SCHLUSSPUNKT

Ärzte-Schach: Beim Schach nicht singen

Dtsch Arztebl 2007; 104(4): [112]

Pfleger, Helmut

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Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer
Es hilft nichts, es heißt Gedenktage abzuarbeiten. Letztens waren es der Nobelpreis des spanischen Neurologen Cajal vor 100 Jahren und der 150. Geburtstag von Sigmund Freud (das bedeutet keine Entwarnung – wie ich mich kenne, werde ich auf letzteren Herrn zurückkommen, er bietet sich mit seiner Pathologie des Alltags-[Schach-]Lebens auch allzu sehr an), doch diesmal geht es um den amerikanischen Staatsmann und Erfinder Benjamin Franklin, der vor 300 Jahren geboren wurde. Mit stets großem Interesse an der Medizin konzipierte er unter anderem die Bifokalbrille und einen Harnkatheter, vor allem Letzterer konnte ihm bei seinen Blasensteinen nur willkommen sein.
Franklin war aber auch ein begeisterter Schachspieler, der darüber sogar eine Schrift verfasste „The Morals of Chess“: „Man sollte beim Schachspielen weder singen noch pfeifen, noch auf die Uhr blicken, noch ein Buch zur Hand nehmen, noch mit den Füßen auf den Boden oder mit den Fingern auf den Tisch trommeln . . .“ Zu derartigen Überlegungen wurde er möglicherweise während seines Pariser Aufenthalts als Gesandter 1776–85 durch die Sitten im „Café de la Régence“ angeregt, wo er es vorzog, Philidor, dem damals stärksten Spieler der Welt, beim Schachspiel zuzuschauen als dessen seinerzeit sehr beliebten Opern zu lauschen: „Ich nenne das meine Oper.“
Mit guten und bösen Vorkommnissen
Franklin sah im Schach einen Quell sittlicher Bildung: „Schach ist nicht nur ein eitler Zeitvertreib. Das Leben ist eine Art von Schach, mit seinem Kampf, mit seinem Wettstreit, seinen guten und bösen Vorkommnissen.“ Andererseits konnte er diese Leidenschaft in einem fiktiven Dialog zwischen ihm selbst und der Gicht (an der er später litt) auch durchaus selbstironisch betrachten:
Franklin: „Weh! Was hab’ ich getan, um so grausame Schmerzen zu verdienen?“
Gicht: „Mancherlei. Du hast unmäßig gegessen und getrunken, und diesen Beinen zu viel Ruhe gegönnt . . . Verständige Menschen würden spazieren gehen; du hingegen ziehst es vor, dich an das Schachbrett zu setzen . . . Vertieft in die Spekulationen dieses unnützen Spiels, verdirbst du deine Konstitution . . . Liebliche Promenaden, reine Luft, schöne Frauen mit angenehmer und belehrender Unterhaltung verschmähst du des abscheulichen Schachspiels willen. Pfui, schäme dich, Franklin! . . . “
Franklin: „O! Au! Ich will auch geloben, nie wieder Schach zu spielen, mir täglich Bewegung zu verschaffen und immer mäßig zu sein.“
Gicht: „Ja, ich kenne dich! Ein Versprechen kannst du geben; kaum bist du aber ein paar Monate gesund geblieben, so sind die alten Gewohnheiten wieder da.“
Der ewige Zweite
Nun habe ich kein Schachbeispiel Franklins, sehr wohl aber eine Kombination, mit der der ebenfalls an Gicht leidende Paul Keres (den ich gelegentlich mit entsprechenden Medikamenten versorgte), über Jahrzehnte einer der besten Spieler der Welt („der ewige Zweite“), einen gewissen Helmut Pfleger beim Turnier zum 100-jährigen Jubiläum des Bamberger Schachklubs 1968 besiegte. Mit welchem Schlag kam Keres als Schwarzer in entscheidenden Vorteil?

Lösung:
Nach dem Qualitätsopfer 1. . . . Txc5! war ich in jedem Fall verloren. 2. Dxf7+ Kh6 3. Dh7+ Kg5 ist aussichtslos, 2. Txf7+ Kh6 3. Dxc5 führt gar zum Matt durch 3. . . . Dd1. Ich schluckte deshalb mit 2. Dxc5 noch die Henkersmahlzeit, musste aber nach 2. . . . Dd1+ 3. Te1 Dd3+ 4. Te2 (4. Kg1 Sf3+) Dh3+! 5. Ke1 Sf3+ aufgeben, weil 6. Kd1 Df1+ den Turm verliert.
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