ArchivDeutsches Ärzteblatt10/19971947/1997 – Bundes­ärzte­kammer im Wandel (V): Der Wissenschaftliche Beirat der Bundes­ärzte­kammer Funktion und Arbeit sowie Bilanz (1951 bis 1996)

THEMEN DER ZEIT: 50 Jahre Bundes­ärzte­kammer

1947/1997 – Bundes­ärzte­kammer im Wandel (V): Der Wissenschaftliche Beirat der Bundes­ärzte­kammer Funktion und Arbeit sowie Bilanz (1951 bis 1996)

Bachmann, Klaus-Ditmar; Heerklotz, Brigitte

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LNSLNS In den letzten 50 Jahren ist eine naturwissenschaftlich-technische Entwicklung der Medizin abgelaufen, die nicht nur die Ergebnisse der Forschung aus den vorangegangenen zweieinhalbtausend Jahren weit übertrifft, sondern auch an jene Grenzen gestoßen ist, die bisher als unüberschreitbar gegolten haben. Bereits in einem frühen Stadium dieser Entwicklung hat der damalige Präsident der BÄK, Prof. Dr. med. D. theol. h. c. Hans Neuffer, dem 54. Deutschen Ärztetag (1951) in München vorgeschlagen, für den Vorstand der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) einen Wissenschaftlichen Beirat (WB) als Beratergremium für die medizinischwissenschaftlichen Grundsatz- und Einzelfragen zu berufen.


Das Statut des WB der BÄK
Nach dem Statut hat der WB die Aufgabe, den Vorstand der BÄK in seiner Meinungsbildung zu medizinischwissenschaftlichen Grundsatzfragen zu beraten und zum Beispiel bei der Vorbereitung von Gesetzen, in Zusammenarbeit mit der Rechtsabteilung, den Gremien sowie anderen Fachausschüssen der BÄK zu unterstützen.
Die etwa 40 Mitglieder im Plenum des WB werden im Einvernehmen mit den wissenschaftlichen Fachgesellschaften für die Dauer von jeweils drei Jahren durch den Vorstand der BÄK berufen; Wiederwahl ist möglich. Den Vorsitzenden, seine beiden Stellvertreter und fünf Beisitzer wählt die Plenarversammlung für
jeweils drei Jahre aus ihrer Mitte (Tabelle 1); Wiederberufung ist möglich.
Der Vorstand tritt jährlich zu vier Beratungen zusammen, davon einmal gemeinsam mit dem Vorstand der BÄK. Diese jährlichen gemeinsamen Beratungen beider Vorstände haben gezeigt, daß ein derartiger Gedankenaustausch zwischen den berufspolitisch Verantwortlichen und den ehrenamtlich tätigen Wissenschaftlern sachdienlich ist und das gegenseitige Verständnis vertieft und fördert. Das Plenum versammelt sich zweimal jährlich, im Juli und im Dezember, zur Beratung.
Aktuelle Fragen und die sich aus der Beobachtung der internationalen Entwicklung ergebenden Themen mit besonders komplexen medizinisch-ethischen Problemen werden von multidisziplinären Arbeitskreisen (6 bis 10 Experten, in der Mehrzahl Nicht-Mitglieder des WB, sogenannter "kleiner" Arbeitskreis) bearbeitet. Je nach Fragestellung werden neben Medizinern auch Juristen, Philosophen, Moraltheologen, Medizinethiker, Epidemiologen, Soziologen sowie Naturwissenschaftler anderer Disziplinen zur Mitarbeit gebeten. Die Zahl der Arbeitskreis-Sitzungen schwankt zwischen 25 und 35 in einem Jahr bei fünf bis sieben gleichzeitig tätigen Arbeitsgruppen.
Themen wie z. B. die kürzlich abgeschlossene, fünfte, novellierte Fassung der "Richtlinien zur Blutgruppenbestimmung und Bluttransfusion (Hämotherapie)" (1), die "Leitlinien zur Therapie mit Blutkomponenten und Plasmaderivaten" (2) oder die "Richtlinien zur Transplantation peripherer Stammzellen nach Hochdosis-Therapie" (Arbeitstitel), noch unveröffentlicht (3), werden nach den abgeschlossenen Überlegungen des "kleinen" Arbeitskreises mit allen diese Therapie- und Diagnoseverfahren
anwendenden medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften, mit den Berufsverbänden, dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) unter Einbeziehung von Vertretern der Ministerien und Institutionen des Bundes und der Länder - zum Beispiel der Arbeitsgemeinschaft der Leitenden Medizinalbeamten (AGLM) - erörtert ("großer" Arbeitskreis; sogenannte Konsensus-Konferenz) und nach sachlicher Aussprache durch inhaltliche Änderungen und Ergänzungen zu einem von allen Beteiligten mitgetragenen Beratungsergebnis geführt.


Der Geschäftsgang von Verlautbarungen des WB
Nachdem die Mitglieder des "kleinen" Arbeitskreises - und, falls ein "großer" Arbeitskreis (= KonsensusKonferenz) erforderlich war, auch dessen Mitglieder - das stets vertraulich zu behandelnde - Papier gebilligt haben, beraten Vorstand und Plenum des WB die Vorlage. Im Rahmen dieses Meinungsbildungsprozesses werden inhaltliche und formale Änderungsvorschläge diskutiert und gegebenenfalls eingearbeitet.
Nach Verabschiedung durch den WB befaßt sich der Vorstand der BÄK mit dem Ergebnis und erörtert die Vorlage gemeinsam mit dem Vorsitzenden des WB und dem Federführenden des jeweiligen Arbeitskreises. Nach Abschluß der Diskussion und Annahme des Papiers durch den Vorstand der BÄK werden diese Beratungsergebnisse in der überwiegenden Zahl im Deutschen Ärzteblatt oder als Monographie vom Deutschen Ärzte-Verlag, einige auch im Bundesgesundheitsblatt, veröffentlicht. - Siehe dazu Tabelle 2.
Es ist durchaus möglich, daß berufspolitische Gesichtspunkte im Vorstand als so bedeutsam angesehen werden, daß ein möglicher Dissens zu den wissenschaftlichen Fakten oder auch der Zeitaspekt eine Zurückstellung des Papiers erforderlich machen. Als Beispiel dieser Art kann auf die sehr kontrovers beurteilte DrogenProblematik hingewiesen werden. Für die "Leitlinie (Thesen) zur Therapie der Drogenabhängigkeit und zur Methadon-Substitution" (4) besteht seit 18 Monaten - wie man unter Schachspielern sagen würde - eine Hängepartie.


Die vier Kategorien der Papiere des WB
Die thematische Vielseitigkeit der Aufgaben des WB (vgl. auch Tabelle 5) macht es notwendig, für die vom Vorstand als offizielle Meinung der deutschen Ärzteschaft verabschiedeten Papiere eine Staffelung der Verbindlichkeit vorzunehmen. Im Laufe der letzten 15 Jahre haben sich vier Kategorien von verlautbarten Texten entwickelt (Tabelle 3). Während das Memorandum und die Stellungnahme einen Empfehlungscharakter haben, der dem Arzt einen erheblichen Ermessens-Spielraum überläßt, ergeben sich durch eine Leitlinie ebenso wie durch eine Richtlinie berufsrechtliche Verbindlichkeiten.
Das "Memorandum" dient der Information und Aufklärung des Arztes über praxisrelevante therapeutische und diagnostische Inhalte, nennt aber auch jene Sachverhalte, die inzwischen als antiquiert zu betrachten sind. Als Beispiele seien die Memoranden "Die Lage der epidemiologischen Krebsforschung in der Bundesrepublik Deutschland" (5) und "Arzneibehandlung im Rahmen ,besonderer Therapie-Richtungen' " (6) erwähnt. Papiere dieses Inhaltes sind für die Urteilsbildung über den aktuellen Stand des Wissens von konkretem Nutzen und können auch im Falle der - stets erforderlichen - Aufklärung des Patienten, zum Beispiel über eine bestimmte Medikation, argumentativ hilfreich sein; sie stellen einen Beitrag zur Qualitätssicherung dar.
Die Empfehlung beziehungsweise Stellungnahme lenkt die Aufmerksamkeit der Ärzteschaft und der Öffentlichkeit auf änderungsbedürftige Sachverhalte, wie etwa die "Empfehlung zur Erhebung von Fehlbildungen" ("Fehlbildungs-Register") (7). Obgleich eine Meldepflicht der Fehlbildungen bei Neugeborenen seit 1963 im Gefolge des Auftretens der Thalidomid-Embryopathie (sogenannte Contergan-Katastrophe) besteht, werden jährlich nur knapp 10 Prozent der eigentlich zu erwartenden Fehlbildungen bei Neugeborenen gemeldet! Nur 1987, ein Jahr nach der Tschernobyl-Katastrophe, ist die Zahl der Meldungen einmalig auf 18 Prozent angestiegen! Als im Frühjahr 1995 in der deutschen Küstenregion eine Häufung von GliedmaßenFehlbildungen bei Neugeborenen beobachtet worden ist, gab es keine epidemiologischen Daten, die eine Urteilsbildung regional oder landesweit zugelassen hätten!


Die Leitlinie informiert über die Weiterentwicklung diagnostischer und/oder therapeutischer Verfahren und hat eine qualitätssichernde Funktion, wie bei näherer Beschäftigung mit den "Leitlinien zur Therapie mit Blutkomponenten und Plasmaderivaten" (2) dem Leser der Monographie unschwer erkennbar wird.
Die von der Bundes­ärzte­kammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung vor einem Jahr errichtete "Zentralstelle der Deutschen Ärzteschaft zur Qualitätssicherung in der Medizin" (= ÄZQ = Ärztliche Zentralstelle Qualitätssicherung) und die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) haben beschlossen, daß der Terminus "Leitlinie" an die Stelle des noch häufig benutzten Begriffes "Standard" in den Papieren der Qualitätssicherung treten und in Zukunft vorwiegend in diesem Sinne verwendet werden soll. Die "Leitlinien" lassen dem Arzt den notwendigen Entscheidungs- und Handlungsspielraum für seine diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen und erleichtern die Berücksichtigung individueller Besonderheiten der Patienten.
Der Begriff "Standard" hat durch seine - in der Regel - exakte Definition (zum Beispiel DIN = Deutsche Industrie- Norm) zumindest in Deutschland einen mehr technisch-imperativen Charakter. Allerdings ist "der Standard" im medizinischen Bereich sowohl in der deutschen wie in der englischen und der amerikanischen Rechtsprechung eine häufig angewendete Rechtsfigur. Eine sehr treffende Definition stammt von H.-L. Schreiber (8): "Die erforderliche Sorgfalt, die zu verletzen haftbar macht, wird konkretisiert durch Standards, die zwischen abstrakter Norm - erforderlicher Sorgfalt - und konkretem Geschehen vermitteln. ,Standard' ist weniger als eine allgemeine Rechtsregel, er ist relativ beweglich. ,Standard' meint diejenige Behandlung, die ein durchschnittlich qualifizierter Arzt nach dem ihm zugänglichen Stand von medizinischer Wissenschaft und Praxis an Kenntnissen, Wissen, Können und Aufmerksamkeit erbringen kann." Medizinische Standards dieser Art - von anerkannten Experten erarbeitet - setzen Maßstäbe für die Sorgfalt bei der ärztlichen Berufsausübung und dienen der Qualiätssicherung.
Die Richtlinie enthält für spezielle Methoden in Diagnostik und/oder Therapie in Einzelheiten gehende Regelungen, wie es zum Beispiel in den "Richtlinien zur Blutgruppenbestimmung und Bluttransfusion (Hämotherapie)" (1) nachzulesen ist. Durch eine Richtlinie wird im allgemeinen und entsprechend der heutigen Rechtsprechung dem behandelnden Arzt ein geringerer Ermessens-Spielraum eingeräumt und ein Mehr an Verhaltens- oder Handlungs-Anweisungen übermittelt. Denn der Arzt muß für Schäden nur einstehen, wenn diese ursächlich aus einem nachgewiesenen Unterschreiten der zu fordernden Kriterien für die Qualität entstanden sind ("behandlungs-eigene iatrogene Risiken") (9). Dabei ist zu berücksichtigen, daß die jeweils verfügbaren ärztlichen, pflegerischen, apparativen und räumlichen Potentiale erhebliche Unterschiede aufweisen. Daraus ergibt sich, daß es medizinisch und juristisch mehrere der personellen und apparativen Ausstattung gerecht werdende "Standards" geben sollte (9).
Die Frage nach der Verbindlichkeit von medizinisch-wissenschaftlich erarbeiteten Leit- und Richtlinien wirft eine Reihe von medizinrechtlichen Fragen auf, deren umfassende Erörterung den Rahmen dieser Mitteilung weit überschreiten würde. Aber schon der Hinweis auf die drei "konkurrierenden" Tatbestände wie 1) auf die Selbstbestimmung des Patienten und 2) auf die vom Arzt geschuldete Sorgfalt bei Diagnose und Therapie sowie 3) auf die medizinrechtlichen Probleme mag jene Interferenzen hinreichend kenntlich machen, die aus juristischer Sicht unlängst differenziert und die Sachverhalte klärend dargestellt worden sind (16).
Schließlich sei noch angemerkt, daß in der Europäischen Union die Guidelines den deutschen Richtlinien und die Standards den deutschen Leitlinien in etwa vergleichbar sind.


Die vier Ebenen der Rechtsverbindlichkeit von Richtlinien der BÄK
Für die erste Ebene (Tabelle 4) können die "Richtlinien zum Führen einer Knochenbank" (10) als ein Beispiel genannt werden. Nach dem Beschluß des Vorstandes der BÄK ist der in der Richtlinie aufgeführte Katalog der erforderlichen Untersuchungen, der zu beachtenden Voraussetzungen und der zu erstellenden Dokumentationen durch die eine Knochentransplantation ausführenden Ärzte zu erfüllen, um den Schutz des Patienten, zum Beispiel vor möglichen Infektionen, zu gewährleisten. Diese Richtlinien sind europaweit abgestimmt.
Für die zweite Ebene (Tabelle 4) besteht die Möglichkeit, daß Stellungnahmen des WB - soweit sie Qualitätssicherungsmaßnahmen betreffen, wie zum Beispiel die "Richtlinien zur Qualitätssicherung in der Mikrobiologie und der Immunhämatologie" (11) - als Satzungsrecht von den Lan­des­ärz­te­kam­mern übernommen werden. Nach § 11 der Musterberufsordnung (entsprechende Regelungen finden sich in allen Landesberufsordnungen) sind die Ärzte verpflichtet, die von den Ärztekammern eingeführten Maßnahmen zur Sicherung der Qualität in ihrer ärztlichen Tätigkeit zu beachten (17).
Als Beispiel für die dritte Ebene (Tabelle 4) sind die "Richtlinien zur Durchführung des intratubaren Gametentransfers, der In-vitro-Fertilisation mit Embryotransfer und anderer verwandter Methoden" (12, 13) zu nennen. Nach der Geburt des weltweit ersten durch extrakorporale Fertilisation gezeugten Kindes in Großbritannien (1978) entwickelten sich rasch ethische und juristische Grundsatzdiskussionen. Die ethischen Bedenken richteten sich gegen die potentiellen Folgen eines irreversiblen Schrittes im historischen Prozeß der Selbstmanipulation des Menschen.
Die grundsätzliche Bedeutung, welche die Ärzteschaft in dieser Problematik gesehen hat, führte zu der Regelung, daß erstmalig die genannten Richtlinien in zwingendes Berufsrecht überführt worden sind. Zu diesem Zweck sind die Richtlinien vom Deutschen Ärztetag als Anhang zur Musterberufsordnung beschlossen und nachfolgend als Satzungsrecht der Lan­des­ärz­te­kam­mern im ärztlichen Berufsrecht verankert worden. Grundlage dafür war der § 9 der Musterberufsordnung (vergleichbare Vorschriften finden sich in allen Landesberufsordnungen), so daß alle Ärzte, die die IVF-Methoden anwenden, diese Richtlinien beachten müssen (17).
Für die vierte Ebene (Tabelle 4) der Rechtsverbindlichkeit können die "Richtlinie zur Qualitätssicherung in der quantitativen Bestimmung im Laboratorium" von 1988 (14) und ihre Ergänzungs-Richtlinie von 1992 (15) als repräsentativ betrachtet werden. Beide Papiere sind von den für die Qualitätssicherung zuständigen Gremien der BÄK erarbeitet und vom Gesetz- beziehungsweise Verordnungsgeber in Kraft gesetzt worden. Denn nach der Novellierung des Eichgesetzes heißt es im § 4 der neuen Eichordnung: ". . . die Durchführung der Qualitätssicherung in der klinischen Chemie hat nach der Eichordnung und nach den Richtlinien der BÄK zu erfolgen." Für die Eichbehörden der Länder sind diese Richtlinien also Grundlage für die Überprüfung der Laboratorien.
Abschließend und zusammenfassend läßt sich für die Rechtsverbindlichkeit der Papiere des WB feststellen, daß auch dann, wenn eine solche berufsrechtliche Anbindung wie bei den Leit- und Richtlinien nicht erfolgt ist, es dennoch zweckdienlich und empfehlenswert sein wird, die Verlautbarungen des WB zu kennen und zu beachten. Denn bei Befolgung derartiger Stellungnahmen übt der Arzt seinen Beruf gewissenhaft aus (§ 1 Abs. 3 der Musterberufsordnung) (17). Im Falle einer Nicht-Befolgung wird der Arzt darlegungs- und beweispflichtig, warum er davon abgewichen ist.


Die Bilanz der Tätigkeit des WB
Vor der Gründung des WB gab es seit den vom Deutschen Ärztetag 1924 verabschiedeten Bremer Richtlinien erstmals in Deutschland 14 Facharztbezeichnungen. Der Fortschritt in der Medizin, sowohl die Entwicklung neuer apparativer diagnostischer und therapeutischer Verfahren als auch die Entwicklung hochwirksamer Pharmaka machten im Laufe der letzten 30 Jahre eine schnell fortschreitende weitere Differenzierung der ärztlichen Tätigkeiten notwendig. Seit dem 95. Deutschen Ärztetag in Köln (1992) gibt es deshalb 41 Fachgebiets- und 22 Schwerpunkt-Bezeichnungen. In einer gewissen Parallele zu dieser Erweiterung des ärztlichen Leistungsspektrums haben sich auch die Aufgaben des WB fächerübergreifend intensiviert und vergrößert.
Seit seiner Gründung vor 45 Jahren hat der WB knapp 80 Verlautbarungen erarbeitet und der Ärzteschaft auf verschiedene Weise zur Kenntnis gebracht (Tabelle 5). Zwischen dem 1. Januar 1985 und dem 31. Dezember 1995 sind insgesamt 37 Leit- und Richtlinien sowie zwei Memoranden von den speziell berufenen Expertengruppen sowie den zwei ständigen Arbeitskreisen des WB "Somatische Gentherapie" und "Gesundheitsschäden duch Umwelteinflüsse" erarbeitet worden. Sie sind nach Billigung durch den Vorstand der BÄK im Deutschen Ärzteblatt oder im Deutschen Ärzte-Verlag als Monographie sowie einige auch im Bundesgesundheitsblatt veröffentlicht worden. In den Jahren 1985 bis 1991 hat die "Zentrale Kommission der BÄK zur Wahrung ethischer Grundsätze in der Reproduktionsmedizin, Forschung an Embryonen und Gentherapie" beim WB neun Richtlinien und Empfehlungen mit Zustimmung des Vorstandes der BÄK im Deutschen Ärzteblatt publiziert.
Nach diesen Informationen über die Aufgaben und Arbeitsweisen des WB noch einige kurze Bemerkungen über seine externe Zusammenarbeit mit anderen Institutionen:
Mit der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) verbindet den WB eine vertrauensvolle Zusammenarbeit seit nahezu anderthalb Jahrzehnten. Der Präsident der AWMF nimmt ebenso wie der Vorsitzende des WB regelmäßig an den Delegiertenversammlungen der AWMF bzw. den Plenarsitzungen des WB teil.
Die Einbeziehung von Vertretern aus Bundes- und Länderministerien (z. B. AGLMB) oder Aufsichtsbehörden, von Abgeordneten des Deutschen Bundestages und Mitgliedern des Europäischen Parlamentes in die Arbeitskreise und Kommissionen des WB hat bewirkt, daß die fachliche Beratung, zum Beispiel bei der Vorbereitung von Gesetzen und Verordnungen, zu einem frühen Zeitpunkt erwünscht und gefragt ist. Beispiele dafür sind das Embryonenschutzgesetz, das Transplantations-gesetz, die Betäubungsmittel-VerschreibungsVerordnung und anderes mehr. Nicht unerwähnt bleiben soll die große Zahl der den WB erreichenden Anfragen zu neuen Behandlungsverfahren und seltenen Krankheiten; diese Anfragen werden von seinen ehrenamtlichen Mitgliedern sowie den in großer Zahl mit dem WB zusammenarbeitenden Klinikern, Wissenschaftlern und Forschern beantwortet.


Zusammenfassung
Diese Darstellung gibt einen Einblick in die Arbeit des WB in Vergangenheit und Gegenwart und erläutert die Rechtsverbindlichkeiten seiner Papiere. Darüber hinaus wird vom WB auch eine Fortsetzung der erfolgreichen interdisziplinären Zusammenarbeit angestrebt, um zu einer kongruenten Terminologie nicht nur für den nationalen, sondern möglichst auch für den europäischen Bereich zu gelangen. Die Notwendigkeit eines derartigen Prozesses postulierte aus juristischer Sicht H. D. Schirmer (16) vor kurzem mit der Feststellung: "Schon ihrem professionellen Geltungsanspruch nach sind Standards mehr oder minder verbindlich. Hier knüpfen Versuche an, durch unterschiedliche Terminologie den Typisierungsgrad und die Spielräume anzudeuten, welche trotz der Regel gegeben sind. Leitlinien, Richtlinien und Empfehlungen zeigen begrifflich schon an, daß sie Abweichung implizieren. Für Standards nimmt dies zumindest die Rechtspraxis an. Welche Bezeichnung gewählt wird, ist eine Frage der Übereinkunft . . . Es wäre Aufgabe der Medizin, durch Definition Klarheit zu schaffen, welche insoweit aus der Sicht der Juristen nicht besteht!"


Anschriften der Verfasser:
Prof. Dr. Klaus-Ditmar Bachmann
Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der Bundes­ärzte­kammer
Herbert-Lewin-Straße 1
50931 Köln


Brigitte Heerklotz
Leiterin des Dezernates Wissenschaft u. Forschung der Bundes­ärzte­kammer
Herbert-Lewin-Straße 1
50931 Köln


Bisher sind in dieser Serie erschienen:
Thomas Gerst: Föderal oder zentral? - Der kurze Traum von einer bundeseinheitlichen ärztlichen Selbstverwaltung (Heft 38/1996)
Gerhard Vogt: Arzt im Krankenhaus (Heft 45/1996)


Hedda Heuser-Schreiber: Ärztinnen in Deutschland - Fakten, Beobachtungen, Perspektiven (Heft 1-2/1997)
J. F. Volrad Deneke: Körperschaften und Verbände - streitbare Verwandte (Heft 4/1997)

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1."Richtlinien für Blutgruppenbestimmung und Bluttransfusion (Hämotherapie)", Monographie. Hrsg. Vorstand und WB der BÄK Köln: Deutscher Ärzte-Verlag, 1996, und Bundesgesundheitsblatt 1997 (im Druck)
2."Leitlinien zur Therapie mit Blutkomponenten und Plasmaderivaten", Monographie. Hrsg. Vorstand und WB der BÄK Köln. Deutscher Ärzte-Verlag, 1995
3."Richtlinien zur Transplantation peripherer Stammzellen nach Hochdosis-Therapie" (Arbeitstitel, noch unveröffentlicht)
4."Leitlinien zur Therapie der Drogenabhängigkeit und zur Methadon-Substitution". (Arbeitstitel, noch unveröffentlicht)
5."Memorandum zur Lage der epidemiologischen Krebsforschung in der Bundesrepublik Deutschland", Monographie, Hrsg. Vorstand und WB der BÄK, Köln: Deutscher Ärzte-Verlag, 1989
6."Memorandum zur Arzneibehandlung im Rahmen besonderer Therapie-Richtungen", Monographie. Hrsg. Vorstand und WB der BÄK. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag, 2. Auflage 1993
7."Empfehlung zur Erhebung von Fehlbildungen". Hrsg. Vorstand und WB der BÄK. Deutsches Ärzteblatt, Köln, 1993, A-648-652
8.Schreiber HL: "Standard und Neuland, z. B. Laparoskopische Chirurgie", Hrsg. Rudolf Häring, "Chirurgie und Recht", Blackwell, Wissenschaft, Berlin 1993: 223-229
9.Steffen, E: "Neue Entwicklungslinien der BGH-Rechtsprechung zum Arzthaftungsrecht", 6. neubearb. Auflage, Verlag Kommunikations-Forum, Köln 1995, S. 47 u. 49
10."Richtlinien zum Führen einer Knochenbank", Hrsg. Vorstand und WB der BÄK, Deutscher Ärzte-Verlag, Köln, 1996, A-2166-2171
11."Richtlinien der BÄK zur Qualitätssicherung in der Mikrobiologie und der Immunhaematologie", Deutsches Ärzteblatt, Köln, 1992, A-492-495
12."Richtlinien zur Durchführung der In-vitro-Fertilisation (IVF) mit Embryotransfer (ET) als Behandlungsmethode der menschlichen Sterilität", Deutsches Ärzteblatt, Köln, 1985, A-1649 u. A- 1690- 1698
13."Ergänzung der Richtlinie zur Durchführung des intratubaren Gametentransfers, der In-vitro-Fertilisation mit Embryotransfer und anderer verwandter Methoden", Anhang zur ,Berufsordnung für die deutschen Ärzte', Deutsches Ärzteblatt, Köln, 1996, A-407-419
14."Richtlinien der BÄK zur Qualitätssicherung der quantitativen Bestimmungen im Laboratorium", Deutsches Ärzteblatt, Köln, 1988, A-697
15."Ergänzung der Richtlinie der BÄK zur Qualitätssicherung in medizinischen Laboratorium", Deutsches Ärzteblatt, Köln, 1994, A-211-213
16.Schirmer, HD: "Rechtliche Anmerkungen zum Problem der Empfehlungen, Leitlinien, Richtlinien und Standards in der Medizin", in: "Curriculum Qualitätssicherung - Ärztliches Qualitätsmanagement", Hrsg. von Bundes­ärzte­kammer, KBV und AWMF, Köln 1996, 187-204
17.(Muster)-Berufsordnung für die deutschen Ärzte. Deutsches Ärzteblatt Köln, 1996, A-407-419

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