ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2007Krankenrevier im Konzentrationslager: Ort der Hilfe und des Mordens

THEMEN DER ZEIT

Krankenrevier im Konzentrationslager: Ort der Hilfe und des Mordens

Dtsch Arztebl 2007; 104(5): A-247 / B-219 / C-215

Ley, Astrid

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Baracke R II mit dem Eingang zum Museum
Baracke R II mit dem Eingang zum Museum
Die unterschiedlichen Aspekte medizinischer Versorgung im KZ Sachsenhausen sind Gegenstand einer Dauerausstellung in der dortigen Gedenkstätte.

Medizin und Verbrechen. Das Krankenrevier des KZ Sachsenhausen 1936–1945“ – diesem Thema ist seit Ende 2004 eine Dauerausstellung in der Gedenkstätte gewidmet. Zu diesem Zweck wurden die original erhaltenen KZ-Baracken R I und R II restauriert. Aura und Zeugniswert der Originalbaracken waren aber nur einer der Gründe, warum die Ausstellung „Medizin und Verbrechen“ mit etwa 800 qm Fläche und rund 1 000 Exponaten die mit Abstand größte Einzelausstellung der Gedenkstätte Sachsenhausen geworden ist. Die Ausstellungsgröße ist auch der Komplexität des Gegenstands geschuldet. So liegt der Fokus nicht allein auf den im KZ Sachsenhausen begangenen ärztlichen Verbrechen wie Zwangssterilisation und -kastration, Krankenmord und Menschenexperimenten. Weiterer Schwerpunkt ist die – in einem solchen Rahmen bislang noch nie thematisierte – „alltägliche“ medizinische Versorgung in einem Konzentrationslager.
Dem Krankenrevier kamen verschiedene, von der SS bestimmte Funktionen im Lager zu, die sich zudem im Laufe der Zeit veränderten. Sollte das Revier zunächst nur eine – auch aus Propagandagründen angezeigte – medizinische Minimalversorgung der Häftlinge gewährleisten, so rückte mit Kriegsbeginn die Seuchenprävention in den Vordergrund. Denn schließlich wurde auch das SS-Wachpersonal von den ansteckenden Krankheiten, die sich aufgrund schlechter werdender Lebensbedingungen im Lager ausbreiteten, bedroht. Ab 1942 sollte das Krankenrevier vor allem die Arbeitsfähigkeit erkrankter Häftlinge, die für die deutsche Kriegswirtschaft ausgebeutet wurden, wiederherstellen. Untrennbar damit verbunden war die Selektion und Ermordung von Kranken, die von der SS als dauerhaft arbeitsunfähig eingestuft wurden. Bestimmte Abteilungen des Krankenreviers wurden zudem als Schauobjekte genutzt und dienten als besondere Attraktionen bei den offenbar bis 1945 mehrfach pro Woche stattfindenden Besucherführungen durchs Lager.
Die museale Darstellung der Vorgänge im Krankenrevier erfolgt über die Biografien von Häftlingen, über ihre Erfahrungen und ihre Erlebnisse im Lager. Als Träger der medizinischen Versorgung spielten Häftlinge eine zentrale Rolle im Krankenrevier. Leiter des Krankenbaus war zwar der „Erste Lagerarzt“, dem weitere SS-Ärzte unterstanden. In der Krankenbetreuung übten diese Ärzte aber letztlich nur die Aufsicht aus, denn die praktische Behandlung lag fast völlig in den Händen von „Häftlingspflegern“, also bestimmten Funktionshäftlingen. Bis Ende 1942 setzte die SS fast ausschließlich Gefangene ohne ärztliche Vorbildung – nicht selten sogar völlige medizinische Laien – in der Krankenversorgung ein. Jüdische Häftlinge waren von diesen Positionen, wie auch von der Behandlung im Krankenrevier, grundsätzlich ausgeschlossen. Viele Häftlingspfleger versuchten, unter den gegebenen Bedingungen eine möglichst gute medizinische Hilfe zu leisten. Die dazu benötigten Spezialkenntnisse eigneten sie sich von Mithäftlingen selbst an, wie sich unter anderem am Beispiel des politischen Häftlings Fritz Bringmann zeigen lässt, der von 1937 bis 1939 im Krankenrevier arbeitete. Wie neben Bringmann auch andere ehemalige Häftlinge berichteten, erlegte die Arbeit im Krankenrevier den dort tätigen Funktionshäftlingen eine große Verantwortung auf; bei der Behandlung auch schwerer Erkrankungen waren sie oft völlig auf sich gestellt.
Die Arbeit im Revier bot ihnen aber zugleich einen gewissen Freiraum für Selbstbehauptung und Widerstand gegen den SS-Terror. In der Zeit bis zum Kriegsbeginn 1939 waren fast alle Pfleger-Posten mit politischen Häftlingen besetzt, die somit den Krankenbau dominierten. Es war ihnen deshalb möglich, im Lager auffällig gewordene Mitgefangene im Revier zu verstecken oder dort sogar geheime Zusammenkünfte abzuhalten. So führten „Politische“ im Sommer 1939 in den Revierbaracken eine Totenfeier für den an Krankheit verstorbenen KPD-Funktionär Lambert Horn durch, die vielen Häftlingen in Erinnerung geblieben ist.
Ein aus 32 kleinen Figürchen bestehendes Schachspiel steht für einen weiteren zentralen Aspekt der im Revier betriebenen Krankenpflege durch Häftlinge, nämlich die altruistische Hilfsbereitschaft in medizinischer wie universell menschlicher Hinsicht. Das Spiel stammt aus dem Besitz des ehemaligen Häftlings Franz Cyranek, der von 1938 bis zur Befreiung des Lagers als Röntgenlaborant im Krankenrevier tätig war. Sowjetische Kriegsgefangene hatten es aus der wohl kostbarsten Substanz gefertigt, die ihnen im KZ zur Verfügung stand: aus Brot. Sie schenkten es dem deutschen Häftlingspfleger als Dank für seinen selbstlosen Beistand. Eine solche uneigennützige Hilfsbereitschaft ist auch von etlichen anderen Funktionshäftlingen überliefert. In der Erinnerung vieler Überlebender war der Krankenbau vor allem ein Ort von Opfersinn, Solidarität und Hilfe, und zwar trotz der dort verübten SS-Verbrechen und trotz der dort herrschenden Machtkämpfe zwischen einzelnen Häftlingsgruppen.
Nachdem die SS über lange Zeit ausschließlich Nicht-Mediziner in der Krankenversorgung eingesetzt hatte, zog sie ab Ende 1942 konsequent inhaftierte Ärzte und Medizinstudenten zum Dienst im Revier heran. Hintergrund dieser Neuerung war der Funktionswandel der Konzentrationslager nach dem Scheitern der Blitzkriegsstrategie – die Lager dienten nun als „Arbeitskräftereservoir“ für die deutsche Rüstungsindustrie. Den aus vielen Ländern Europas stammenden Häftlingsärzten wurde zur Aufgabe gemacht, die Sterblichkeit im Lager zu senken und zugleich die Arbeitsfähigkeit des Häftlingskollektivs zu heben.
SS-Propagandafoto aus dem Revier, vor 1945. Fotos: Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen; Frey-Aichele Team; Friedhelm Hoffmann
SS-Propagandafoto aus dem Revier, vor 1945.
Fotos: Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen; Frey-Aichele Team; Friedhelm Hoffmann
Der Einsatz medizinisch ausgebildeter Gefangener aus vielen Nationen im Krankenbau bewirkte eine deutliche Verbesserung der Krankenversorgung. Wie Überlebende berichteten, führte zum Beispiel der 1943 wegen Widerstands gegen die deutsche Besatzungsmacht nach Sachsenhausen verschleppte Pariser Chirurg Dr. Emil Coudert im Lager eine Vielzahl komplizierter Operationen durch. Auch der spätere norwegische Ge­sund­heits­mi­nis­ter Dr. Sven Oftedal spielte als Häftlingsarzt eine bedeutende Rolle. Erinnerungen von Mithäftlingen zufolge organisierte er etwa größere Mengen von Stärkungsmitteln für das Krankenrevier, indem er die skandinavischen Häftlinge, die zu dieser Zeit regelmäßig Pakete vom Roten Kreuz erhielten, zur Abgabe des darin enthaltenen Lebertrans veranlasste. Im März 1945 organisierte Oftedal eine Blutspendeaktion, die bei alliierten Bombenangriffen verwundeten Häftlingen zugutekam.
Die Häftlingsärzte verfügten bei ihrer Arbeit im Revier über einen nicht unbedeutenden Handlungsspielraum. Dennoch waren sie als Funktionshäftlinge per se in einer schwierigen Lage, denn ihre Position verlangte eine dauernde Gratwanderung zwischen den Befehlen der SS und den Interessen der Patienten. Wegen des permanenten Mangels im Lager waren sie zudem gezwungen, mit zu geringen Mitteln zu viele Kranke zu versorgen. Und nicht zuletzt wurden ihre ärztlichen Bemühungen von der SS im Grunde dazu missbraucht, um unter den Bedingungen der Lagerhaft erkrankte Häftlinge für eine weitere wirtschaftliche Ausbeutung wiederherzustellen. Häftlinge, deren Arbeitsfähigkeit der SS-Arzt für nicht wiederherstellbar hielt, wurden aus dem Krankenbau entfernt. Sie wurden planmäßig vernachlässigt, in andere Lager abgeschoben oder ermordet. Vor allem seit 1942 wurde das Revier zum Ort gezielter „Vernichtung“; erste systematische Selektionen zur „Säuberung des Krankenbaus von chronisch Kranken“ sind schon für Oktober 1941 nachweisbar.
Stethoskop des Häftlingsarztes Nikolaj Scheklakow, 1944
Stethoskop des Häftlingsarztes Nikolaj Scheklakow, 1944
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Die noch erhaltenen Baracken R I und R II, in denen die Dauerausstellung untergebracht ist, waren nur ein Teil des damals laufend vergrößerten Krankenreviers. Bis zum Kriegsende wuchs das Revier auf mehr als sechs Gebäude mit fast 800 Betten an, in denen schließlich mehr als 2 000 Patienten lagen. Doch die Abteilungen waren sehr unterschiedlich ausgestattet. Während es in manchen Stationen am Nötigsten fehlte und die Betten mit zwei oder mehr Kranken belegt waren, herrschten in anderen relativ gute Zustände. Besonders die zuerst gebauten Baracken R I und R II verfügten über recht moderne Therapie- und Diagnoseeinrichtungen, wie Operationssäle, Röntgenkabinett und Laboratorien. Dort gab es bis zuletzt Bettzeug, in einigen waren sogar Einzelbetten aufgestellt. Wegen dieser guten Ausstattung dienten R I und R II als Vorzeigeobjekte für Besuchergruppen.
Das Krankenrevier als Vorführobjekt
Durch das 1936 als eine Art Modelllager erbaute und unweit der Reichshauptstadt Berlin gelegene KZ Sachsenhausen wurden häufig Besuchergruppen aus dem In- und Ausland geführt. Dabei zeigte man in der Regel aber nur ausgewählte Lagerbereiche, wie die Baracken R I und R II sowie einige „Musterblocks“. Der Kreis der Besucher war sehr heterogen und reichte von Vertretern verbündeter Staaten bis zu kritischen Journalisten. Mit den Führungen sollte einer angeblichen Hetzpropaganda über die Konzentrationslager begegnet und zugleich das Trugbild einer „harten, aber gerechten“ Behandlung der Gefangenen vermittelt werden. Doch nicht bei allen Besuchern war dieses Täuschungsmanöver erfolgreich, wie zeitgenössische Privat-Aufzeichnungen über solche Besichtigungen offenbaren.
Neben dem Alltag im Krankenrevier befasst sich ein zweiter Hauptteil der Ausstellung mit den im KZ Sachsenhausen begangenen medizinischen Verbrechen. Hierbei handelt es sich neben der eugenischen Zwangssterilisation sowie der Zwangskastration als „homosexuell“ klassifizierter Häftlinge vor allem um die Krankenmordaktion „14 f 13“, der mehr als 550 vermeintlich oder tatsächlich kranke Insassen des KZ Sachsenhausen zum Opfer fielen. Die „Aktion 14 f 13“ war nach dem Aktenzeichen benannt, das in der Oranienburger Inspektion der Konzentrationslager für den Mord durch Gas verwendet wurde. Sie begann im April 1941 mit einer groß angelegten Reihenuntersuchung im KZ Sachsenhausen. Von den einige Monate später einsetzenden Selektionen zur „Säuberung des Krankenbaus von chronisch Kranken“ unterschied sie sich vor allem dadurch, dass die Ausgesonderten in den Tötungsanstalten der „Euthanasieaktion T4“ getötet wurden. Eine Installation mit der Original-Zugangstür zum „Vernichtungstrakt“ der Tötungsanstalt Sonnenstein bei Pirna erinnert an die Namen der Häftlinge aus Sachsenhausen, die diese Tür kurz vor ihrem gewaltsamen Tod passieren mussten.
Im Krankenrevier wurden auch anthropometrische Untersuchungen der „Rassenhygienischen Forschungsstelle Berlin“ an Sinti und Roma durchgeführt. Seit 1936 fertigten Mitarbeiter der Forschungsstelle „Rasse-Gutachten“ über die in Deutschland lebenden Roma und Sinti an. Ende 1938 kamen sie dazu auch ins KZ Sachsenhausen, wo sie 400 Sinti- und Roma-Häftlinge „rassenbiologisch“ untersuchten. Ihre Gutachten dienten der Polizei später als Grundlage bei der Erstellung der Deportationslisten, nach denen Hunderttausende Roma und Sinti in das Vernichtungslager Auschwitz verschleppt wurden. Die meisten von ihnen kamen dort um. In der Ausstellung werden diese „Rassenforschungen“ im Krankenrevier in den Kontext der gesamten Verfolgungsgeschichte der Minderheit gestellt, um die zentrale Rolle jener Wissenschaftler beim systematischen Massenmord an den Sinti und Roma vor Augen zu führen. Die dafür mitverantwortliche Dehumanisierung wissenschaftlicher Forschung zeigt sich deutlich in den Kopfplastiken und Gesichtsmasken, die die „Rassenforscher“ zu Lehrzwecken von Roma und Sinti anfertigten und die jetzt in der Ausstellung zu sehen sind.
Armbinde mit der Aufschrift „Häftlingsarzt“, 1944/45
Armbinde mit der Aufschrift „Häftlingsarzt“, 1944/45
Sicht der Opfer
Die Dauerausstellung geht auch auf die in Sachsenhausen durchgeführten medizinischen Versuche an Menschen ein. Diese fallen in die Zeit nach Kriegsbeginn; in aller Regel ging es um militärische Zweckforschung und um Probleme der Wehrmedizin, wenn Verfahren zur Optimierung der deutschen Kriegführung erprobt oder Heilmittel und Impfstoffe gegen kriegsbedingte Verletzungen und (Infektions-)Krankheiten getestet wurden.
Dargestellt wird nicht nur der politische und wissenschaftliche Kontext der jeweiligen Experimente und die Person und Motivation der ärztlichen Täter. Ein zentraler Aspekt ist auch die Sicht der Opfer, der „Versuchspersonen“, welche die Experimente erleiden mussten. Eines der Beispiele, die Geschichte von elf jungen Juden, die im Sommer 1943 für Hepatitis-Experimente von der Rampe in Auschwitz in das Krankenrevier des KZ Sachsenhausen gebracht worden waren, wird am authentischen Schauplatz präsentiert werden: in Raum 51 der Baracke R II, wo die Kinder und jungen Männer während der über ein Jahr andauernden Versuche leben mussten.
Dr. phil. Astrid Ley
Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen


Lazarett im sowjetischen Speziallager Nr. 7/Nr. 1

Seit August 1945 nutzte der sowjetische Geheimdienst NKWD den Kernbereich des ehemaligen KZ Sachsenhausen als sowjetisches Speziallager Nr. 7/Nr. 1. Bis zum Frühjahr 1950 waren hier etwa 60 000 Menschen gefangen, von denen mindestens 12 000 die Haft nicht überlebten. Auch in dieser Zeit fand die Behandlung erkrankter Häftlinge in den Revierbaracken statt.

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