ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2007MISSHANDLUNGEN: Eigenes Berufsbild
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LNSLNS Die Einrichtung eines „Frühwarnsys-tems“ zur Prävention von Kindesmisshandlung und Verwahrlosung erscheint zunächst sinnvoll, die bisherigen Umsetzungsideen wenig realistisch: Als psychotherapeutischer Sachverständiger bin ich häufig mit gerichtlichen Fragen nach Misshandlungsverdacht und Ähnlichem befasst und kooperiere eng mit den entsprechenden Haus- und Kinderärzten, Jugendämtern und Klinikambulanzen. Oft ist es selbst bei eingehender Diagnostik, ob nun eine „Misshandlung“ vorliegt (zum Beispiel via Röntgenaufnahmen auf Knochenbrüche, Untersuchung von Hämatomen und des Augenhintergrunds, von Brandverletzungen) oder eine der unzähligen „Ausreden“ der betroffenen Eltern zutrifft, kaum möglich, solche „Misshandlungen“ festzustellen, noch seltener einen behaupteten sexuellen Missbrauch. Was bleibt, sind Risiken und Wahrscheinlichkeiten. Mehr ärztliche „Aufmerksamkeit“ und „Vernetzungen“ würden allenfalls wenige „krasse“ Fälle zusätzlich aufdecken, jedoch kaum generalpräventiv wirken. Ein auf Misshandlungs- und Verwahrlosungsrisiken fokussiertes Modell analog den englischen „health visitors“ (dort meist Hebammen, Krankenschwestern) wäre angemessener.
Aufgrund der Bedeutung der frühkindlichen Lebensumstände, elterlicher Erziehungskompetenz und insbesondere bei Problemen bei Alleinerziehenden (unter anderem Überforderung und Ausgrenzung ehemaliger Partner vom Kontakt zu ihrem Kind) und kinderreichen Unterschichtfamilien besteht hier Bedarf, ein eigenes Berufsbild zu schaffen, das insbesondere von Psychotherapeuten beziehungsweise entsprechend weitergebildeten Psychologen und Ärzten ausgeübt werden kann.
Es gibt keinen vernünftigen Grund, sich einer solchen Vorbeugemaßnahme, welche im wahrsten Sinne des Wortes die psychosoziale „Volksgesundheit“ beträfe und welche die ers-ten drei Jahre vor dem Kindergarten abdecken würde, zu entziehen. Schon für geringere Lebensrisiken sind Eingriffe in die Privatsphäre hinzunehmen – vom TÜV für das Auto über den Schornsteinfeger bis hin zu Schuleingangstests. Ärzte- und Psychotherapeutenkammern sollten zügig ein entsprechendes Berufsbild entwickeln und in die aktuelle Diskussion einbringen.
Literatur
Campbell H, Macdonald S: Evaluation of the Five health visitor proactive training Programme. In:
Public Health 1995, 109 (2): 327–35.
Williams DM: Vulnerable families: a study of health visitors’ prioritization of their work. In: Journal of Nursing Management 1997, Vol. 5: 19.
Dr. Walter Andritzky, Psychologischer Psychotherapeut, Kopernikusstraße 55, 40225 Düsseldorf
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