ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2007Versorgung von Osteoporose-Patienten in Deutschland Ergebnisse der BoneEVA-Studie: Minderbeanspruchung entgegenwirken

MEDIZIN: Diskussion

Versorgung von Osteoporose-Patienten in Deutschland Ergebnisse der BoneEVA-Studie: Minderbeanspruchung entgegenwirken

Dtsch Arztebl 2007; 104(4): A-199 / B-180 / C-176

Schneider, Peter

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LNSLNS Es ist an der Zeit, die „Volkskrankheit“ Osteoporose bezüglich Genese, Prävention und therapeutischen Konsequenzen unter einem anderen Paradigma zu sehen (1).
Osteoporose ist in dieser hohen Prävalenz zunächst keine eigenständige chronische Skeletterkrankung, sondern Folge einer normalen muskuloskelettalen Adaptation – auch mikrostrukturell – mit der Folge einer reduzierten Festigkeit des Knochens. Erhöhte Anforderungen führen dann bereits zu Fraktur oder Sinterung. Hauptursache ist chronischer bedarfs- oder krankheitsbedingter Mangel an Muskelkraft mit zu geringer signaltransduktionsrelevanter Verformung des Knochens. Während die Knochenfestigkeit bei Wildtieren aufgrund hoher Materialdichte optimal ist, hat sich der Mensch in unserer modernen Zivilisationsgesellschaft weit davon entfernt. Weder physische Ausdauer noch Kurzzeithöchstleistung sind erforderlich, um die Art zu erhalten.
Mittels Zweienergie-Röntgenabsorptiometrie (DXA) haben wir gezeigt, dass Heranwachsende durchschnittlich 450 mg/die elementares Calcium auch unter ungünstigen Bedingungen in das Skelett einbauen. Alle Referenzbereiche für die „normale“ Knochendichte zeigen, dass über 50-Jährige 80 mg/die Knochencalcium aufgrund von Minderbeanspruchung abbauen. Dies ist durch eine „Basisversorgung“ mit Calcium und Vitamin D nicht umkehrbar, die Folge ist nur eine 17 Prozent höhere Inzidenz an Nephrokalzinose (2).
Die Risikostratifizierung mittels der DVO-leitliniengerechten Knochendichtemessung ist bedenklich. Damit ist eine physiologische nicht von einer pathophysiologischen Osteopenie zu unterscheiden. Sie erklärt nur 15 Prozent des Frakturrisikos, ist individuell inakzeptabel unscharf und zur Therapieentscheidung ungeeignet (3). Es mangelt an der objektiven Erfassung des neuromuskulären Status zum Sturzrisiko und damit der Frakturwahrscheinlichkeit. Dem pharmakotherapeutischen Versorgungs- oder Ressourcenmangel wird vorgebeugt, wenn der zivilisatorischen muskuloskelettalen Minderbeanspruchung entgegengewirkt und unter diesem Paradigma die Erkrankung Osteoporose verhindert wird. Die Verbesserung der Adhärenz der Patienten zur Pharmakotherapie und „calciumreiche Ernährung und Bewegung“ lösen das Problem kaum.


Prof. Dr. med. Dipl.-Min. Peter Schneider
Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin
Schwerpunkt Muskel-/Knochenfunktionsanalyse
Josef-Schneider-Straße 2
97080 Würzburg

Interessenkonflikt
Prof. Schneider ist Mitglied der von Proctor und Gamble Pharmaceuticals gesponsorten Organisation REKO. Er hat Vortragshonorare von REKO, ServierDeutschland GmbH und Novartis erhalten.
1.
Frost HM, Schneider P, Schneider R: Behandlungsbedürftige Osteoporose oder physiologische Osteopenie? – WHO Definition im Gegensatz zum Utah Paradigma. Dtsch med Wochenschr 2002; 127: 2570–4. MEDLINE
2.
Finkelstein JS: Calcium plus Vitamin D for Postmenopausal Women – Bone Appétit? N Engl J Med 2006; 354: 750–2. MEDLINE
3.
Wilkin TJ, Devendra D: For and against: Bone densitometry is not a good predictor for hip fracture. BMJ 2001; 323: 795–9. MEDLINE
1. Frost HM, Schneider P, Schneider R: Behandlungsbedürftige Osteoporose oder physiologische Osteopenie? – WHO Definition im Gegensatz zum Utah Paradigma. Dtsch med Wochenschr 2002; 127: 2570–4. MEDLINE
2. Finkelstein JS: Calcium plus Vitamin D for Postmenopausal Women – Bone Appétit? N Engl J Med 2006; 354: 750–2. MEDLINE
3. Wilkin TJ, Devendra D: For and against: Bone densitometry is not a good predictor for hip fracture. BMJ 2001; 323: 795–9. MEDLINE

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