ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2007Die neuen Tarifverträge: Ein GAU für die universitäre Medizin

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Die neuen Tarifverträge: Ein GAU für die universitäre Medizin

Dtsch Arztebl 2007; 104(3): A-143 / B-131 / C-127

Propping, Peter

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Fotos: Peter Wirtz
Fotos: Peter Wirtz
Überwiegend in der Forschung tätige Ärzte werden an den Universitätskliniken jetzt schlechter bezahlt als überwiegend in der Krankenversorgung tätige Ärzte.

Die neuen Tarifverträge bringen für Ärztinnen und Ärzte, die „überwiegend in der Patientenversorgung“ tätig sind, erfreuliche Verbesserungen. An Universitätskliniken wird der Tarifvertrag jedoch der Wirklichkeit nicht gerecht. Hier ist zumindest ein Teil der Ärzte ständig oder zeitweise „nicht überwiegend“ in der Patientenversorgung tätig, weil sie auch Aufgaben in Forschung und Lehre wahrnehmen. Für diesen Personenkreis ist der neue „Tarifvertrag für Ärztinnen und Ärzte an Universitätskliniken“ (TV-Ärzte) nicht vorgesehen. Sie werden nach dem von Verdi mit den Ländern ausgehandelten „Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst der Länder“ (TV-L) bezahlt. Was bedeutet dies in der Praxis?
Bis zu 1 600 Euro Differenz
Im dritten Jahr seiner Weiterbildung erhält ein Arzt, der in der Patientenversorgung tätig ist, nach TV-Ärzte monatliche Bruttobezüge von 3 950 Euro. Wenn er Facharzt geworden ist, erhöht sich sein Gehalt auf 4 750 Euro und steigt ab dem siebten Jahr auf 5 500 Euro. Ein 30-jähriger Arzt, der im dritten Jahr in der Forschung arbeitet, erhält ein Bruttogehalt (West) von 3 400 Euro, das nach insgesamt sechs Jahren auf 3 900 Euro steigt. Die Tätigkeit in der Forschung wird nach einem späteren Wechsel in die Patientenversorgung bei der Einstufung in den „Ärztetarif“ nicht berücksichtigt.
Gut funktionierende Institute und Kliniken haben mehrere wissenschaftliche Arbeitsgruppen mit aufeinander abgestimmten Forschungsthemen. Jede Arbeitsgruppe ist ein sensibler sozialer Organismus, dessen Aufbau Jahre benötigt. Um erfolgreich zu sein, sind kurz- oder längerfristige Aufenthalte in anderen Labors, vielfach im Ausland, und die Unterstützung durch Drittmittelprojekte, über die auch Ärzte bezahlt werden, unverzichtbar. Eine tariflich definierte Arbeitszeit ist wissenschaftlicher Arbeit fremd.
Die Durchmischung der Tätigkeiten ist für die universitäre Medizin typisch. So sind in der Vorklinik alle Ärzte immer in Forschung und Lehre tätig, in den klinisch-theoretischen Instituten (zum Beispiel der Pathologie, Humangenetik, Mikrobiologie) und in den Kliniken arbeitet ein Teil der Ärzte überwiegend wissenschaftlich. Forschungsprojekte, die mit der Patientenversorgung verknüpft sind, bedingen nicht selten den Wechsel eines Arztes zwischen klinischer und wissenschaftlicher Tätigkeit und den Wechsel zwischen Institutionen. Andererseits bedeuten Wegberufungen, natürliche Personalfluktuation und Stellensperren eine ständige Herausforderung für die Institute und Kliniken. Trotzdem dürfen Kompetenz und Produktivität der Arbeitsgruppe nicht Schaden nehmen. In dieser Alltagssituation stellt das Nebeneinander unterschiedlich bezahlter Ärzte eine Störung des sozialen Friedens dar.
Um die Leistungsfähigkeit der Universitäten zu erhöhen, vergeben die Wissenschaftsministerien die Mittel für Forschung und Lehre an die medizinischen Fakultäten leistungsabhängig. Der finanzielle Druck wird nach unten weitergegeben: Einzelprojekte, Institute, Kliniken und ganze Fakultäten unterliegen ständigen Leistungskontrollen und Begutachtungen. LOM (die „Leistungsorientierte Mittelvergabe“) wird auf allen Ebenen praktiziert. Der Wettbewerb sowohl innerhalb einer Fakultät als auch zwischen medizinischen Fakultäten wird wissenschaftlich entschieden, wie auch die gegenwärtig laufende Exzellenzinitiative vor Augen führt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat für die klinische Medizin in einer Denkschrift sogar für die Trennung einer patientenorientierten von einer wissenschaftlichen Laufbahn plädiert, um die Forschungsqualität zu erhöhen. Wer kann glauben, dass höhere Leistungen zu erreichen sind, wenn die wichtigsten Träger der Leistung finanziell schlechter gestellt sind als ihre Kollegen in der praktischen Krankenversorgung?
Junge Ärzte stellen vor ihrem 30. Lebensjahr die Weichen für ihre berufliche Zukunft. Angesichts der schlechteren wirtschaftlichen Aussichten werden sich immer mehr gegen die Tätigkeit in einem Drittmittelprojekt und damit gegen einen Einstieg in die universitäre Forschung entscheiden. Nicht wenige von ihnen werden darüber hinaus den „brain drain“ deutscher Ärzte ins Ausland verstärken. In der globalisierten Welt konkurrieren auch die Arbeitgeber um den Nachwuchs.
Personelle Austrocknung
der Forschung
Es darf in der universitären Medizin keine Unterschiede in der Bezahlung geben. Alle Ärzte, die in der universitären Medizin tätig sind, müssen nach dem Ärztetarif bezahlt werden. Wenn nicht sehr schnell eine Anpassung der Gehälter erfolgt, wird dies zur personellen Austrocknung der Forschung führen, insbesondere in der klinischen Forschung, aber auch in den vorklinischen Instituten. Was bleibt, wenn die Forschung aus der universitären Medizin verschwindet? Ein Krankenhaus der Maximalversorgung.
Wenn dieser drohenden Entwicklung nicht Einhalt geboten wird, wären auch die langjährigen Bemühungen von Politik und Forschungsförderern zur Verbesserung der Bedingungen für eine translationale Forschung konterkariert. Wissenschaftsministerien, Universitätskliniken und Forschungsförderer müssen rasch reagieren, sonst nehmen die universitäre Medizin und ihre internationale Konkurrenzfähigkeit irreversiblen Schaden.

Prof. Dr. med. Peter Propping
Institut für Humangenetik, Universität Bonn
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