SEITE EINS

Stammzellforschung: Wackelkurs der Bundesregierung

Dtsch Arztebl 2007; 104(4): A-145 / B-133 / C-129

Klinkhammer, Gisela

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Die Forschung mit embryonalen Stammzellen weckt bei Patienten immer wieder Hoffnungen auf Heilung schwerer Krankheiten. Doch „erscheint es plausibel, dass eine medizinische Therapie mit embryonalen Stammzellen, wenn überhaupt, dann eher in einem Zeithorizont von 20 Jahren zu realisieren sein könnte“, relativiert der CDU-Bundestagsabgeordnete Hubert Hüppe. Es gebe weder Therapien noch klinische Studien am Menschen mit embryonalen Stammzellen, zu deren Gewinnung menschliche Embryonen getötet werden müssten. Die ethisch unproblematischen adulten Stammzellen werden dagegen bereits seit vier Jahrzehnten in der Therapie eingesetzt. Zusätzlich werden sie in weiteren klinischen Studien erprobt, dabei werde über positive Effekte in verschiedenen Indikationen berichtet. Auch Stammzellen aus Nabelschnurblut werden seit einigen Jahren therapeutisch und in Studien eingesetzt. Hüppe beruft sich auf das Ergebnis einer umfangreiche Recherche, die die wissenschaftlichen Dienste des Bundestages in seinem Auftrag durchgeführt hätten.
Die Bundesregierung gibt ihm mit dem Zweiten Stammzellbericht in seiner Einschätzung grundsätzlich recht. „Die Stammzellforschung bewegt sich noch überwiegend im Bereich der Grundlagenforschung“, heißt es darin. Der Bericht stellt für den Zeitraum vom 1. Januar 2004 bis 31. Dezember 2005 die Erfahrungen des Robert-Koch-Instituts als zuständige Behörde für die Prüfung und Genehmigung von Anträgen auf Einfuhr und Verwendung menschlicher embryonaler Stammzellen zu Forschungszwecken dar. Vor einer routinemäßigen Übertragung der Erkenntnisse auf den Menschen müssten noch zahlreiche grundlegende Fragen der Entwicklungsbiologie und Zelldifferenzierung beantwortet werden. In dem Bericht wird allerdings eingeräumt, dass zur Klärung dieser Fragen gerade die Forschung mit embryonalen Stammzellen einen wichtigen Beitrag leisten könne, zumal auch die an tierischen Stammzellen gewonnenen Erkenntnisse vor ihrer Anwendung am Menschen mithilfe humaner Stammzellen auf ihre Übertragbarkeit geprüft werden müssten.
Kürzlich hatte die Deutsche Forschungsgemeinschaft für eine Abschaffung der Stichttagsregelung im Stammzellgesetz plädiert. Mit ihr verbietet der Gesetzgeber in Deutschland tätigen Wissenschaftlern eine Nutzung von menschlichen embryonalen Stammzelllinien, die nach dem 1. Januar 2002 hergestellt wurden. Wie das Parlament entscheiden wird, ist noch ungewiss. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bun­des­for­schungs­minis­terin Annette Schavan hatten sich jedenfalls bereit gezeigt, über eine Verschiebung der Stichtagsregelung nachzudenken. Doch jetzt, wo es in dem Zweiten Stammzellbericht heißt, dass sich „die gesetzlichen Regelungen über die Einfuhr und Verwendung von humanen embryonalen Stammzellen bewährt“ haben, rudert die Bundesregierung wieder zurück und will die umstrittene Stichtagsregelung nicht mehr aufgeben. Es bleibt fraglich, ob „Bundeskanzlerin Merkel und Ministerin Schavan ihr Hü und Hott zur deutschen Regelung der Stammzellforschung endlich beenden und sich persönlich klar zu dem gültigen Gesetz bekennen“, wie die forschungspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, Priska Hinz, es forderte.

Gisela Klinkhammer
Chefin vom Dienst
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige