ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2007Pharma-Fusionen: Die Bewährungsprobe kommt erst

WIRTSCHAFT

Pharma-Fusionen: Die Bewährungsprobe kommt erst

Dtsch Arztebl 2007; 104(4): A-208 / B-188 / C-184

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Die 2006 eingeleiteten Übernahmen werden derzeit abgeschlossen. Nun muss sich zeigen, ob die fusionierten Unternehmen auch zusammenpassen.

Am besten haben sich jene Aktionäre der Schering AG gestanden, die so lange warteten, bis sie von Bayer herausgekauft wurden. Das Kapitel wird gerade mit einem sogenannten Squeeze-out beendet.
Rechtlich wurden die alte Schering AG und der Bayer-Bereich Pharma Health Care im Dezember 2006 zur Bayer Schering Pharma AG mit Sitz in Berlin schon Ende 2006 zusammengefasst; die tatsächliche Zusammenlegung hält noch an. Die Übernahme von Schering sei zwar freundlich, bemerkte ein Insider, doch nicht spannungsfrei. Mit ihrer Konzeption für das fusionierte Pharmageschäft hält sich die Bayer-Spitze bisher bedeckt. Das dürfte auch daran liegen, dass die Zusammenlegung mit Personalabbau (die Rede war von 6 000 Personen) und -verschiebungen zwischen Leverkusen und Berlin einhergeht. Immerhin scheint einstweilen sicher zu sein, dass das Schering-Geschäft mit Kontrastmitteln beibehalten wird. Bayer hatte seine eigene Diagnostika-Sparte erst Ende Juni 2006 für 4,2 Milliarden Euro an Siemens verkauft. Die Übernahme durch Siemens ist mit Jahresbeginn 2007 abgeschlossen.
Bayer ließ sich Schering rund 17 Millarden Euro kosten, um im Pharmageschäft wieder weltweit eine Rolle spielen zu können. Mit etwa 15 Milliarden Euro Pharmaumsatz dürfte Bayer-Schering zu den ersten zehn in der Weltrangliste zählen – nach derzeitigem Stand. Bayer-Schering war die spektakulärste 2006 eingestielte Übernahme. Weitere folgten und werden derzeit abgeschlossen.
Die Merck KGaA, Darmstadt, die zunächst für Schering geboten hatte, wollte allenfalls 14,6 Milliarden Euro zahlen und wurde im Juni 2006 von Bayer ausgestochen. Das Schering-Management hatte sich vehement gegen Merck gewehrt und Bayer als weißen Ritter begrüßt. Die Abfuhr, die sich die Darmstädter bei Schering geholt hatten, wurde in der Öffentlichkeit vielfach als Niederlage gewertet. Das war wohl ein wenig vorschnell. Denn Merck erzielte mit dem Verkauf seiner Schering-Aktien beiläufig 400 Millionen Euro Gewinn und suchte im Stillen nach einer Alternative. Die wurde mit dem Schweizer Biotechnologie-Konzern Serono, wie Merck mehrheitlich im Familienbesitz, gefunden. Merck zahlt 10,6 Milliarden Euro und refinanziert sich unter anderem durch den Verkauf seiner Generika-Sparte (Merck dura). Spekuliert wird auch über den Verkauf des OTC-Geschäftes von Merck. Das erscheint konsequent. Merck-Pharma würde aus der Prozedur als auf die Forschung konzentriertes Unternehmen hervorgehen, zumal weiter zugekauft werden soll (Organon?). Die neue Merck-Serono S.A. wird in Genf beheimatet sein.
Mit der Übernahme der Schwarz Pharma AG, Monheim, durch die UCB S.A., Brüssel, gibt eine erfolgreiche familiengeprägte Gesellschaft ihre Selbstständigkeit auf. Die Forschungs- und Entwicklungskosten erscheinen für eine Firma dieser Größe (eine Milliarde Umsatz in 2005) auf die Dauer zu hoch. Die UCB S.A., die mit 2,3 Milliarden Umsatz etwa doppelt so groß wie Schwarz ist, zahlt 4,4 Milliarden Euro. Das gilt als ein Spitzenpreis. Hinter UCB (Union Chimique Belge), ursprünglich eine Chemiefirma, heute ein forschungsintensives Biotechnologieunternehmen, steckt die Industriellenfamilie Janssen. Sitz auch der vereinten Firma ist Brüssel. In Monheim und weiterhin unter dem Namen Schwarz Pharma soll das weltweite allgemeinmedizinische Geschäft abgewickelt werden.
Gleichfalls in diesen Wochen geht der Verkauf der Altana AG an die dänische Nycomed über die Bühne. Auch hier zieht sich eine Familie zurück, Susanne Klatten aus dem Quandt-Clan. Käufer Nycomed gehört, ganz zeitgemäß, drei großen Finanzinvestoren: Nordic Capital, Credit Suisse und Blackstone. In dieser Branche ist es nicht ungewöhnlich, dass ein „Kleiner“ (Nycomed-Umsatz knapp 750 Millionen Euro in 2005) einen größeren (Altana Pharma setzte 2005 rund 2,4 Milliarden Euro um) übernimmt. Die Altana AG hatte lange nach einem Käufer gesucht. Die Investoren zahlen nun für Altana-Pharma (bis 1977 als Byk-Gulden bekannt) 4,6 Milliarden Euro, rund eine Milliarde weniger als von Altana erhofft. Das wichtigste Produkt ist Pantoprazol, dessen Patente in Europa und in den USA 2009 und 2010 auslaufen. Ein neues Präparat, das die zu erwartenden Umsatzrückgänge von Pantoprazol ausgleichen könnte, ist nicht in Sicht, nachdem Daxas (zur Behandlung von Atemwegserkrankungen) die Zulassungshürden bisher nicht nehmen konnte. Ob Nycomed, das unter anderem mit TachoSil (zur Stillung örtlicher Blutungen) vor allem auf die chirurgischen Disziplinen zielt, und die Neuerwerbung zusammenpassen, bleibt abzuwarten.
Das gilt auch für die übrigen Zusammenschlüsse. Eine glatte Finanztransaktion bürgt noch nicht für dauerhaften Erfolg. Vor allem nicht in der wechselhaften Pharmaforschung.
Norbert Jachertz
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