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Medizinische Versorgung von Betagten: Geriatrisierung ist notwendig

Dtsch Arztebl 2007; 104(3): A-77 / B-73 / C-69

Zylka-Menhorn, Vera

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn Ressortleiterin „Medizinreport“
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn Ressortleiterin „Medizinreport“
Noch nie haben in Deutschland so viele alte Menschen gelebt wie heute, und ihr Anteil steigt stetig. Die Senioren, Betagten (75- bis 80-Jährige) und Hochbetagten (über 80-Jährige) leiden häufig an mehreren chronischen Erkrankungen und schlucken mit Abstand die meisten Arzneimittel. Obwohl die Ärzte tagtäglich gefordert sind, effektive, sichere und sinnvolle Theapieentscheidungen für diese Altersklassen zu treffen, ist der Weg dahin eine Gleichung mit sehr vielen Unbekannten – manchmal sogar ein „Blindflug“. Wie sich das Konglomerat aus Alter, Multimorbidität und Multipharmakotherapie gegenseitig beeinflusst, ist wissenschaftliches Niemandsland.
Dem demografischen Wandel müssen Wissenschaft und klinische Medizin ihren Tribut zollen, so der Tenor auf dem Symposium „Versorgung betagter Menschen“ beim 31. Interdisziplinären Forum der Bundes­ärzte­kammer in Berlin. Prof. Dr. med. Elisabeth Steinhagen-Thiessen (Charité, Berlin) forderte sogar eine „Geriatrisierung“ der Aus- und Fortbildung medizinischer Berufe sowie interdisziplinäres Handeln. Der Fokus sollte dabei von der pathologischen und Defizit-Orientierung weggelenkt werden, denn „der ältere Mensch weist eine Fülle von Ressourcen auf, die bisher nicht in vollem Maße bekannt sind und zu wenig gefördert werden“.
Dies schließe aber nicht die Frage aus, wann, welche Therapie für welchen Patienten (noch) sinnvoll ist? „Chirurgisch gibt es kaum Beschränkungen, denn rein fachspezifisch, also hinsichtlich Nahtinsuffizienzen oder Blutungen, sind bei Alten nicht mehr Komplikationen zu befürchten als bei Jüngeren“, kommentierte Prof. Dr. med. Hartwig Bauer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, die Studienlage. Und: Je älter man wird, umso größer ist die Chance, noch älter zu werden. So hat ein 80-Jähriger eine mittlere Lebenserwartung von 7,35 Lebensjahren, ein 90-Jähriger sogar noch eine von 3,68 Jahren. Allerdings gelte es, Patienten „nicht nur am Leben, sondern im Leben zu erhalten“, betonte Bauer. Die Indikation zur Operation, aber auch Überlegungen zum Verzicht der Alterschirurgie sollten nicht von abstrakten Score-Systemen zur Risikobewertung abhängig gemacht werden, sondern bedürften immer einer – durch persönliche Erfahrung geprägten und im interdisziplinären Konzept abgestimmten – individuellen Entscheidung.
Eine weitere Herausforderung ist die Pharmakotherapie: Die Mehrzahl der geriatrischen Patienten nimmt fünf oder mehr unterschiedliche Medikamente, deren komplexes Zusammenspiel selbst Experten kaum beherrschen. So wundert es nicht, dass viele alte Menschen einerseits mit Medikamenten überversorgt sind, andererseits unterversorgt bleiben, weil Nebenwirkungen die Therapie limitieren. Inzwischen mehren sich auch die Erkenntnisse, dass eine Reihe von Arzneimitteln sogar als grundsätzlich bedenklich für Senioren eingestuft werden muss. Solche Wirkstoffe sind in den USA im Rahmen der sogenannten Beers-Liste zusammengestellt worden.
Da eine direkte Übertragung dieser Daten auf den deutschen Medikamentenmarkt nicht möglich ist, hat die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die zusammen mit Vertretern der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie Substanzen benennen soll, die bei Senioren ein ungünstigeres Nutzen-Risiko-Verhältnis aufweisen als bei Jüngeren. „Ein Entwurf wird noch im ersten Halbjahr dieses Jahres verfügbar sein“, sagte Prof. Dr. med. Daniel Grandt (Universität Saarbrücken) als Koordinator. Vielleicht verhilft eine solche Übersicht zu differenzierteren pharmakologischen Verordnungen.
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