ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2007Masern-Mumps-Röteln-Impfung: Wie ein Impfstoff zu Unrecht in Misskredit gebracht wurde

MEDIZINREPORT

Masern-Mumps-Röteln-Impfung: Wie ein Impfstoff zu Unrecht in Misskredit gebracht wurde

Dtsch Arztebl 2007; 104(4): A-166 / B-149 / C-145

Kaulen, Hildegard

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LNSLNS Chronologie eines Falls von skrupellosem wissenschaftlichen Fehlverhalten und persönlicher Bereicherung. Die mafiösen Machenschaften um den MMR-Impfstoff sind wahrscheinlich kein Einzelfall.

Nachforschungen der englischen Zeitung „Sunday Times“ belegen, dass der Kombinationsimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) durch wissenschaftliches Fehlverhalten und persönliche Bereicherung verunglimpft wurde. Dabei entstanden Kosten von 14 Millionen britischen Pfund (circa 21,3 Millionen Euro). Die Impfraten sanken zeitweilig auf ein Rekordtief. Drastischer hätten die Folgen mangelnder wissenschaftlicher Ethik kaum ausfallen können.
Die These, dass die Schutzimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln möglicherweise zu Autismus führt, löste 1998 eine regelrechte Schockwelle aus. Die vermeintlichen Hinweise wurden in der Fachzeitschrift The Lancet (1998; 351: 637– 41) gedruckt. Bei acht von zwölf Kindern sollte das autistische Verhalten im unmittelbaren Zusammenhang mit der Masern-Mumps-Röteln-Impfung stehen. Viele Eltern ließen ihre Kinder daraufhin nicht mehr impfen. Die Herdimmunität nahm ab.
In England, wo die Verunglimpfung ihren Anfang nahm, starb in 2006 erstmals wieder ein Kind an Masern. Niemand ahnte, dass die in Lancet veröffentlichten Belege alles andere als wissenschaftlich solide waren. Die meisten Hinweise gingen auf Aussagen von Eltern zurück, die eine Schadensersatzklage gegen die Impfstoffhersteller planten. Es ahnte auch niemand, dass sich einige Protagonisten der Antiimpfkampagne ihre kritische Einschätzung mit stattlichen Summen vergolden ließen.
Sunday Times online am 31. 12. 2006: Die Aufdeckung der Verflechtungen um den MMR-Impfstoff ist ein Paradebeispiel für investigativen Journalismus.
Sunday Times online am 31. 12. 2006: Die Aufdeckung der Verflechtungen um den MMR-Impfstoff ist ein Paradebeispiel für investigativen Journalismus.
Es ist den hartnäckige Recherchen der Sunday Times zu verdanken, dass diese Zusammenhänge Schritt für Schritt aufgedeckt wurden. Vor zwei Jahren berichtete die Zeitung über die juristischen Absichten der beteiligten Eltern. Jetzt dokumentierte sie das volle Ausmaß der finanziellen Verstrickungen. Demnach erhielten Ärzte und Wissenschaftler, die sich gegen den Dreifachimpfstoff aussprachen, insgesamt fast dreieinhalb Millionen britische Pfund (circa 5,3 Millionen Euro) für Beratertätigkeiten, Gutachten oder Forschungsaufträge. Gezahlt wurde das Geld über eine Anwaltskanzlei.
Andrew Wakefield, die Galionsfigur der Anti-Impfkampagne, bereicherte sich mit rund einer halben Million Pfund (circa 760 100 Euro). Fünf der dreizehn Lancet-Autoren erhielten zusammen 183 000 Pfund (circa 278 200 Euro). Auch einer der Gutachter, der die Veröffentlichung für Lancet prüfte, stand mit 40 000 Pfund (circa 60 800 Euro) auf der Liste der Begünstigten. Der Rest des Geldes floss an 59 weitere Personen. Die genaue Liste kann unter www.timesonline.co.uk/article/0,,2087-2524335,00.html eingesehen werden.
Wie die Nachforschungen der Sunday Times weiter zeigen, wurde die Verunglimpfung schon frühzeitig eingefädelt. Sie begann Mitte der 1990er-Jahre mit der Begegnung zwischen Michael Wakefield und Richard Barr. Barr ist Rechtsanwalt. Er hatte zum damaligen Zeitpunkt bereits Erfahrungen mit Schadensersatzklagen gegen Arzneimittelhersteller gesammelt und trug sich mit dem Gedanken, Eltern zu vertreten, die den Verdacht hegten, der Autismus ihrer Kinder könne etwas mit deren Masern-Mumps-Röteln-Impfung zu tun haben. Wakefield sollte die wissenschaftlichen Belege dafür liefern.
Beide beantragten Geld beim Legal Aid Board, einer staatlichen Einrichtung, die mittellosen Engländern hilft, ihre juristischen Interessen zu wahren. Heute trägt diese Organisation den Namen Legal Service Commission. Das Legal Aid Board zahlte 55 000 Pfund (circa 83 600 Euro) an das Royal Fee Hospital in London – die Klinik, an der Wakefield damals arbeitete. Barr suchte in der Zwischenzeit nach weiteren Eltern, die einen Zusammenhang zwischen dem Autismus ihrer Kinder und der Schutzimpfung vermuteten.
Einen Monat nach der Zahlung des Geldes reichte Wakefield den Ethikantrag für die Studie ein, die zwei Jahre später die Grundlage der Lancet-Veröffentlichung bilden sollte. Zur gleichen Zeit, also lange bevor die Impfung öffentlich in Misskredit gebracht worden war, richtete er einen Brief an den damaligen Chief Medical Officer der britischen Regierung Sir Kenneth Calman. Wakefield warnte ihn ausdrücklich davor, Vorschulkinder erneut gegen Masern-Mumps-Röteln impfen zu lassen. Er beendete seinen Brief mit der klaren Forderung: „Do not re-vaccinate“.
WHO kritisiert geringe Masern-Durchimpfungsrate: In Europa sollen die Masern nach Plänen der WHO bis 2010 ausgerottet sein, Deutschland sei allerdings noch nicht gegen gefährliche Masernepidemien gefeit. Für die Ausrottung müssten mindestens 95 Prozent der Kinder bis zum Ende des zweiten Lebensjahrs zwei Mal geimpft sein. Die Schuleingangsuntersuchungen 2005 hätten aber eine bundesweite Quote von nur 73 Prozent ergeben. Foto: dpa
WHO kritisiert geringe Masern-Durchimpfungsrate: In Europa sollen die Masern nach Plänen der WHO bis 2010 ausgerottet sein, Deutschland sei allerdings noch nicht gegen gefährliche Masernepidemien gefeit. Für die Ausrottung müssten mindestens 95 Prozent der Kinder bis zum Ende des zweiten Lebensjahrs zwei Mal geimpft sein. Die Schuleingangsuntersuchungen 2005 hätten aber eine bundesweite Quote von nur 73 Prozent ergeben. Foto: dpa
Wakefield hatte Patente für Einzelimpfstoffe beantragt
Die in Lancet veröffentlichten Studienergebnisse wurden 1998 bei einer sorgfältig inszenierten Pressekonferenz vorgestellt. Es fiel kein Wort darüber, dass fünf der acht autistischen Kinder Richard Barrs Klienten waren und nach und nach an Wakefields Klinik überwiesen worden waren. Ihr Schicksal konnte wegen der Vermischung der Interessen kein unabhängiger wissenschaftlicher Hinweis für die krank machende Wirkung der Impfung sein.
Enthüllt wurde dieser Zusammenhang allerdings erst sechs Jahre später durch Brian Deer von der Sunday Times. Elf der 13 Autoren distanzierten sich daraufhin von der Veröffentlichung (Lancet 2004; 363: 750). Sie gaben an, nichts von dieser Interessenvermischung gewusst zu haben. Über die privaten Zuwendungen schwiegen alle Beteiligten. Auch Richard Horton, der verantwortliche Redakteur von Lancet, distanzierte sich von der Veröffentlichung (Lancet 2004; 363: 820–1).
Wakefield äußerte sich während der gesamten Kampagne stets kritisch über den Dreifachimpfstoff, nicht jedoch über eine zeitlich gestaffelte Vakzinierung mit den Einzelimpfstoffen. 2004 deckten Brian Deer und der britische Fernsehsender Channel 4 auch auf, dass Wakefield Patente für die Einzelimpfstoffe beantragt hatte. Die Verleumdungsklage, die Wakefield daraufhin gegen den Fernsehsender anstrengte, wurde erst vor wenigen Tagen fallen gelassen.
Wakefield drohen jetzt berufsrechtliche Konsequenzen. Die britische Ärztekammer bereitet eine Anklage gegen ihn vor. Allerdings hat er inzwischen das Land verlassen. Er arbeitet für ein Unternehmen in Austin, Texas. Ein pikantes Detail der derzeitigen Enthüllungen ist, dass einige der dort tätigen Angestellten ebenfalls Geld von der Anwaltskanzlei erhalten haben.
Die Schutzimpfung gegen Masern-Mumps-Röteln ist durch die Veröffentlichung dieser Machenschaften sowie durch klinische Studien rehabilitiert worden. Keine Studie konnte einen glaubwürdigen Hinweis für eine mögliche Gefahr liefern.
Marktrücknahme aus Sorge vor Schadensersatzklagen
Die MMR-Vakzine ist nicht der einzige Impfstoff, der in den letzten Jahren zu Unrecht in Misskredit gebracht worden ist. 2002 wurde das gegen Lyme-Borreliose entwickelte Lymerix wegen angeblicher Nebenwirkungen vom Markt genommen, ohne dass es dafür wissenschaftliche Hinweise gab. Der Rückzug war allein durch die Sorge vor ausufernden Schadensersatzklagen bedingt.
Die wissenschaftlichen Grundlagen für den Impfstoff kamen aus Deutschland. Sie wurden von Markus Simon (Max-Planck-Institut für Immunbiologie in Freiburg) sowie Reinhard Wallich und Michael Kramer (Universität Heidelberg) gelegt. Entwickelt und vermarktet wurde Lymerix von SmithKlineBeecham (heute GlaxoSmithKline). Die Zweifel an der Sicherheit des Impfstoffs hatte ausgerechnet Allan Steere, der Entdecker der Lyme- Borreliose und einer der renommiertesten Wissenschaftler auf diesem Gebiet, geweckt.
Steere veröffentlichte im Juli 1998 zwei Arbeiten. Die erste Veröffentlichung erschien im New England Journal of Medicine (1998; 339: 209–15) und stellte die klinischen Ergebnisse der Zulassungsstudie vor, die dem Impfstoff Sicherheit und Effektivität bescheinigte. Steeres zweite Arbeit wurde eine Woche später in Science (281: 703–6) veröffentlicht. Darin äußerte er die Vermutung, der Impfstoff könne bei HLA-DR4-positiven Trägern eine Autoimmunerkrankung auslösen. Er stützte sich dabei auf tierexperimentelle Studien.
Unmittelbar nach dem Erscheinen dieser Arbeit forderten mehrere US-amerikanische Anwaltskanzleien die Bevölkerung auf, etwaige Nebenwirkungen zu melden. Das hatte eine Welle von Schadensersatzklagen zur Folge. Die Food and Drug Administration und die Centers for Disease Control konnten bei der Nachuntersuchung von 904 Fällen, die im Zusammenhang mit 1,4 Millionen Impfungen gemelde worden waren, keine schwerwiegenden Nebenwirkungen feststellen.
Steere hat inzwischen alle Anschuldigungen widerrufen (Nature Reviews 2004; 4: 143–52). Trotzdem bleibt der Impfstoff vom Markt. Simon und seine Kollegen rechnen nun damit, dass sich andere Unternehmen nach Ablauf des Patentschutzes an ihren wissenschaftlichen Ideen bedienen werden.
Dr. rer. nat. Hildegard Kaulen

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