ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2007Euronotruf: Noch nicht perfekt

POLITIK

Euronotruf: Noch nicht perfekt

Dtsch Arztebl 2007; 104(5): A-236 / B-212 / C-208

Krüger-Brand, Heike E.

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LNSLNS Die von der Europäischen Union beschlossene einheitliche Notrufnummer ist noch nicht in allen Mitgliedsstaaten zuverlässig umgesetzt.

Bei Unfall, Brand oder anderen Notlagen während eines Aufenthalts in einem Land der Europäischen Union (EU) soll sie dazu beitragen, Leben zu retten: die einheitliche europäische Notrufnummer 112. Durch Wählen der gebührenfreien Nummer kann jeder innerhalb der EU vom Festnetz- oder Mobiltelefon aus im Notfall schnelle Hilfe holen. Der Anruf geht an eine Alarmzentrale und wird dort entweder direkt bearbeitet oder an Polizei, Feuerwehr oder Notfalldienst weitergeleitet. Bei Handys funktioniert der Euronotruf auch ohne eingelegte SIM-Karte oder PIN-Eingabe und auch bei aktivierter Tastensperre.
Nach einem Beschluss des Europarates aus dem Jahr 1991 müssen die EU-Mitgliedsstaaten dafür sorgen, dass die Nummer 112 auf ihrem Hoheitsgebiet per Festnetz und Mobilfunk überall erreichbar ist und dass Anrufe dieser Nummer genauso behandelt werden wie nationale Notrufnummern. Die Notrufe erhalten außerdem eine erhöhte Priorität in den Telefonnetzen, sodass selbst bei Netzengpässen eine schnelle Verbindung gewährleistet ist. Seit 2003 sollen die EU-Mitgliedsländer darüber hinaus auch die Lokalisierung des Handy-Notrufes per Satellitentechnik sicherstellen, denn häufig wird der Standort des Anrufers nur schlecht oder gar nicht angegeben.
So weit die Theorie, doch in der Praxis hapert es noch mit der Umsetzung und Bekanntheit des Dienstes. Von rund 100 Millionen Bürgern, die jährlich beruflich oder geschäftlich in Europa unterwegs sind, kennt nur etwas mehr als ein Drittel den Euronotruf, der nicht nur innerhalb der EU, sondern auch in einigen Nicht-EU-Ländern, wie Norwegen, Island und Liechtenstein, eingeführt ist. Das liegt unter anderem daran, dass in vielen Ländern neben der 112 weitere Notrufnummern verwendet werden, die teilweise bekannter sind als der Euronotruf. Auch ist die technische Infrastruktur in einigen Ländern noch nicht so weit ausgebaut, dass die Anruferlokalisierung zuverlässig funktioniert. Integrierte Notrufzentralen für alle Dienste (wie Rettungsdienst, Feuerwehr, Polizei, Zivilschutz) sind vierlerorts nicht üblich. Ein Hemmnis für die erfolgreiche Nutzung ist außerdem die Sprachbarriere, denn nur selten verfügt das Personal in den Notrufleitstellen über Fremdsprachenkenntnisse. Vor diesem Hintergrund hat der Belgier Oliver Paul-Morandini, Vorsitzender der European Emergency Number Association (www.eena.org), eine Unterschriftenaktion im Internet gestartet. Sein Ziel ist es, 2007 eine Million Unterschriften zu sammeln, um in einem Bürgerbegehren auf die Umsetzung der geltenden EU-Gesetzgebung zu drängen (www.112petition.org).
eCall-System für Fahrzeuge
Als Weiterentwicklung des Euronotrufs will die Europäische Kommission das satellitengestützte „eCall-System“ (Emergency Call) in ihren Mitgliedsstaaten einführen. Dabei handelt es sich um ein Notrufsystem, das ab Ende 2009 in allen Neuwagen installiert werden soll und das die europäische Notrufnummer 112 nutzt. Bei einem Unfall setzt das System einen Notruf in die nächstgelegene Notrufzentrale ab und übermittelt zusätzlich einige Daten über das Fahrzeug, vor allem den genauen Standort. Der Notruf wird durch im Fahrzeug angebrachte Sensoren automatisch gesendet, kann aber auch manuell ausgelöst werden. Schätzungen der EU-Kommission zufolge könnte das System bis zu 2 500 Menschenleben jährlich retten und die Folgen von Unfallverletzungen mindern.
Heike E. Krüger-Brand
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