ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2007Der Äskulapstab: Im Zeichen der Schlange

KULTUR

Der Äskulapstab: Im Zeichen der Schlange

Dtsch Arztebl 2007; 104(1-2): A-61 / B-58 / C-56

Schatz, Iris

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LNSLNS Die der Äskulapnatter zugeschriebenen göttlichen Eigenschaften sicherten ihr einen besonderen Stellenwert in der Medizin.

Asklepios und seine Tochter Hygieia füttern die Schlange, griechisches Relief, klassisch, letztes Viertel 5. Jahrhundert v. Chr. Foto: akg-images / Erich Lessing
Asklepios und seine Tochter Hygieia füttern die Schlange, griechisches Relief, klassisch, letztes Viertel 5. Jahrhundert v. Chr.
Foto: akg-images / Erich Lessing
Der Äskulapstab ist das Symbol der Medizin und Heilkunde. In der Bundeswehr und in anderen Armeen ist er Laufbahn- und Tätigkeitsabzeichen zur Kennzeichnung der Sanitätsoffiziere und des Sanitätspersonals. Asklepios entspross einem Schäferstündchen des Lichtgottes Apoll mit der Nymphe Koronis, was sie aber nicht hinderte, sich danach, obwohl schwanger, mit einem sterblichen Liebhaber zu verbinden. Diese Untreue wurde für sie zum Todesurteil. Zu spät gereute es den Götterpapa. Für Koronis war alles vorbei. Nur seinen Sohn konnte Apoll in letzter Minute mit Hermes’ Hilfe retten, der das ungeborene Kind aus dem Leib der toten Mutter herausschnitt, bevor diese den Flammen überantwortet wurde. Apollo gab seinen Sohn dem weisen Kentauren Chiron zur Erziehung, der aus dem Jungen ein Genie machte, erfolgreich in allen Fragen der Heilkunst und sogar fähig, Verstorbene auf viele Jahrzehnte ins Leben zurückzurufen. Ein Talent, das den Unwillen der Götter hervorrief und Zeus dazu veranlasste, das Problem mit einem grellroten Blitzstrahl zu lösen, der der Kunst des begnadeten Arztes ein jähes Ende setzte. Doch kaum war Asklepios tot, da schubste er auch schon seinen göttlichen Vater Apoll vom Podest der Heilkunst und nahm seine Stelle ein.
Einen gewaltigen Aufschwung erlebte der Kult des Asklepios seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. Von dem Mittelpunkt des Asklepios-Kultes in Epidauros breitete sich die Verehrung des Gottes durch Filialgründungen von Asklepieien immer weiter aus. Die Äskulapnatter kam von allein zu dem kundigen Arzt, denn als die Griechen Asklepios-Stätten errichteten, wählten sie Grundstücke aus, die in der Nähe heilkräftig sprudelnder warmer Quellen lagen.
Im angenehmen Klima dieser antiken Bade- und Kureinrichtungen fühlte sich die Natter genauso wohl wie in den nahe dabei gelegenen Tempeln. So wurde die Schlange Symbol der kultischen Stätten und fand in jedem Tempel ihre Heimstatt. Bei jeder Gründung neuer Heiligtümer wurde nun die Schlange als Inkarnation des Gottes in feierlichem Zuge mitgeführt. Ihren Durchbruch als „Schlange-Gott“ und schließlich als Standeszeichen hatte die Natter anno 291 v. Chr. Damals wütete die Pest in Rom. Auf Weisung der sibyllinischen Sprüche brachte eine eigene Gesandtschaft Schlangen des griechischen Asklepios-Tempels von Epidauros nach Rom, wo die Äskulapnattern sich auf der Tiberinsel niederließen. Kurze Zeit danach war die Seuche besiegt und ein Äsklepios(Äskulapius)- Tempel gebaut.
Doch diese Version ist nicht die einzige Erklärung für den Schlangenstab. So waren beispielsweise die Ägypter der Auffassung, dass „die Seelen aller Götter in den Schlangen wohnten“. Als Symbol der Macht über Leben und Tod wurde besonders die ägyptische Kobra (Naja haje) betrachtet, und der Totengott Emeuet trug als Attribut einen Schlangenstab. Diese göttlichen Eigenschaften waren es wohl, die der Schlange einen besonderen Stellenwert in der Medizin sicherten. Und so findet man sie als Symbolgestalt auch auf einem bemerkenswerten archäologischen Fund aus dem Jahre 2000 v. Chr. Es handelt sich um eine mesopotamische Vase, auf der man neben anderen ärztlichen Utensilien wie Salbentöpfen und Wundnadeln zwei Schlangen sieht, die sich aufrecht um einen Stab winden.
Es gibt aber noch eine andere Erklärung: In den Augen vieler Wissenschaftler ist diese Schlange nichts anderes als ein Wurm, der Medinawurm nämlich, und der Stab ein Instrument zur Tötung eines lästigen Parasiten ist ein einfaches Holzstöckchen. Hinweis gibt eine Übersetzungsmöglichkeit des Begriffs „Asklepios“ = „Wurmfänger“. Bei dieser Variante lässt die traditionelle Behandlungsmethode der vom Medinawurm Befallenen auf den Heilgott als Symbolträger schließen. Nach Angaben der Welt­gesund­heits­organi­sation erkranken jährlich drei Millionen Menschen an der Drakunkulose. Bei der traditionellen Extraktionsmethode wird der Medinawurm im Verlauf von zehn bis zwanzig Tagen über ein oder mehrere kleine Holzstöcke aufgewickelt, indem man ihn mit kühlem Wasser immer wieder ein Stückchen weiter hervorlockt. Das Endprodukt, das „Stäbchen mit totem Wurm“, wird deshalb ebenfalls als Ursprung des Äskulapstabs gedeutet.
Iris Schatz
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