ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2007Nachwuchsmangel: Selbstkritik tut not

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Nachwuchsmangel: Selbstkritik tut not

Dtsch Arztebl 2007; 104(1-2): A-28 / B-26 / C-25

Hibbeler, Birgit

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LNSLNS Immer mehr junge Ärztinnen und Ärzte kehren Deutschland den Rücken und arbeiten lieber in Skandinavien, England oder der Schweiz. Viele Medizinabsolventen ziehen alternative Berufsfelder dem Krankenhaus vor. Nachwuchssorgen plagen mittlerweile nicht mehr nur Fächer wie Arbeitsmedizin oder Pathologie, sondern auch die Chirurgie. Zu wenig junge Ärzte wollen Chirurgen werden, beklagt die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) und hat einige Gründe für die schwindende Attraktivität der Fachrichtung ausgemacht: eine unzureichende Vergütung, Fremdbestimmung, überbordende Bürokratie und ungünstige Zukunftsperspektiven. „Wir brauchen keine weiteren Analysen, sondern tragfähige Handlungsoptionen“, fordert DGCH-Generalsekretär Prof. Dr. med. Hartwig Bauer.
Mit ihrer Kritik hat die DGCH recht. Allerdings hat sie einige Ursachen übersehen, die junge Ärzte ins Ausland oder andere Berufsfelder abwandern lassen – abgesehen von den ungünstigen Rahmenbedingungen.Weitere Analysen sind deshalb sehr wohl erforderlich. Doch diese gehen ans Eingemachte und sind unangenehm für die Ärzteschaft.
Wenn man Assistenzärzte nach ihrer Motivation fragt, warum sie Deutschland verlassen, dann geht es um Geld und Bürokratie. Keine Frage. Aber ganz oben auf der Liste der Kritikpunkte steht auch die vielfach unbefriedigende Ausbildung. Solange eine Station einigermaßen läuft und die Mitarbeiter „funktionieren“, ist es vielen Chefärzten ziemlich egal, ob die Assistenten während ihrer Weiterbildung etwas lernen oder nicht. In vielen Abteilungen gibt es nach wie vor kein strukturiertes teaching. Fortbildung – wie übrigens auch Forschung – hat oftmals in der Freizeit stattzufinden. Die Kosten für Fortbildungsveranstaltungen tragen vielfach die Assistenzärzte. Dass es Defizite in der praktischen Ausgestaltung der Weiterbildung gibt, hat offenbar auch die DGCH bemerkt, spricht es allerdings nicht offen an. Zumindest aber hat die Fachgesellschaft angekündigt, sie wolle ihre Anstrengungen verstärken, „die Weiterbildungsstrukturen und die Attraktivität des Berufbildes des Chirurgen zu verbessern“. Gut so.
Damit ist es allerdings nicht getan. Noch weitere Motive treiben den Nachwuchs ins Ausland: Es ist der Wunsch nach einem guten Arbeitsklima und einer flachen Hierarchie. Die Mediziner wollen sich nicht damit abfinden, dass unbezahlte Überstunden von vielen Chefärzten als eine Selbstverständlichkeit betrachtet werden.Wer einigermaßen geregelte Arbeitszeiten fordert, gilt mancherorts noch immer als unengagiert.
Kuriose Auswüchse hierarchischer Strukturen waren während des Streiks an kommunalen Krankenhäusern und Unikliniken zu beobachten. Ganz nach „Gutsherrenart“ setzten manche Chefärzte Assistenten unter Druck, damit sie sich nicht an den Protesten beteiligten. Eine solche Haltung ist absolut nicht nachvollziehbar, ging es doch bei dem Arbeitskampf gerade um die Rahmenbedingungen, über die sich die Ärzteschaft immer wieder beklagt hat.
Einen weiteren Punkt hat die DGCH in ihrer Kritik schlicht vergessen:Wer Ärztemangel wirksam bekämpfen will, muss vor allem die Ärztinnen im Blick haben. Mehr als die Hälfte der Medizinstudierenden sind weiblich.Was aber hat die Chirurgie in den vergangenen Jahren unternommen, um mehr Frauen für sich zu gewinnen? Der Anteil von Ärztinnen in chirurgischen Abteilungen ist nach wie vor gering.
Die von der Politik vorgegebenen Rahmenbedingungen mögen an vielem schuld sein – aber eben nicht an allem.
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