ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2007Psychiatrische Versorgung: „Wir werden häufiger in die Klinik einweisen müssen“

POLITIK

Psychiatrische Versorgung: „Wir werden häufiger in die Klinik einweisen müssen“

Dtsch Arztebl 2007; 104(4): A-164 / B-148 / C-144

Hillienhof, Arne

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Rund 40 Prozent ihrer Leistungen erbringen niedergelassene Psychiater und Nervenärzte ohne Honorierung. Berufsverbände schlagen jetzt vor, mit einer „Preisadaptierten Qualitätssteuerung“ die Leistungsmenge dem Geld anzupassen.

Die niedergelassenen Neurologen, Nervenärzte und Psychiater wollen ihre Leistungen dem vorhandenen Geld anpassen: „Preisadaptierte Qualitätssteuerung“ heißt das System, nach dem dies geschehen soll. Konkret sollen künftig psychisch kranke Menschen häufiger in Krankenhäuser eingewiesen werden.
„Die Behandlung von Patienten mit schweren Erkrankungen wie Psychosen oder Angststörungen ist immer seltener ambulant möglich“, sagte der stellvertretende Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte (BVDN), Dr. med. Gunther Carl, auf der Herbstkonferenz seines Verbandes im Oktober 2006 in Quedlinburg. Grund seien die knappen finanziellen Mittel. Der BVDN, der Berufsverband Deutscher Psychiater BVDP und der Berufsverband Deutscher Nervenärzte BDN verabschiedeten daher ein Konzept zur Preisadaptierten Qualitätssteuerung (PaQS), das die Leistungseinschränkungen systematisieren soll.
40 Prozent Leistungen
ohne Vergütung
Für rund ein Drittel ihrer Leistungen erhalten die niedergelassenen Ärzte in Deutschland nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) kein Honorar. Besonders schlecht sieht die Situation bei Nervenärzten, Neurologen und Psychiatern aus. „Rund 40 Prozent unse-rer Leistungen erbringen wir, ohne dafür bezahlt zu werden“, erklärt Carl gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Die Fachgruppe befindet sich in der Versorgung von gesetzlich Versicherten in einer besonderen Situation: Infolge der sogenannten Enquete-Reform der Psychiatrie wurden seit 1975 in Deutschland rund 70 Prozent aller Betten in psychiatrischen Anstalten abgebaut. Ziel war, die Patienten in der Nähe ihrer Wohnorte und sozialen Netze zu versorgen und nicht in anonymen Großeinrichtungen zu betreuen. Ambulant tätige Nervenärzte, Psychiater und Neurologen übernahmen die Versorgung dieser Patienten. Die aus diesem massiven Bettenabbau frei werdenden Gelder wurden nach Angaben der neurologisch-psychiatrischen Berufsverbände jedoch nicht für die ambulante Betreuung der Patienten zur Verfügung gestellt.
Jetzt wollen die Verbände gegensteuern. Das Modell PaQS soll der ambulanten Versorgung Geld sparen. Allerdings geht dies zulasten der Leistung. „Wir müssen das Gleichgewicht zwischen ambulant möglicher und stationär notwendiger Behandlung neu finden. Die Patienten müssen sich darauf einstellen, dass wir sie häufiger in die Klinik einweisen müssen“, so Carl. Das gegenwärtige Honorarsystem mache die mit der Psychiatrie-Reform erreichten Fortschritte für psychiatrisch Kranke wieder rückgängig und fördere die sogenannte Drehtürpsychiatrie.
PaQS umfasst sechs Stufen. Empfohlen werden in Abhängigkeit vom Punktwert konkrete Rationierungen. Q1 bezeichnet die Gruppe mit dem höchsten Punktwert, nämlich 6,2 Cent. Dieser Wert ergibt sich laut Carl aus einem Punktwert von 5,11 Cent im Jahr 1990 und der bis 2006 aufgelaufenen Inflation. Bei einer Durchschnittsfallpunktzahl von 1 600 Punkten bei Nervenärzten mit Dopplersonographie liegt der Fallwert im Jahr 2006 damit bei 99,74 Euro je Patient und Quartal. Die PaQS sieht hier keine Einschränkungen vor. „Die meisten Praxen dürften aber von ihren Punkt- beziehungsweise Fallwerten in den Gruppen Q4 bis Q6 liegen“, so Carl.
„Keine gesundheitliche Gefährdung“
Q4 bezeichnet einen Punktwert zwischen 3,11 und 4,11 Cent und einen Fallwert von unter 65,76 Euro. Hier sieht das System vor, Patienten, die mehr als vier diagnostische oder therapeutische Arztkontakte pro Quartal benötigen, ins Krankenhaus einzuweisen. Nicht möglich seien außerdem Lumbalpunktionen, Schlafentzug-EEG und sensibel evozierte Potenziale. Bei einer Nadel-Elektromyographie sollten die Patienten die Einmalnadeln selbst bezahlen.
Q6 bezeichnet die Gruppe mit dem niedrigsten Punktwert, nämlich unter 2,11 Cent und einem durchschnittlichen Fallwert unter 33,76 Euro pro Quartal. Hier empfiehlt die PaQS, Patienten, die mehr als zwei diagnostische oder therapeutische Arztkontakte pro Quartal benötigen, ins Krankenhaus einzuweisen. „Die in der PaQS vorgeschlagenen Rationierungen sollen die Patienten gesundheitlich nicht gefährden oder in ärztlich nicht vertretbarer Weise den medizinischen Standard unterschreiten“, betont Carl. Sie seien vielmehr darauf ausgerichtet, aufwendige differenzialdiagnostische oder therapeutische Maßnahmen in die Klinik zurückzuverlagern, welche die niedergelassenen Ärzte in den vergangenen Jahren aus dem stationären Sektor übernommen haben.
Arne Hillienhof
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema