ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2007Trauma, Dissoziation, Persönlichkeit. Pierre Janets Beiträge zur modernen Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie

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Trauma, Dissoziation, Persönlichkeit. Pierre Janets Beiträge zur modernen Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie

PP 6, Ausgabe Januar 2007, Seite 44

Fiedler, Peter

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Pierre Janet: Wiederentdeckung der Ideen
Das Buch ist eine Sammlung von Beiträgen zu einer ersten internationalen Tagung über Pierre Janet in Freiburg im Jahr 2005. Den Autoren ist an einer Wiederentdeckung der Ideen Janets gelegen. Denn in den letzten 20 Jahren sind seine Konzepte Teil insbesondere der Diagnostik und Therapie dissoziativer und posttraumatischer Störungen geworden. Bisher ist nur eine seiner Arbeiten ins Deutsche übersetzt: „Der Geisteszustand der Hysterischen“ (1893).
Pierre Janet (1859–1947), Zeitgenosse Sigmund Freuds, ist zunächst als Philosophielehrer tätig, bevor er mit dem Medizinstudium beginnt und im Rahmen von Hypnoseexperimenten 1885 mit Jean-Martin Charcot in Kontakt kommt. Während Charcot die Hysterie als funktionelle Nervenkrankheit sieht, stehen Janet, Freud und Joseph Breuer für die „psychologische Wende“ in der Hysterieforschung. In deren Verlauf treten jedoch Unterschiede zutage. So relativiert etwa Freud Janets Einschätzung einer grundlegenden Rolle der Dissoziation bei der Hysterie, und Janet reklamiert, mit seiner „Einengung des Bewusstseinsfelds“ Freuds „Verdrängung“ vorweggenommen zu haben. Hat Janet womöglich vorwiegend Patienten mit dissoziativen Störungen behandelt, während Freuds Patienten überwiegend Konversions- und Somatisierungsstörungen aufwiesen? Das spräche eher für einen graduellen Übergang als für einen Gegensatz zwischen den beiden Konzepten, wie Gödde in seinem Beitrag vermutet. Während Freud ein a priori existierendes Unbewusstes annimmt, bildet sich nach Janet das „Unterbewusste“ erst aus, wenn es in der Folge von Traumata zu Dissoziationen kommt, die das Unerträgliche des Erlebten auszublenden versuchen. Im Unterschied zur „Dissoziation als Abwehr“ stellt Dissoziation in diesem Verständnis eine psychische Möglichkeit bereit, Unerträgliches autoregulativ zu verarbeiten.
Weitere Texte behandeln die posttraumatische Belastungsstörung, neurobiologische Aspekte der Dissoziation, Janets Beitrag zur Depersonalisation und die Geschichte dissoziativer Identitätsstörung. Sein Konzept einer „objektiven“ Psychologie vertrat Janet in der Auseinandersetzung mit der damals einflussreichen französischen Schule des eklektischen Spiritualismus, der auch er seine Karriere verdankte.
Erstaunlicherweise nimmt keiner der Texte, die sich mit der Hysterie beschäftigen, Bezug auf „Die unerhörte Botschaft der Hysterie“ (1976), ein überaus kluges Buch des Psychoanalytikers Lucien Israel. Ein Akt der Abgrenzung von psychoanalytischer Theorie? Bleibt zu hoffen, dass bei der Wiederentdeckung der Ideen Janets bereits Gewusstes nicht ins Abseits gerät.
Christof Goddemeier

Peter Fiedler (Hrsg.): Trauma, Dissoziation, Persönlichkeit. Pierre Janets Beiträge zur modernen Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie. Pabst Science Publishers, Lengerich u. a., 2006, 252 Seiten, kartoniert, 20 €
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