ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2007Exzessiver Internetkonsum: Digitale Fantasiewelt

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Exzessiver Internetkonsum: Digitale Fantasiewelt

PP 6, Ausgabe Januar 2007, Seite 16

Bühring, Petra

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LNSLNS Internetabhängigkeit ist ein Symptom psychischer Erkrankungen, kein eigenständiger Suchtbegriff – so die These einer Studie.

Die Internetabhängigkeit ist nur ein Symptom psychischer Erkrankungen. Der Suchtbegriff trifft nicht auf das Phänomen des exzessiven Internetkonsums zu. Zu dieser Auffassung gelangten Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Dr. med. Bert te Wildt et al., Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie der MHH, und Inken Putzig untersuchten Patienten, die im Zusammenhang mit einer Abhängigkeit von Internet und Computerspielen signifikanten Leidensdruck entwickelt hatten und psychiatrischer Unterstützung bedurften. Die 23 internetabhängigen Studienteilnehmer wurden mit einer in Bezug auf Alter, Geschlecht und Schulbildung korrelierenden Kontrollgruppe verglichen. Dabei zeigte sich, dass sich die zu 75 Prozent männlichen Internetabhängigen pro Tag durchschnittlich sechseinhalb Stunden im Internet aufhielten, insbesondere in Internet-Rollenspielen wie „World of Warcraft“. Bei jedem einzelnen Probanden konnte im Rahmen eines ausführlichen Arztgesprächs und mithilfe aufwendiger psychologischer Tests eine – sich auch unabhängig von der Medienproblematik erklärende – psychiatrische Diagnose gestellt werden. So wiesen 80 Prozent der Probanden ein depressives Syndrom auf, das auch schon vor der Entwicklung der Internetabhängigkeit vorhanden war. Andere häufige Erkrankungen in diesem Zusammenhang waren Angsterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen. Zum Zeitpunkt der Untersuchung wies keiner der Studienteilnehmer weitere Suchterkrankungen auf, was die Annahme untermauert, dass hier die diagnostische Einordnung als Suchterkrankung nicht stimmig ist: „Anders als bei stoffgebundenen Suchterkrankungen sprechen unsere Daten dafür, dass sich hinter pathologischer Internetnutzung bekannte psychische Störungen verbergen, die mit der Übersetzung in die virtuelle Welt einen Symptomwandel erfahren“, sagte te Wildt.
Virtuelle Lebenswelten in die Therapie mit einbeziehen
Die zunehmende Verlagerung des privaten und beruflichen Lebensalltags auf eine virtuelle Ebene führt schon seit Langem zu Spekulationen, ob es bei der Computernutzung zu suchtartigen Entwicklungen kommen könnte. Einige aktuelle psychologische Studien sprechen davon, dass die „Internetsucht“-Rate bei etwa drei bis sieben Prozent der Internetnutzer liegt. Te Wildts Ergebnisse zeigen zwar, dass das Abhängigkeitspotenzial ernst genommen werden muss. Internetabhängigkeit könne aber von jedem Psychiater und Psychotherapeuten als Symptom einer psychischen Erkrankung diagnostiziert und behandelt werden. Dies setze allerdings voraus, dass sich Therapeuten für die virtuellen Lebenswelten ihrer Patienten interessieren und diese in die Behandlung mit einbeziehen.
Te Wildt stellt die Problematik allerdings in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang: „Die Frage ist, warum immer mehr erwachsene Menschen aus der konkreten Welt, in der sie sich offensichtlich narzisstischen Kränkungen ausgesetzt sehen, den depressiven Rückzug in eine infantile digitale Fantasiewelt antreten, um dort die Helden zu spielen, die sie im realen Leben nicht sein können.“ PB

Kontakt:
Dr. med. Bert te Wildt
Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie
Medizinische Hochschule Hannover
E-Mail: tewildt.bert@mh-hannover.de
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