ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2007Niedergelassene Ärzte: Immer weniger Umsatz aus der GKV

POLITIK

Niedergelassene Ärzte: Immer weniger Umsatz aus der GKV

Dtsch Arztebl 2007; 104(4): A-153 / B-141 / C-137

Maus, Josef

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LNSLNS Nur noch 65 Prozent ihres Praxisumsatzes erwirtschaften die Vertragsärzte über die Behandlung von gesetzlich Krankenversicherten.

Ohne die Einnahmen aus der Behandlung von privat Versicherten und den wachsenden Anteil an Selbstzahlerleistungen hätten viele Arztpraxen erhebliche wirtschaftliche Probleme. Dies geht aus einer Studie der Stiftung Gesundheit hervor, an der 663 niedergelassene Ärztinnen und Ärzte teilgenommen haben. Die Online-Befragung „Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit“ fand im Mai 2006 statt – mit zahlreichen interessanten Ergebnissen.
Der Studie zufolge arbeiten die Niedergelassenen im Schnitt 56 Stunden pro Woche. Etwas mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeit (33 Stunden, 58 Prozent) widmen die Ärzte kurativen Aufgaben. Zehn Stunden entfallen auf administrative Tätigkeiten, je fünf Stunden auf externe und interne Verwaltung. Etwa 15 Prozent der wöchentlichen Arbeitszeit verteilen sich auf die eigene Fortbildung und die Instruktion der Mitarbeiter (Grafik 2).
Ein überraschendes Ergebnis erbrachte die Online-Befragung in Bezug auf die Praxisumsätze (Grafik 1): Die niedergelassenen Ärzte in Deutschland verdienen ihr Geld zu wesentlichen Teilen außerhalb der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV). Nur noch 65 Prozent des Umsatzes stammen aus dieser Quelle, obwohl die GKV-Versicherten nach wie vor annähernd 90 Prozent der Gesamtbevölkerung bilden. 20 Prozent ihres Umsatzes erwirtschaften die Ärzte über die Behandlung von Privatpatienten, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung bei rund zehn Prozent liegt.
Auch die Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) steuern inzwischen bereits fünf Prozent zum Praxisumsatz bei. Drei Prozent kommen aus gutachterlichen Tätigkeiten, weitere sieben Prozent aus sonstigen Tätigkeiten. Diese Zahlen stützen die These, dass die ambulante Versorgung innerhalb der GKV unterfinanziert ist. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung spricht von rund 30 Prozent nicht vergüteter Leistungen.
Der jährliche Umsatz schwankt erheblich: Die größte Gruppe mit 35,8 Prozent der befragten Ärzte erreichte Praxisumsätze zwischen 100 000 und 250 000 Euro im Jahr. Bei der Hälfte der Praxen ist der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen, bei 33,6 Prozent hat sich keine Veränderung ergeben, lediglich 15 Prozent konnten eine Steigerung erzielen. Hausärzte sind in der Umsatzgruppe von 100 000 bis 350 000 Euro mit 63 Prozent deutlich häufiger anzutreffen als Fachärzte (45 Prozent).
Das in der Studie ermittelte persönliche Jahreseinkommen der Niedergelassenen verteilt sich auf folgende Stufen: Elf Prozent verdienen unter 25 000 Euro, 11,8 Prozent bis zu 50 000 Euro, 46,9 Prozent erzielen ein Jahreseinkommen von bis zu 125 000 Euro, und etwas mehr als ein Fünftel der Ärzte liegt bei über 150 000 Euro. Im Durchschnitt beträgt das Bruttojahreseinkommen 117 500 Euro, wobei Ärztinnen deutlich weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen (78 200 Euro gegenüber 128 700 Euro). An eine Verbesserung ihrer wirtschafltichen Situation glaubt die große Mehrheit der Ärzte nicht: Nur 8,8 Prozent der Befragten zeigten sich in dieser Hinsicht optimistisch.
Der zunehmende Wettbewerb im Gesundheitswesen wirkt sich auch auf den ärztlichen Alltag aus. Immerhin 37,5 Prozent der Ärzte sehen sich stark im Wettbewerb zu Kollegen, 37,2 Prozent ein wenig, nur 10,4 Prozent nehmen kein Wettbewerbsverhalten wahr. Im Mittelpunkt des Wettbewerbs stehen für 66,2 Prozent der Befragten die Patienten. Weitere Wettbewerbsbereiche sind die Öffnungszeiten (40,9 Prozent), Selbstzahlerangebote (39,4 Prozent) und Praxiswerbung (30,6 Prozent).
Ein uneinheitliches Bild ergab die Studie bei der Frage nach den Auswirkungen des Wettbewerbs auf die Qualität der ärztlichen Leistungen: Sie steige, meinten 23,1 Prozent, sie lasse nach, glaubten 34,9 Prozent, es ändert sich nichts, gaben 41,9 Prozent an. Drei nahezu gleich große Blöcke ergab die Frage nach der Erfüllung von Patientenwünschen. 34,7 Prozent glaubten, dass den Patientenwünschen besser entsprochen wird, 36,6 Prozent antworteten mit „gleich gut“, und 28,7 Prozent meinten „eher schlechter“. Eine Zusatzfrage differenziert jedoch die Antworten. Haben die Ärzte sich schon einmal den Wünschen der Patienten angepasst? Fast 80 Prozent der Befragten bejahten dies. Wird dies durch Wettbewerb vermehrt notwendig? Ja, sagten 75,1 Prozent, nein, meinten 24,9 Prozent.
Dass nach Einschätzung der Ärzte der Kampf um die Patienten künftig an Bedeutung gewinnen wird, macht die Studie ebenfalls deutlich: 53 Prozent sind davon überzeugt. Fachärzte und Hausärzte unterscheiden sich hier kaum: Mehr als die Hälfte der Fachärzte hält Werbung für wichtig, bei den Hausärzten sind dies 42,8 Prozent.
Dass Ärzte über ein hohes Maß an Leidensfähigkeit verfügen, zeigt das überraschende Ergebnis der Studie auf die Frage nach der allgemeinen Arbeitszufriedenheit. Demnach sind immerhin 33 Prozent zufrieden (Schulnote 3) und 23,3 Prozent sehr zufrieden (Schulnote 2). Nach Auffassung der Hälfte wird sich an der Zufriedenheit auch in den nächsten zwölf Monaten nichts ändern. Ein Drittel glaubt aber, dass es schlechter oder noch viel schlechter werden wird. Allerdings sind es hauptsächlich die noch nicht sehr lange niedergelassenen Ärzte (bis zu fünf Jahren), die sich zufrieden äußern. Je länger die Niederlassungsdauer ist, desto weniger zufrieden sind die Ärzte mit ihren Arbeitsbedingungen.
Josef Maus

Die Langfassung der Studie der Stiftung Gesundheitheit im Internet:
www.aerzteblatt.de/aufsaetze/0701
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