ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2007RANDNOTIZ: Weniger kann mehr sein

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RANDNOTIZ: Weniger kann mehr sein

Hibbeler, Birgit

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LNSLNS Die alte Dame wirkt ziemlich verunsichert, als sie die Praxis ihres Hausarztes betritt. In der Hand hält die 77-Jährige ein Schreiben ihrer Krankenkasse. „Mehr Medizin, weniger Pillen“ steht dort in großen Buchstaben. Tabletten seien nicht immer hilfreich, informiert die AOK Hessen, könnten sogar gefährliche Komplikationen verursachen. „Weniger kann mehr sein.“ Die Patientin fragt sich nun: Braucht sie ihre Medikamente wirklich oder sind die vielleicht sogar schädlich? Sie reicht das Papier ihrem Hausarzt.
„Gute Ärzte verschreiben eher weniger“, liest der Allgemeinmediziner. Beim nächsten Satz stockt er: Anstatt der Pillen empfiehlt die AOK „mehr Bewegung, ausreichend trinken oder einfach mal die Seele baumeln lassen“. In seinem Kopf schrillen die Alarmglocken. Geht es nach der AOK, dann setzt also ein herzinsuffizienter Patient sein Diuretikum ab, trinkt einfach etwas mehr und wenn dann das Atmen schwer fällt, hilft vielleicht ein Spaziergang an der frischen Luft?
In der hehren Absicht, zur Senkung der Arzneimittelkosten beizutragen, hat sich die AOK Hessen vergaloppiert. „Es sind hier und dort Fehler passiert“, räumt ein AOK-Sprecher ein. Ende 2006 erhielten mehrere Tausend Versicherte das besagte Schreiben – darunter wohl auch chronisch Kranke. Die an der Aktion beteiligte Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen erklärt, sie sei zwar inhaltlich über das Schreiben informiert gewesen. Den Adressverteiler der AOK bewerte man jedoch als kritisch, sagt ein KV-Sprecher.
Die Verunsicherung bei den Patienten bleibt und außerdem die Erkenntnis: Mehr „Information“ führt manchmal zu weniger Klarheit.

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