ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2007Gesundheitsadministration versus Krankenbehandlung: Therapeutisches Ethos gefährdet

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Gesundheitsadministration versus Krankenbehandlung: Therapeutisches Ethos gefährdet

PP 6, Ausgabe Januar 2007, Seite 15

Hardt, Jürgen

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LNSLNS Die Sprachen der „Gesundheitsadministration“ und der „Behandlung“ haben sich voneinander getrennt und sind heute kaum noch ineinander zu übersetzen. Eine kommentierende Betrachtung

Zzwischen denen, die Rahmenbedingungen für therapeutisches Handeln bestimmen, und denen, die als Therapeuten Kranke behandeln, hat sich schleichend eine sprachliche Kluft aufgetan: die zwischen „Gesundheitsversorgung“ und „Krankenbehandlung“. Widerwillig muss man anerkennen, dass die Sprache nicht einfach unser Denken ausdrückt, nicht einfach die Welt abbildet und schon gar nicht gegenüber unserem Verstehen und Handeln neutral ist, sondern dass Worte und Grammatik unser Denken wesentlich bestimmen.
Vor 30 Jahren (1977) begann die Reform der Sozialversicherungssysteme mit dem „Kran­ken­ver­siche­rungskostendämpfungsgesetz“, das sieben Jahre später durch „Haushaltsbegleitgesetze“ erweitert wurde. Der erhoffte Erfolg blieb aus, deswegen wurde 1989 das „Gesundheitsreformgesetz“ verabschiedet. Ging es beim ersten Gesetz von 1977 ausdrücklich um die Sanierung der Kran­ken­ver­siche­rungen, so schien plötzlich etwas völlig anderes Gegenstand des neuen Gesetzes von 1989 zu sein: Nicht mehr Krankheitskosten, sondern „Gesundheit“ selbst war zum Gegenstand des Gesetzes geworden. Eine Sprachverwirrung war entstanden, zumindest geriet der Diskurs zwischen Behandlern von Krankheiten und denen, die gesellschaftliche Bedingungen für die Behandlung der Kranken organisieren, ab dieser Zeit immer weiter auseinander.
Am Anfang wurde noch gespöttelt, man solle den Begriff „Gesundheit“ nicht wörtlich nehmen, es handele sich nicht um die Gesundheit der Bevölkerung, es gehe schließlich um die finanzielle Gesundung der Versicherungssysteme. Tatsache ist aber, dass die Sprachen der „Gesundheitsadministration“ und der „Behandlung“ sich voneinander trennten und heute kaum noch ineinander zu übersetzen sind.
Die immer schneller nachfolgenden Gesetze setzten die Sprachverwirrung fort: 1993 wurde das „Gesundheitsstrukturgesetz“ verabschiedet, dem 1996 wiederum das 1. und 2. „GKV-Neuordnungsgesetz“ folgten. Ehrlicher war dann das „Beitragsentlastungsgesetz“ von 1997, dem 1999 das „GKV-Solidaritätsstärkungsgesetz“ folgte. In den Jahren 2001 bis 2003 wurden Gesetze zur Arzneimittel-Ablösung und -Begrenzung und schließlich zur Beitragssicherung verabschiedet.
Weil alle Neuregelungen nicht den erwünschten Erfolg brachten, wurde 2004 ein großes Vorhaben in Angriff genommen, das „Gesundheitsmodernisierungsgesetz“. Endlich, so konnte man hoffen, werde die Gesundheit modernisiert, planbar und in allen Fällen herstellbar gemacht. Aber Vorsicht: Der Titel war nicht vollständig, es handelte sich um eine Abkürzung für den öffentlichen Gebrauch. Der korrekte Titel des Gesetzes lautete: „Gesundheitssystemmodernisierungsgesetz“. Auch dieser große Wurf brachte nicht den erwünschten Erfolg. Die Fachleute verabredeten sich zugleich für die nächste Runde.
2006 wurde in neuer politischer Konstellation und wegen der Vorgaben, die aus der europäischen Einigung resultieren, ein neuer Gesetzentwurf vorgelegt, der jetzt vor der Verabschiedung steht: das „Gesetz zur Stärkung des Wettbewerbs in der GKV“ (GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz – GKV-WSG). Damit ist endgültig klar, dass sich Vokabular und Denken der Organisation von Rahmenbedingungen der Krankenbehandlung und das der Behandlung von Krankheiten unendlich weit voneinander entfernt haben.
Es gibt eine neue Sprache, die jeder unverbildete Therapeut nur mühsam verstehen kann. Oft wird sie von ihm nur unwillig vernommen. Viele Worte sind im therapeutischen Diskurs unverständlich, oft handelt es sich um Neologismen, vielmals um Abkürzungen, die man sich immer wieder vorsagen muss, um sie zu behalten: GMG, QS, QM, QUEP, GKV-WSG, DMP, DRG oder HPC – Kunstworte, die der Steuerung, Administrierung und ökonomischen Kontrolle therapeutischen Handelns dienen sollen.
„Gesundheit“ im Sinne der Gesetze ist längst nicht mehr der erstrebenswerte Zustand des einzelnen Menschen. Gesundheit ist eine Ware, und das Produkt der „Gesundheitswirtschaft“, produziert an „Gesundheitsstandorten“, die vom „Wirtschaftsfaktor Gesundheit“ abhängen, ist eine Ware, die auf dem „Gesundheitsmarkt“ gehandelt wird.
Natürlich ist die Beachtung der Wirtschaftlichkeit therapeutischen Handelns erforderlich, aber spätes-tens hier muss man fragen, ob die Dominanz des ökonomisch-adminis-
trativen Diskurses nicht schwere kulturelle Schäden mit sich bringt. Nicht nur, dass auf dem Gesundheitsmarkt der Patient zum Kunden und der Therapeut zum Leistungserbringer geworden sind, stimmt bedenklich. Weit größere Sorgen sollte einem bereiten, dass die Sprache des „Gesundheitsmarkts“ immer tiefer in die therapeutischen Beziehungen eindringt. Das therapeutische Ethos ist gefährdet. Um sich auf dem Markt behaupten zu können, gibt es folgerichtig neben teuren und lukrativen Behandlungen auch Patienten, die man sich leisten kann, und solche, die das Budget übersteigen. Wenn die Logik des Markts das Sprechen leitet, ist dagegen eigentlich nichts einzuwenden. Aber hier erhebt sich mit Recht öffentlicher Protest: Therapeuten, deren Tätigkeit ganz der Logik des Gesundheitsmarkts unterworfen werden soll, sollen zugleich auch anderen Werten verpflichtet sein. Sie sollen ihre Verpflichtung, dem kranken Menschen zu dienen, nicht verraten. Sie werden daran erinnert, dass ihr Ethos aus einer anderen – vergangenen – Kultur, einer anderen vormodernen Sprache entstammt. Sie werden gemahnt, dass sie ursprünglich in einer kulturellen Einrichtung der Krankenbehandlung angetreten sind, die im Gebot christlicher Nächstenliebe und der gesellschaftlichen Verpflichtung zur Solidarität ihre Wurzeln hat. Die Verpflichtung zu dieser Ethik sollte therapeutischem Handeln zugrunde liegen, sie wissentlich zu labilisieren, ist eine kulturelle Sünde.
Die Sprache der Funktionäre
Die Therapeuten helfen sich meist damit, dass sie sich weigern zu verstehen, wie darüber geredet wird. Sie tun auch gut daran, nicht zu verstehen, besteht doch Grund zur Sorge, dass die fremde Sprache ihr eigenes Idiom verändert. Sie überlassen das Sprechen den Funktionären, die sich oft hauptamtlich im „Gesundheitswesen“ bewegen und selbst Gefahr laufen, das ursprüngliche therapeutische Reden zu verlernen. Therapeuten klagen oft, weil ihre Anliegen nicht verstanden werden. Das ist nicht verwunderlich, denn die unterschiedlichen Sprachen sind nicht mehr zu übersetzen, zentrale Begriffe bedeuten längst höchst Unterschiedliches.

Anschrift des Verfassers
Jürgen Hardt, Psychoanalytiker,
Goethestraße 10, 35578 Wetzlar
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