ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2007Projekt Gesundes Kinzigtal: Plattformübergreifende IT-Lösung

TECHNIK

Projekt Gesundes Kinzigtal: Plattformübergreifende IT-Lösung

Dtsch Arztebl 2007; 104(5): A-284 / B-254

Preuß, Stefan

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Vernetzte Lösungen werden sich auch in der ärztlichen Praxis zunehmend durchsetzen. Foto: QSC
Vernetzte Lösungen werden sich auch in der ärztlichen Praxis zunehmend durchsetzen. Foto: QSC
Intelligente Vernetzung ist eine Voraussetzung für die erfolgreiche Zusammenarbeit im Rahmen der integrierten Versorgung.

Im Kinzigtal ist ein bundesweit einzigartiges Projekt zur integrierten Versorgung gestartet – einzigartig insofern, als beim Vertrag der Kinzigtaler Ärzte mit der AOK Baden-Württemberg erstmals die Budgetverantwortung für einen ganzen Landstrich an einen Dienstleister übertragen wurde. Zwischen Gengenbach und Hornberg hat die AOK mit 30 000 Versicherten einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent. Das jährliche Budget von mehr als 50 Millionen Euro für diese Versichertengruppe verantwortet die Gesundes Kinzigtal GmbH, deren Gesellschafter zu 66,6 Prozent das Medizinische Qualitätsnetz Ärzteinitiative Kinzigtal e.V. und zu 33,4 Prozent die Optimedis AG, Hamburg, sind (Internet: www.gesundes-kinzigtal.de).
Die Gesundes Kinzigtal GmbH will durch eine durchdachte Vernetzung und Zusammenarbeit der Beteiligten im Gesundheitswesen bis zu 20 Prozent der Kosten einsparen und gleichzeitig die medizinische Qualität erhöhen. Voraussetzung dafür ist der Einsatz einer branchenspezifischen Informationstechnologie. Das Softwarehaus On Lab, Offenbach, wurde damit beauftragt, die erforderlichen Kommunikations- und Datenbanklösungen einzurichten. Das Unternehmen, das ursprünglich aus der Laborkommunikation kommt, hat 2005 mehr als eine Million Befunde über das „Integrale Befundsystem ibs2“ von Laboratorien aller Art an die behandelnden Ärzte versandt. Das System funktioniert über die verschiedenen, häufig proprietären IT-Systeme, die in Krankenhäusern, Arztpraxen und Laboren in großer Zahl zu finden sind, hinweg. Das gab letztlich den Ausschlag bei der Ausschreibung. So können auch die Leistungserbringer informationstechnisch angebunden werden, die außerhalb des Kinzigtals angesiedelt sind. Krankenhäuser, Radiologen, Pathologen und andere Spezialisten können über die Software Daten abrufen und Informationen einstellen, ohne ihr IT-System verändern oder erweitern zu müssen. Andere Kommunikationslösungen, die nur zwischen Firmensystemen funktionieren, hätten erhebliche Investitionen in den einzelnen Praxen ausgelöst.
Auswertungsmöglichkeiten
Das Systemhaus hatte bereits Erfahrungen in der IT-Vernetzung von Ärzteverbünden gesammelt, so etwa im Gesundheitsnetz Viersen. Auch dort haben sich Ärzte zusammengeschlossen. Die umfangreichen Auswertungsmöglichkeiten des Systems durch die integrierte SQL-Datenbank ermöglichen zum Beispiel die exakte Dokumentation der verschriebenen Medikamente. Ärzte erhalten so die Möglichkeit, auf Basis solider Zahlen gemeinsam mit den Krankenkassen zum Beispiel mit Generika-Herstellern über Preisnachlässe zu verhandeln. Solche Verträge strebt auch die Gesundes Kinzigtal GmbH an. Große Einsparungen sollen aus dem Abbau von Bürokratie und Reibungsverlusten erwachsen. Verminderter Kontrollaufwand und das Vermeiden teurer Zweituntersuchungen könnten jährlich Millionensummen einsparen, schätzen Experten. Um diese Ziele zu erreichen, wird im Kinzigtal die elektronische Patientenakte als zentrales Element eingeführt.
Arzt des Vertrauens als Lotse
Das System des Gesunden Kinzigtals sieht vor, dass der Patient sich einen Arzt seines Vertrauens auswählt, der dann für ihn als zentraler Lotse durch das Gesundheitswesen fungiert. Auf dem Server dieses Arztes wird die Patientenakte gespeichert, neue Informationen werden fortwährend im Hintergrund synchronisiert. Vorgesehen ist, dass jene Dienstleister, die vom Patienten per Chipkarte für den Zugriff jeweils freigeschaltet werden, alle Informationen abrufen und neue Informationen zur Akte hinzufügen können. Im Beispiel: Die Ärzte, die den Herzinfarktpatienten aus Haslach im St.-Josefs-Klinikum in Offenburg notversorgen, verfügen dann über sämtliche relevanten Informationen. Das steigert die Qualität und senkt Kosten. Die automatisierte Pflege der Patientenakte bietet zwei weitere Vorteile: Es verschwinden keine Befunde mehr, und die Binnenorganisation in der einzelnen Praxis wird vereinfacht, weil Befunde und Arztbriefe nicht mehr ausgedruckt und von Hand abgeheftet werden müssen.
Prävention und Intervention sind weitere Schlagworte, die im Gesundheitswesen immer wichtiger werden. Jeder Autofahrer erhält Briefe, wenn das Auto zur Inspektion muss oder die Heizungsanlage zur Wartung ansteht. „Ihre Auffrischungsimpfung Tetanus ist fällig“ per SMS oder eine E-Mail mit der Erinnerung an die Prostata-Vorsorgeuntersuchung – im Kinzigtal könnte das bald Realität sein. n Stefan Preuß
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