (F45.30)
– oberer Gastrointestinaltrakt (F45.31)
– unterer Gastrointestinaltrakt (F45.32)
– respiratorisches System (F45.33)
– Urogenitaltrakt (F45.34).
Anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 45.4)
Sind die vorherrschenden Beschwerden Schmerzen, die nicht ausreichend auf physiologische Umstände oder eine körperliche Störung zurückzuführen sind, und können emotionale und psychosoziale Belastungsfaktoren als ursächlich angesehen werden, wird von einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung gesprochen. Häufige Symptome dabei sind Rückenschmerzen, Bauschmerzen, Gelenkschmerzen, Muskelschmerzen. Die anhaltende somatoforme Schmerzstörung, bei der definitionsgemäß psychische Belastungen, Traumatisierung oder unbewusste Konflikte eine entscheidende Rolle zukommen, stellt eine Unterform der chronischen Schmerzsyndrome dar.
Bei der Differenzialdiagnostik zwischen organischen und überwiegend psychisch determinierten Schmerzsyndromen können charakteristische anamnestische Hinweise für eine somatoforme Schmerzstörung helfen (e13): Erkrankungsbeginn vor dem 35. Lebensjahr, wenig Geborgenheit im Elternhaus, wenig Verständnis des Partners für die Schmerzsymptomatik, geringe Qualität der Paarbeziehung, erhöhte Kindheitsbelastungswerte sprechen für eine somatoforme Störung. Auch die vermehrte Verwendung affektiver Begriffe zur Schmerzbeschreibung (e14) liefert Hinweise.
Differenzialdiagnose
Differenzialdiagnose zu körperlichen Ursachen
Vorübergehende, organisch unerklärte Körperbeschwerden, die nicht zum Anlass wiederholter Arztbesuche werden, gehören zur Normalität und dürfen nicht mit den zur Chronifizierung neigenden somatoformen Störungen verwechselt werden. Schwierig und sehr bedeutsam ist die Abgrenzung von körperlich ausreichend begründbaren Beschwerden.
Grundsätzlich gilt, dass die Diagnose einer somatoformen Störung eine hinreichend genaue Untersuchung der relevanten Organfunktionen voraussetzt. In jedem Fall darf der fehlende Nachweis organischer Grundlagen einer Symptomatik noch nicht die Diagnose somatoforme Störung begründen. Zum einen, weil das Ergebnis ärztlicher Diagnostik von der Kompetenz des Untersuchers abhängt (e15). Zum anderen können durch manche Untersuchungstechniken sehr wohl körperliche Schäden nachgewiesen werden, die die Beschwerden aber nicht ausreichend erklären (11). Indikatoren für das Vorliegen einer somatoformen Störung können biographische Belastungen, psychosoziale Konflikte und ein auffälliges Inanspruchnahmeverhalten bezüglich medizinischer Leistungen sein.

Differenzialdiagnostik zu anderen psychischen Störungen
Bei zahlreichen psychosomatischen und psychiatrischen Störungen treten somatoforme Beschwerden auf, die jedoch nicht eine eigene Diagnose rechtfertigen. Die schwierigste Differenzialdiagnose ist die Depression, weil eine hohe Komorbidität zwischen beiden Krankheitsbildern besteht. Typische somatische Beschwerden der Depression sind Magen-Darm-Beschwerden, Appetitverlust, Schlaf- und Libidostörungen. Wenn diese Symptome ausschließlich während depressiver Phasen auftreten, so sind sie nur unter der Depression zu klassifizieren.
Auch die Panikstörung geht mit vermehrt körperlichen Beschwerden einher. Typisch dabei sind Herzklopfen, Brustschmerzen, Schwindel und weitere Zeichen der psychophysiologischen Überaktivierung. Bei somatoformen Störungen sind die Symptome relativ konstant und persistieren über Tage, Wochen oder Monate. Bei Panikstörungen sind die körperlichen Symptome auf einzelne Attacken beschränkt von Minuten bis maximal eine Stunde. Bei Schizophrenien können ebenfalls somatoforme Symptome bestehen, die jedoch häufig bizarr und mit wahnhaften Vorstellungen oder Körperhalluzinationen ausgestaltet sind.
Ätiologische Konzepte
Ein einheitliches Konzept für Ätiologie und Pathogenese existiert zurzeit nicht. Die meisten Autoren sehen die Erkrankung vor dem Hintergrund eines bio-psycho-sozialen Modells, in das folgende Faktoren integriert sind:
– Elemente einer Dysbalance zwischen Risiko- und Schutzfaktoren in der Kindheit (12)
– Modelllernen bezüglich Krankheit in der Familie
– veränderte zentrale Stressverarbeitung und emotional belastende aktuelle Lebensereignisse.
Möglicherweise haben auch Persönlichkeitsfaktoren und die Bindungsstile einen Einfluss auf das maladaptive Krankheitsverhalten dieser Patienten (13, e16).
In Tabelle 1 werden basierend auf diesem multifaktoriellen Krankheitsverständnis spezifische und unspezifische Ätiologiefaktoren auf individueller, interaktioneller (e17) und soziokultureller Ebene (e18) zusammenfassend dargestellt (14) (e19e22).
Therapie
Nach einer Literaturübersicht über somatoforme Störungen und funktionelle Syndrome (15) zeigen sich in der Behandlung folgende wichtige Erkenntnisse: passive Maßnahmen wie Injektionen und Operationen sind weniger effektiv als Behandlungen wie Physiotherapie und Psychotherapie, die die aktive Mitarbeit der Patienten voraussetzen.
Das Spektrum therapeutischer Ansätze und Ziele bei somatoformen Störungen und funktionellen Syndromen ist breit, je nach Ausprägung der Störung und Versorgungsort (primärärztlicher, fachärztlicher oder psychotherapeutischer Rahmen). Unter Berücksichtigung dieses Rahmens sind therapeutische Ansatzpunkte die Verbesserung der körperlichen Symptome.
Im Focus stehen die Erarbeitung von erweiterten Erklärungsmodellen und Anregungen zu einem adäquaten Krankheitsverhalten. Die Verbesserung komorbid bestehender psychischer Störungen sowie die Bearbeitung psychischer Konflikte und struktureller Defizite das heißt, eine Einschränkung der psychischen Funktion in der Regulierung des Selbst und seiner Beziehung, stellen ebenfalls Therapieziele dar (15).
Der hausärztlichen Behandlung kommt eine Schlüsselstellung zu. Sie sollte unnötige Diagnostik verhindern, darauf achten, dass regelmäßige Gesprächstermine wahrgenommen werden und dem Patienten Entspannungstechniken vermitteln sowie Anleitung zu nicht überfordernder körperlicher Aktivität geben. In Kasten 5 werden die allgemeinen Elemente der Behandlungsplanung dargestellt. Übergeordnetes Ziel der Behandlung ist, eine bestmögliche Lebensqualität (e23) zu erreichen.

Medikamentöse Therapie
Grundsätzlich sollte die medikamentöse Therapie nur bei spezifischer Indikation zum Einsatz kommen und Erwartungen an die Medikation sollten relativiert werden. Es muss mit gehäuft auftretenden, meist intensiv erlebten Nebenwirkungen gerechnet werden. Obsolet ist die Gabe neuer Medikamente bei jedem neu hinzugetretenen Symptom sowie die alleinige und länger dauernde Verordnung von Psychopharmaka ohne adäquate psychotherapeutische Behandlung. Abzulehnen sind Tranquilizer, insbesondere Benzodiazepine wegen der Gefahr einer Abhängigkeitsentwicklung.
Bei somatoformen autonomen Funktionsstörungen (F45.3) kann eine symptom-orientierte medikamentöse Behandlung in Phasen mit einer erheblichen Beeinträchtigung durch die Beschwerden, zum Beispiel in der Einleitungsphase einer Psychotherapie, hilfreich sein, sollte aber auch hier nicht zu einer Dauermedikation führen.
Bei der Medikation der anhaltenden somatoformen Schmerzstörung ist sowohl die Umstellung von Bedarfsmedikation auf ein festes Einnahmeschema wichtig als auch der Entzug von Nicht-Opioid-Analgetika. Die Gabe von Tranquilizern oder Neuroleptika ist abzulehnen; Opioide sind bei somatoformen Schmerzen nicht indiziert. Eine analgetische Wirkung können Antidepressiva entfalten. Insbesondere trizyklische Antidepressiva, auch in geringer Dosierung, sind aussichtsreich (Tabelle 2) (16, e24).
Psychotherapie
Die Wirkung psychodynamischer Therapie auf somatoforme Störungen konnte in mehreren Studien nachgewiesen werden (4,1720, e25e28). Bezüglich der kognitiven Verhaltenstherapie zeigten sich sechs bis 16 Einzelsitzungen (21, e29), manualisierte Problemlösegruppen (e30) als auch eine themenzentrierte Gruppentherapie (e31) als effektiv. Stationäre Psychotherapie zeigte sich in Studien von Shorter et al. 1992, Broda et al. 1996, Schmidt 1991 (e33) und Rief et al. 1995 (2224, e32) als effektive Behandlungsmethode. In Tabelle 2 werden die verschiedenen Therapieverfahren in Bezug auf das EBM-Level dargestellt. Insgesamt gibt es wenig systematische Studien. Auf den oben genannten wissenschaftlichen und klinischen Erkenntnissen basierend empfiehlt sich eine gestufte Behandlung je nach Schweregrad der Erkrankung (15).
Bei unkomplizierten somatoformen Störungen eignen sich Information über das Krankheitsbild und Beratung zur Aktivierung statt Schonung sowie gegebenenfalls symptomatische Maßnahmen. Bei komplizierten Störungen sollte die Behandlung neben den oben genannten Maßnahmen psychoedukative Elemente wie die Aufklärung über das dysfunktionale Krankheitsverhalten enthalten. Die Vermittlung eines bio-psycho-sozialen Krankheitsmodells sollte ebenfalls angestrebt werden. Hilfreich kann eine antidepressive Medikation sein. Die regelmäßige Terminvergabe bewährt sich im Gegensatz zu beschwerdegesteuerten Terminen. Wenn diese therapeutischen Ansätze nicht ausreichen, sollte zeitnah eine Überweisung zum Facharzt für Psychosomatische Medizin oder zum Psychotherapeuten erfolgen, um aufrechterhaltende Bedingungen sowie psychosoziale Stressoren zu eruieren und eine Psychotherapie einzuleiten. Wichtig hierbei ist die enge Zusammenarbeit zwischen allen Behandlern.
Eine Intensivierung der Behandlung kann durch die Überweisung des Patienten an multidisziplinäre und multimodal arbeitende psychosomatische Tageskliniken und stationäre psychosomatische Einrichtungen erreicht werden.

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 31. 5. 2006, revidierte Fassung angenommen: 7. 11. 2006

Anschrift für die Verfasser
Dr. med. Nina Sauer
Klinik für Psychosomatische und Allgemeine Klinische Medizin
der Universität Heidelberg
Thibautstraße 2
69115 Heidelberg
E-Mail: nina_sauer@med.uni-heidelberg.de


Mit „e“ gekennzeichnete Literatur:
www.aerzteblatt.de/lit0107
English version of this article is available online:
www.aerzteblatt.de/english


Fallvignette

Verdacht auf somatoforme Störung
Ein 44-jähriger Patient wird von der anästhesiologischen Schmerzambulanz in die Psychosomatische Ambulanz überwiesen. Der Patient klagt über Beschwerden im LWS-Bereich, für die es keine befriedigenden somatischen Befunde gibt. Die medikamentöse Behandlung ist unbefriedigend und der Patient drängt auf eine neurochirurgische Intervention, obwohl bei einer Vorstellung in der Neurochirurgie eine konservative Behandlung empfohlen wurde. Der Patient arbeitet zum Untersuchungszeitpunkt seit zwölf Monaten nicht mehr und strebt eine Pensionierung auf Zeit an. Der Patient war das ältere von zwei Geschwistern. Die Eltern trennten sich nach jahrelangen schweren, häuslichen Auseinandersetzungen, als er 15 Jahre alt war. Der Vater ließ die Familie im Stich. Der Patient berichtete, er habe sich innerlich vom Vater völlig entfernt. Er habe früh mit Hilfsarbeiten die Mutter unterstützt. Stolz berichtet er, aus eigener Kraft heraus eine solide Beamtenlaufbahn absolviert zu haben. Einer Partnerschaft sei er negativ gegenüber eingestellt gewesen. Beruflich sei es vor zwei Jahren zu Mehrarbeit und Personalveränderungen gekommen, er habe neue Kollegen und einen neuen Chef, der ihn wenig beachte. Seine Arbeit sei nicht gewürdigt worden und erst nach seiner Krankmeldung sei registriert worden, dass er für zwei gearbeitet habe. Der Patient versteht sich heute als jemand, der von Anfang an enttäuscht und benachteiligt wurde und damit einen Anspruch auf Wiedergutmachung und Erleichterung habe. Durch die enge Zusammenarbeit zwischen Hausarzt und Psychosomatik konnte der Patient nach dreimonatiger gemeinsamer Betreuung und Arbeit an einem bio-psycho-sozialen Krankheitsmodell zu einer psychotherapeutischen Behandlung motiviert werden. Eine neurochirurgische Behandlung konnte verhindert werden.


Weitere informationen zu cme

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Eine Kasuistik steht im Internet zur Verfügung:
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