ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2007Diagnostik depressiver Störungen: Offene Fragen aussagekräftiger

MEDIZIN: Diskussion

Diagnostik depressiver Störungen: Offene Fragen aussagekräftiger

Dtsch Arztebl 2007; 104(5): A-267 / B-238 / C-233

Piechowiak, Helmut

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LNSLNS Die Diagnose depressiver Erkrankungen beruht wesentlich auf der „Selbstauszeugung“ des Patienten beziehungsweise der Anamnese. Deshalb wurden 26 Fragenvorschläge unterbreitet, mit der die Erkrankung besser diagnostiziert werden soll. Sind diese Fragen wirklich ein leitlinienähnlicher „Standard“ der Diagnostik?
Nahezu alle Vorschläge beziehen sich sehr gezielt auf die Hauptsymptome depressiver Erkrankungen, aber sie fragen die Symptome auch in den Patienten hinein. Dass der Arzt an diese Aspekte denken muss, ist klar, aber soll er wirklich so fragen? Warum dominieren nicht offene Fragen oder Aufforderungen der Art „Wie sehen Sie Ihre private beziehungsweise berufliche Zukunft?“ oder „Schildern Sie mir doch mal Ihren üblichen Tagesablauf!“? So ginge man die Diagnostik wesentlich offener und unvoreingenommener an.
Angesichts der wirtschaftlichen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen haben die Ursachen für „reaktive“ depressive Störungen erheblich zugenommen. Liegt Arbeitsunfähigkeit wegen eines Rückenleidens nicht mehr vor, wird oft der Psychiater konsultiert, um weitere Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen zu attestieren. Das ist gesellschaftliche Realität, der massive Anstieg der Frühberentung wegen seelischer Leiden auch. Gehört es nicht zu den Aufgaben des Arztes, sich explizit nach den partnerschaftlichen, familiären und beruflichen Rahmenbedingungen zu erkundigen und sich von dem Gewicht dieser Faktoren auch selbst ein Bild zu machen? Vielleicht ist das den Verfassern ganz selbstverständlich. Dennoch wäre es eines Hinweises wert gewesen. Nur um die Depression zu diagnostizieren, aber nicht zu klären, ob und gegebenenfalls welche (Hinter-)Gründe es dafür gibt oder welche subjektiv dafür gesehen werden, erscheint einem Sozialmediziner unvorstellbar.

Dr. med. Helmut Piechowiak
Internist-Sozialmedizin
MDK Bayern, Ressort: Strategie und Gesundheitspolitik
BZ München Nord, Taunusstraße 27, 80807 München
E-Mail: Helmut.Piechowiak@mdk-in-bayern.de

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