ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2007Sucht im Alter: Die stille Katastrophe

THEMEN DER ZEIT

Sucht im Alter: Die stille Katastrophe

PP 6, Ausgabe Januar 2007, Seite 17

Ascheraden, Christoph von; Gellert, Rüdiger; Hagenbuch, Friedemann

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LNSLNS Moderne Suchttherapie kennt keine Altersgrenze. Der Beitrag will für die Problematik sensibilisieren sowie Kriterien für das Erkennen und Behandeln von Suchterkrankungen im Alter aufzeigen.

Suchtmittelmissbrauch und manifeste Suchterkrankungen betreffen nicht nur jüngere Menschen, sondern zunehmend auch ältere Patienten. Die demografische Entwicklung einerseits, neuere medizinische Erkenntnisse andererseits sind Anlass, das Problem der Suchtprophylaxe und Therapie im Alter aus dem Bereich der Tabuisierung in das Bewusstsein ärztlichen Handelns zurückzuholen.
Benzodiazepine: Immer noch unterschätzte Rolle
Etwa 30 Prozent aller Menschen über 70 Jahre erhalten psychotrope Substanzen, und zwar sowohl in Pflegeeinrichtungen als auch im Rahmen der ambulanten Versorgung. Insbesondere die Benzodiazepine spielen hier eine gefährliche und immer noch unterschätzte Rolle. Aber auch andere psychotrope Substanzen (Neuroleptika und Antidepressiva) gehören zu den häufig verordneten Medikamenten. Dazu kommen Schmerzmedikamente unterschiedlicher Provenienz (NSAR, Paracetamol, Metamizol, Opioide und Opiate). Nicht selten werden diese Medikamente über längere Zeit ohne eine kritische Indikationsüberprüfung verordnet. Die Folgen für die Patienten können gravierend sein: Unerwünschte Medikamenteninteraktionen, Beeinträchtigung der Vigilanz und der kognitiven Leistungen, Blutdrucksenkung, Sturzgefahr durch relaxierende Wirkung auf die Skelettmuskulatur und Koordinationsstörungen. Darüber hinaus können die ursprünglichen Symptome durch einen längeren Medikamentengebrauch verschlimmert werden: Als Beispiel sollen hier durch Benzodiazepine induzierte Schlafstörungen genannt werden, die nicht selten Anlass zu nächtlichen Unruhezuständen, Durchschlafstörungen und damit zu einer Dosissteigerung eben dieser Medikamente geben.
Es wird nicht verkannt, dass die Behandlung multimorbider älterer Menschen auch gerade in psychopathologischer Hinsicht oft eine Herausforderung für Pflegepersonal und pflegende Angehörige ist. Ärzte sind jedoch verpflichtet, eine in-dikationsgerechte medikamentöse Therapie durchzuführen. Dies ist oft nur in engem Kontakt und aufmerksamer Kommunikation mit Pflegern, Mitarbeitern der Sozialstation und pflegenden Angehörigen möglich. Dabei können die folgenden Fragen eine Hilfestellung bieten:
- Ist eine Behandlung mit psychotropen Substanzen erforderlich oder gibt es andere behandelbare Ursachen für einen Unruhezustand des Patienten (internistisch, urologisch, gynäkologisch, dermatologisch, neurologisch)?
- Welches Medikament ist in welcher Anfangsdosierung am ehesten geeignet, das Problem zu lösen, ohne gravierende Nebenwirkungen zu erzeugen?
- Wie lange sollte ein psychotropes Medikament gegeben werden?
- Wann zuletzt wurde eine kritische Bilanz aller Medikamente beim Patienten durchgeführt? (Dies gilt insbesondere für Patienten in Pflegeheimen.)
- Wann wurde zuletzt mit pflegenden Angehörigen, Mitarbeitern der Sozialstation oder dem Pflegepersonal im Altenheim über Verhaltensauffälligkeiten und Veränderungen im kognitiven und emotionalen Verhalten des Patienten gesprochen?
- Ist es erforderlich, einen Facharzt zur Lösung des Problems hinzuzuziehen?
- Gibt es Anhaltspunkte für die Entwicklung einer Medikamentenabhängigkeit?
Gerade wenn die letzte Frage mit Ja beantwortet werden kann, ist ein suchtmedizinisches Behandlungskonzept erforderlich. Auch bei älteren Menschen kann Suchttherapie durchaus erfolgreich initiiert werden. Als Beispiel soll wiederum die Benzodiazepinabhängigkeit dienen: Sollten ambulante Therapieangebote nicht zum Ziel führen, ist auch eine stationäre Behandlung in Erwägung zu ziehen. Im ambulanten Bereich ist es notwendig, die pflegenden Angehörigen, die Pfleger und die spezifischen Angebote der Suchtberatungsstellen in das Gesamtkonzept miteinzubeziehen.
Alkoholabusus:
Vernachlässigtes Übel
Ein zweites, nicht minder gravierendes Problem stellt der schädliche Gebrauch von Alkohol im Alter dar. Viel zu oft wird dieser auch von ärztlicher Seite als ein zu vernachlässigendes Übel ohne therapeutische Konsequenzen angesehen. Die vielfältigen gesundheitlichen Schäden müssen nicht im Einzelnen dargestellt werden. Es soll nur darauf hingewiesen werden, dass delirante Zustände, „Durchgangssyndrome“ oder eine Verschlechterung der kognitiven Leistungsfähigkeit nicht selten alkoholassoziiert sind. Moderne Suchttherapie kennt keine Altersgrenze und keinen Ausschluss von Patienten von einer wirksamen Therapie.
Auch bei Verdacht auf Alkohol-abusus sollte man sich immer wieder durch eine Zwischenanamnese, durch die körperliche Untersuchung und eventuell weiterführende Laboruntersuchungen Klarheit verschaffen.
- Wann habe ich zuletzt mit dem Patienten über seinen Alkoholkonsum gesprochen?
- Sind im Verhalten des Patienten Veränderungen aufgetreten, die alkoholassoziiert sein könnten?
- Sind von den Angehörigen oder vom Pflegepersonal Beobachtungen in Richtung Alkoholabusus gemacht worden?
- Wenn eine Abstinenz nicht erreicht werden kann, ist über die Frage der Alkoholreduktion im Sinne eines kontrolliert reduzierten Konsums gesprochen worden?
- Ist über die Möglichkeit der Einschränkung der freien Verfügbarkeit alkoholischer Getränke nachgedacht und gesprochen worden?
Es geht nicht darum, Alkohol zu verbieten oder alten Menschen die Freude am „Viertele“ zu vergällen. Vielmehr sollte alten Menschen professionelle Hilfe angeboten werden, wenn ein ernsthaftes Alkoholproblem erkennbar ist. Sensibilisierung für ein drängendes Problem ist das Ziel, keine Moralisierung oder Bevormundung.
Suchterkrankungen sind nicht nur für eine Verschlechterung der Lebensqualität vieler alter Menschen verantwortlich, sondern unmittelbar auch für das Entstehen oder die Verschlimmerung von schwerwiegenden somatischen und psychischen Störungen. Deshalb ist die genaue Patientenbeobachtung, die Anamnese, die kritische Analyse der Medikamentenverordnung und die Kommunikation mit allen, die an der Pflege und Versorgung älterer Menschen beteiligt sind, ärztliche Pflicht.

Dr. med. Christoph von Ascheraden
Dr. med. Rüdiger Gellert
Dr. med. Friedemann Hagenbuch


Interdisziplinäres Forum

Das Thema Sucht, insbesondere Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit, wird ausführlich im Rahmen des 31. Interdisziplinären Forums „Fortschritt und Fortbildung in der Medizin“ der Bundes­ärzte­kammer behandelt, das vom 11. bis 13. Januar 2007 in Berlin stattfindet. Programm siehe: www.bundesaerztekammer.de /30/Fortbildung/20Veranstaltungen/05Interdis/1031Forum/index.html
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