ArchivDeutsches Ärzteblatt10/1997Ein Selbstporträt Paul Wunderlichs: Rote Linie auf schwarzem Bütten

VARIA: Feuilleton

Ein Selbstporträt Paul Wunderlichs: Rote Linie auf schwarzem Bütten

Roemer, Ernst

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LNSLNS Der Raum sieht nach Handwerk aus, eine alte Druckpresse inmitten. Es riecht nach Terpentin. Es
ist Terpentin in einem undefinierbaren Duftgemisch. "Auf Zink ätzen wir mit einem Präparat, das Phosphorsäure enthält, auf Stein: Salpetersäure", sagt Ernst Hanke, der Drucker. Der Drucker hat Mitspracherecht. Das habe ich also schon begriffen.
Paul Wunderlich, der Maler, lächelt. Es geht um ihn, sein Abbild, seinen Kopf, streng nach links gewandt, keine simple Fotoähnlichkeit, herbe Stilisierung des Profils, stark: der Schnäuzer. Wer kennt sich so genau von der Seite? Kein Augen-Blick gibt etwas von der Persönlichkeit preis. Und das Hinterhaupt verschmilzt fast konturlos mit dem Hintergrund . . .
Zu dritt betrachten wir das Ergebnis der ersten Druckgänge des Selbstporträts. Rosagrau, gelb, weiß, unzählige leuchtende Farbpartikel auf dunklem Grund, auf schwarzem Papier. Schwarz ist rein nur noch als Bildrand erkennbar. Eine Rarität der Lithographie.
Deckende Farbe, farbig vorgedruckter Grund, schwarzes Bütten. "Das wurde bisher ganz selten gemacht." Paul Wunderlich erinnert an seinen "Goldenen Engel" (von 1975): "Die transparent gedruckte Farbe war am nächsten Morgen verschwunden, spurlos untergetaucht im Schwarz." Mysteriös, wie jeder Lithodruck.
Der Drucker: "Versuchen Sie gar nicht, die ,Chemie' des Lithographierens zu beschreiben. Lithographie kann man mit ,Magie' am besten erklären . . ."
Trotz der Warnung des Fachmanns ein Erklärungsversuch, kursorisch: Wunderlich hat sein Porträt auf die präparierte Seite eines speziellen Umdruckpapiers "gemalt", nicht mit dem Pinsel, sondern mit der Spritzpistole. Gezeichnet sind nur die Konturen der Hand, die den Griffel hält - und eine Linie im Winkel unten rechts. Der Drucker hat es vom Papier auf eine Zinkplatte umgedruckt; die ist - gleich feinkörnig - leichter zu handhaben als eine schwere Kalkplatte.
Die "Magie": Nur die gemalten, gespritzten, gezeichneten Stellen enthalten Fett, das von der Zinkplatte angezogen wird und das die Farbe aufnimmt; alle anderen Stellen der gewässerten Platte weisen die Farbe ab.
Jetzt oben Ultramarin. Der Drucker trägt die Farbe mit der Handrolle auf, wischt die ganze Platte naß ab. Meister Wunderlich drückt mit einem Stichel das Passer-Kreuz des Papiers in ein kleines Loch im Zink, unten richtet es Meister Hanke mit Augenmaß. Ein Knopfdruck: der neue Elektromotor der Andruckpresse befördert die Platte unter die Druckwalze und zurück.
Jetzt unten Rot. Das Rot soll eine senkrechte und eine waagerechte Linie im rechten unteren Winkel und die Umrißzeichnung der Hand links unten akzentuieren. Aber das Rot bleibt tot, es klingt nicht.
Wunderlich: "Vielleicht können wir für die Linien etwas mehr Weiß ins Rot tun." Zum Laien gewandt: "Weiß gibt dem Rot mehr Leuchtkraft, aber zuviel nimmt sie."
Hanke, bedenklich: "Mit mehr Weiß hellen wir das Rot an Kopf und Kragen zu sehr auf." Versuchen wir es dennoch.
Skeptische Blicke und dann die gemeinsame Entscheidung: weg mit dem Weiß, mehr volles Rot! Richtig: die rote Linie kommt kraftvoll heraus, und die rote Zeichnung der Hand ist klar erkennbar. Allein der leuchtendrote Winkel ist’s, der den Bildraum schafft, der vorher nicht vorhanden war.
Kritik, Selbstkritik angesichts der Probedrucke: Überwiegt hier nicht das Grau? Dort wirkt das Auge heller - aber nur, weil es von dunklerem Grau umgeben ist. Dieser gelbliche Kopf hatte nur einmal Blau, der kriegt noch ein bißchen. Transparentes Blau auf Gelb ergibt plastischere Wirkung, einmal walzen genügt . . .
Wunderlich und Hanke hängen vier der Probedrucke nebeneinander an die weiße Wand, einer mehr gelb, einer mehr grau, einer mehr grün, einer mehr blau. Paul Wunderlich entscheidet sich noch nicht, welcher seiner Köpfe gedruckt werden soll, "in kleiner Auflage", jedenfalls. Erst nach drei Stunden: "Wir nehmen den blauen."
Dem fragenden Blick antwortet der Meister: "Rein emotionale Gründe, keine rationalen."
Beim Druck der Auflage wird Wunderlich mit Hanke weiterarbeiten, in dessen Steindruckerei in Ringgenberg bei Interlaken.
Nur fünf Farben gedruckt, neben- und übereinander: fürs Auge das Spektrum einer multifarbigen Palette. Ein Druck "nur"? Ein Gemälde auf Papier!
Ein weiter Weg von den frühen Schwarzweiß-Lithographien des Dreißigjährigen, von der Neubildung der menschlichen Figur nach der Alleinherrschaft des Abstrakten, des Informellen, von den ersten tastenden Ausbrüchen in die Farbe Anfang der sechziger Jahre bis zum reifen, wahrhaft malerischen Alterswerk. Die technische Vollkommenheit ist sich gleichgeblieben.
Hubert Fichte, der jung verstorbene Hamburger Schriftsteller ("Die Palette"), hat als erster die frühe, im Experiment gewonnene, aufsehenerregende Perfektion der Lithographiertechnik Paul Wunderlichs analysiert und gültig beschrieben (nur zwei Sätze aus der FAZ, 1962):
"Durch das tropfenartige Auftragen dünner Tinte, aus der - während des Trocknens auf dem Stein - die Farbpartikel unregelmäßig ausfallen, erzielt er gallertige Grauwerte, die vor Wunderlich in der Lithographie nicht produziert worden sind . . . Als erster verwendet Wunderlich Blanc de neige, halbtransparentes Schneeweiß, welches, über Schwarz gedruckt, milchglasartigen Schimmer erzeugt . . ."
Solche "Kunstfertigkeit" bringt dem Künstler aber zwiespältigen Ruf; Weltruf immerhin. Können ist heute wenig gefragt bei der Kunstkritik. Und so versteckt Wunderlich (der nicht erst seit seinen Pariser Jahren - 1960/63 - Mona Lisa "in der Hosentasche" zeichnen kann) seine technische Virtuosität, setzt sie scheinbar nur spielerisch ein. Das ist es wohl, was seinen Figurationen oft solche ironische Distanziertheit, ja einen Hauch von Hochmut verleiht. Auch diesem hermetischen Selbstporträt.
Ältere Leser des Deutschen Ärzteblattes erinnern sich vielleicht: ein kunstvolles Spiel mit dem seit 1959/60 sich formenden neuen Menschenbild in der Malerei war schon Wunderlichs "Kleine Anatomie", acht Blätter einer Mappe, unmittelbar nach dem Erscheinen 1963 von H. E. Roemer-Hoffmann im eben gegründeten Feuilleton der "Ärztlichen Mitteilungen - Deutsches Ärzteblatt" dokumentiert: phantastische Abwandlungen der Anatomie des Menschen, "Zergliederungen", gehauchte Andeutungen von Eros und Thanatos.
Das Deutsche Ärzteblatt hat seither Wunderlichs Leben und Werk begleitet; Paul Lüth hat darüber geschrieben (1966), Jens Christian Jensen (1980), Fritz J. Raddatz (1991). Die intensive Beschäftigung mit der (gefährdeten) Körperlichkeit des Menschen teilt Paul Wunderlich mit dem Arzt, und so ist es eben nicht verwunderlich, daß diese Affinität etliche "medizinische" Blätter hervorgebracht hat: zur Anatomie bereits 1961, zur Radiologie, zur Zahnmedizin, zur Intensivmedizin, zur Neurologie, zur Anästhesiologie, zur Gynäkologie. Und dazu (vielleicht ungewollt) witzig: ein HNO-Arzt, der sich mit dem Stethoskop an Mona Lisa heranmacht . . . Inzwischen arbeitet der Maestro an ganz anderen Werken, mit ganz anderen Werkstoffen; an Bronze- und Steinskulpturen, Möbelstücken, Spielfiguren, Geschirr und Bestecken, Kleinplastiken, Pastellen, Gouachen, Gemälden, Schmuck, figurativen Objekten, Großfiguren für den Garten in der Provence . . .
Paul Wunderlich dazu: "Wer seine Technik gefunden hat (oder einfach übernommen!) und bei ihr bleibt, ist tot. Wer seine Technik vergißt und Neues sucht, der lebt."
Paul Wunderlich lebt. Er wird am 10. März 1997 siebzig. Ernst Roemer
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