ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2007Joseph Beuys: Postkarte als Kunstwerk

KUNST + PSYCHE

Joseph Beuys: Postkarte als Kunstwerk

PP 6, Ausgabe Januar 2007, Seite 2

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LNSLNS Joseph Beuys sah Postkarten als ein ideales Medium für die Verbreitung seiner Ideen. Mit der ersten Originalgrafik im Postkartenformat „friedrichplatz“ begann die langjährige Zusammenarbeit mit dem ebenfalls postkartenbegeisterten Juristen, Künstler, Verleger und heutigen Präsidenten der Kunstakademie Berlin, Klaus Staeck. Eine bereits existierende Fotopostkarte wurde zur Grundlage der beuysschen Bearbeitung. Am rechten Rand der Fotografie ist das Friedericianum, das zentrale Gebäude der Documenta, angeschnitten zu sehen. Der Künstler ließ das Motiv in Braun drucken und versah es mit dem Stempel „Deutsche Studentenpartei“. Diese Verfremdungen des banalen Postkartenmotivs im Zusammenhang mit der 4. Documenta 1968 setzen einen assoziativen Prozess in Gang: Sollen wir als Kunstbetrachter uns als Studenten verstehen? Ist die Documenta eine „Universität der 100 Tage“? Verweist das beuyssche Braun auf die national-sozialistische Vergangenheit und zugleich auf den Neubeginn, wie er mit der Öffnung für internationale Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Documenta in Kassel begann? „Der Versuch, Kassel mit dieser Art von Karten zu beglücken, geriet zu einem meiner größten verlegerischen Flops“, berichtete Staeck Jahre später. Selbst Sammler brauchten oft längere Zeit, um diese Postkarten als Originalgrafik – und somit als sammelwürdige Objekte – zu begreifen. Da Beuys in den Postkarten von Anfang an eigenständige Kunstwerke sah, verwandte er auf den Entwurf und den Druck einer Postkarte ebenso viel Energie wie auf seine anderen künstlerischen Arbeiten.
Hartmut Kraft

Biografie Joseph Beuys
Geboren 1921 in Krefeld. Nach Teilnahme am Zweiten Weltkrieg 1947 bis 1951 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf bei Ewald Mataré; von 1961 bis 1972 Professur dort. Mit seinen „Aktionen“, seiner Vorstellung eines „erweiterten Kunstbegriffs“ und der Einführung neuer Materialien (Fett, Filz, Schwefel) hat er als Künstler und als Lehrer großen Einfluss auf die Entwicklung der Kunst genommen. Gestorben 1986 in Düsseldorf.

Literatur:
Gold H et al. (Hrsg.): Wer nicht denken will, fliegt raus. Joseph Beuys Postkarten – Sammlung Neuhaus. Edition Braus, Heidelberg 1998.
Schellmann J (Hrsg.): Joseph Beuys. Die Multiples – Werkverzeichnis der Auflagenobjekte und Druckgraphik 1965 –1986. Edition Schellmann, München und New York 1992.
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