ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2007Medizinhistorisches Museum: Geschichte der Medizin zum Anfassen

KULTUR

Medizinhistorisches Museum: Geschichte der Medizin zum Anfassen

Dtsch Arztebl 2007; 104(3): A-136 / B-125 / C-121

Wanner, Ernst

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Zahnarztpraxis aus dem 19. Jahrhundert: ein Ensemble mit Zahnarztstuhl und Bohrmaschine
Zahnarztpraxis aus dem 19. Jahrhundert: ein Ensemble mit Zahnarztstuhl und Bohrmaschine
Das in den Räumen der früheren Ingolstädter Universität untergebrachte Museum verbindet die Wissenschaftlichkeit des Aufklärungszeitalters mit barockem Lebensgefühl.

Wer Interesse an der Geschichte der Medizin hat, wird in Ingolstadt mit Freude feststellen, dass das Deutsche Medizinhistorische Museum sich zu einer eindrucksvollen Institution entwickelt hat. Das in den Räumen der „Alten Anatomie“ der früheren Ingolstädter Universität kongenial untergebrachte Museum verbindet die Wissenschaftlichkeit des Aufklärungszeitalters mit barockem Lebensgefühl.
Geschickt stellt das Museumskonzept die Realien der Medizin in den Mittelpunkt und verzichtet bewusst auf allzu viel theoretischen Ballast. So gelingt es, die Ausstellungsstücke selbst sprechen zu lassen. Dem Besucher fällt die Orientierung durch die übersichtliche räumliche Anordnung und die schriftlichen Erläuterungen am Objekt besonders leicht. Im Mittelpunkt des Gebäudes, dem anatomischen Hörsaal im Obergeschoss, findet die Geschichte der Pathologie, der Botanik und der Anatomie ihren Platz. Der Mittelraum im Erdgeschoss zeigt die Wurzeln wissenschaftlicher Medizin in den frühen Hochkulturen. Die Spezialgebiete der Medizin werden in den Seitenflügeln gezeigt. Eindrucksvoll ist die Darstellung der Spezialfächer Frauenheilkunde, Zahnmedizin, Hals- Nasen-Ohren-Heilkunde und Augenheilkunde. Die Realien der Frauenheilkunde beispielsweise reichen bis in die Römerzeit zurück. So sind römische Muttermundspekula zu sehen, die bereits die gleichen Konstruktionsprinzipien wie die später entwickelten Modelle zeigen.
In der Zahnheilkunde beeindruckt die Fähigkeit der Etrusker, durch zurechtgeschliffene Tierzähne und Goldbandbrücken Zahnersatz zu schaffen. Anhand der „chirurgia magna“ lässt sich nachvollziehen, wie seit dem 14. Jahrhundert die Zahnbehandlung von den Barbieren und Zahnreißern schrittweise in die medizinische Odontologie übergeführt wurde. Schließlich vermittelt ein Ensemble mit Zahnarztstuhl, Bohrmaschine und Schrank den Eindruck einer Zahnarztpraxis im 19. Jahrhundert. Ebenfalls herausragend ist die Ausstellung zur Augenheilkunde. Die Homöopathie glänzt mit einer kompletten Hausapotheke aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts.
Beeindruckend ist auch die Darstellung der medizinischen Technik in ihrer Entwicklung. Hier sind Röntgengeräte aus dem frühen 20. Jahrhundert ebenso zu nennen wie eine frühe Herz-Lungen-Maschine, die sogenannte Eiserne Lunge. Die Darstellung der medizintechnischen Entwicklung verdeutlicht, wie die Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert das Gesicht der Medizin entscheidend verändert haben.
Keinesfalls darf man das Museum verlassen, ohne den Hortus Academico-Medicus zu besuchen. Dieser Garten verbindet Medizin und Botanik, eine Naturwissenschaft, die seit der Antike vorwiegend von Ärzten betrieben wurde. Der barocke Garten gliedert sich nach den Inhaltsstoffen der Pflanzenarten: ätherische Öle, Saponine, Schleime, Gerbstoffe, Alkaloide, Öle, Glykoside und Bitterstoffe. Es ist nicht zuletzt die Atmosphäre dieses Gartens, die zu längerem Verweilen einlädt.
Jeder an Medizin Interessierte wird das Museum mit Gewinn verlassen. Eine Führung durch die Direktorin des Museums, die Pharmazeutin Christa Habrich, könnte dieses Vergnügen noch steigern.
Ernst Wanner

Fotos: Ernst Wanner
Fotos: Ernst Wanner
Deutsches Medizinhistorisches Museum, Anatomiestraße 18–20, 85049 Ingolstadt; Telefon: 08 41/3 05 18 60; Öffnungszeiten: täglich außer Montag von 10 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr
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  • Museum: Korrektur
    Dtsch Arztebl 2007; 104(8): A-487 / B-427 / C-413
    Wagner, Alexander

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