BILDUNG

Privates Internatsgymnasium Schloss Torgelow: Die heimliche Bildungselite

Dtsch Arztebl 2007; 104(5): A-291 / B-259

Weiland, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Für dieses Internat ist kein Schüler zu gut. Seit 16 Jahren wächst in Mecklenburg-Vorpommern ein Gymnasium für leistungswillige und begabte Kinder.

Gehüllt in edles Tuch und Leinen lauschen die Gäste der 16-jährigen Theresa. Sie führt Eltern und Interessierte über den Campus des privaten Internatsgymnasiums Schloss Torgelow bei Waren an der Müritz. Theresa ist Mentorats- und Schülersprecherin und plaudert über die Noten der einzelnen Schüler wie über den letzten Brunch beim Italiener. Spätestens als ihr Zeigefinger sich dem öffentlich aushängenden Zensurenspiegel nähert, zucken die ersten Eltern zusammen. „Keine Sorge“, lächelt Theresa ihre Gedanken beiseite, „wir finden das Veröffentlichen gut, das spornt uns an, noch besser zu werden.“ „Und, wo stehst du?“ hakt ein cleverer Vater nach. „Hier!“, sagt sie selbstbewusst, zeigt auf eine Liste und dann weiter in Richtung Bibliothek: „Noch Fragen?“
Theresa gehört in Deutschland
zu einer Minderheit. Nur etwa sieben Prozent aller Schüler besuchen hierzulande eine Privatschule – in Frankreich oder den Niederlanden sind dies nahezu 30 Prozent aller Kinder. Doch seit PISA, so die Bundesstatistik, erwägen dies in Deutschland mehr Eltern als zuvor. Immer öfter allerdings geben Kinder den ersten Impuls. Auch Theresa wählte Schulart wie Standort selbst, seit der zehnten Klasse ist die Essenerin in Mecklenburg-Vorpommern. „Ich verstehe diese beiden Jahre als Push-up für mein Leben“, sagt sie. „Ich will etwas leisten und später unbedingt Medizin studieren.“ Das private und überkonfessionelle Internatsgymnasium Schloss Torgelow rückt das Image von Internaten zurecht. Nicht schlechte oder faule Schüler, nicht Kinder aus instabilen Familien treffen sich hier, sondern ausschließlich leistungsstarke und begabte Kinder mit akademischem Potenzial – auch Körperbehinderte – sind willkommen. Allein ein Numerus clausus (2,5), außerschulisches Engagement, ein Familien-
gespräch und der Wille des Kindes ebnen den Weg nach Torgelow. Mögliche Wissenslücken der Kinder schließen die Sommerschool und ein nach Internatseintritt greifender individueller Masterplan.
Schloss Torgelow wurde 1904 im Stil der Gründerzeit als Familienresidenz des großherzoglichen Kammerherrn von Mecklenburg-Schwerin erbaut und gehört seit 1992 der internatserfahrenen Familie Lehmann. Die baute das zehn Hektar weite, direkt am Torgelower See gelegene Kleinod für acht Millionen Euro aus eigenen und Bundesmitteln zu einem multimedialen Internatscampus für derzeit 210 Schüler aus. Neben dem eigentlichen Schloss mit Seezugang und Bootsanleger gehören Schul- und Wohngebäude genauso dazu wie Audimax, Bibliothek, Computerkabinett und naturwissenschaftliche Labore. Turnhalle, Tennisplätze, Fitnessstudio und ab Sommer dieses Jahres auch ein Kunstrasenplatz perfektionieren die Idee einer Schule für talentierte Kinder.
Maximal zwölf Schüler bilden eine Klasse, Klassenlehrer wechseln zweijährig, damit mögliche Antipathien nicht den Leistungsstand mindern. Das Abitur folgt nach zwölf Schuljahren. Eine umfassende Tagespräsens für Lehrer und Mentoratserzieher ist Pflicht. Nahezu 70 Pädagogen unterrichten und begleiten beim elternfreien Leben in den Wohneinheiten, den sogenannten Mentoraten. „Bei uns kann nur der Lehrer sein“, sagt Mario Lehmann, Jurist und Geschäftsführer des Internats, „der begeisternd unterrichtet, sich für das einzelne Kind interessiert, der Defizite analysiert und individuell mit methodischer Vielfalt reagiert.“ Die Kinder und Jugendlichen sollen verstehen, dass lernen heißt, sich auf vieles einzulassen, dass Probleme lösbar sind, Einsatz Erfolg bringt und Erfolg motiviert.
Kurzprosa inspiriert diese Schüler zu einem Hörspiel inklusive Drehbuch, Dialogen und akustischen Szenen. Fotos: Schloss Torgelow
Kurzprosa inspiriert diese Schüler zu einem Hörspiel inklusive Drehbuch, Dialogen und akustischen Szenen.
Fotos: Schloss Torgelow
Martin Ruehs, Vater einer inzwischen 14-jährigen Internatstochter, schätzt an Torgelow besonders, dass sein Kind, ähnlich wie Theresa, Lernen als Lust und nicht als Last verinnerlicht hat. Sein Sohn dagegen, der eine staatliche Schule am Wohnort besucht, bedient dagegen alle Klischees zu „Schule ist blöd“.
Damit Neugier und Lust bleiben, folgt das Schulkonzept nicht einer übergeordneten Ideologie, sondern integriert reformpädagogische Impulse nach Montessori genauso wie nach Waldorf oder Jena-Plan. So gliedert sich das Schuljahr in vier Epochen, analog dazu gibt es Zeugnisse und flankierende Elterngespräche zum Leistungsstand des Kindes. Die Wochenenden sind großteils schulfrei. Unterrichtet wird täglich bis in den frühen Nachmittag, dem folgt eine altersübergreifende und verbindliche Projektarbeit bis 17 Uhr, danach ist Studierzeit bis zum Abendbrot. Die Schüler wählen zwischen 70 Projektangeboten aus Kunst und Kultur, Musik, Naturwissenschaften, Sport oder Handwerk – allein 240 000 Euro jährlich lässt sich das Internat die Projektarbeit kosten. Unterrichts- und Arbeitsmaterialien rufen die Kinder über ein schulinternes Wireless-LAN im Schülernetzwerk ab. Klassenzimmer und Gemeinschaftsräume der Mentorate verfügen über eine Standleitung ins Internet. Statt herkömmlicher Kreidetafeln nutzen sie ähnlich große, beschreibbare und vernetzte „Interactive Whiteboards“.
Vier Fremdsprachen (Spanisch, Englisch, Französisch, Russisch) können die Schüler belegen, ebenso wissenschaftliche Labor- und Experimentierwerkstätten und drei Abitur-Leistungskurse. Als Teil des Programms „European Classroom“ leben alle Neuntklässler ein Drittel des Schuljahrs in einem englischen Internat. Umgekehrt lädt das Humboldt-Institut Konstanz jährlich zum Schüleraustausch nach Torgelow, derzeit leben hier acht Austauschschüler aus Russland, Japan und Luxemburg. Torgelow ist als einzige Schule in Deutschland Internal Test-Center der Cambridge University. Initiativen wie das Business@ school-Programm der Boston Consulting Group oder THIMUN, das Planspiel der Vereinten Nationen, und die Mind-Factory für attestierte Hochbegabte gelten als maßgeschneiderte Bildungsprogramme in Torgelow. Deutschlands jüngste Abiturienten 2005 und 2006 kamen hier aus dem Internatsgymnasium, so wie auch die derzeit amtierende Jugendgedächtnis-Weltmeisterin. Befragt nach Torgelow antwortet ein Ehemaliger: „Am besten, ich lasse mir das Abi aberkennen und komme noch mal zurück, es war einfach eine tolle Zeit!“
Die Qualität von Bildung und Internatsmanagement in Torgelow prüfen und sichern neben den Fachkräften auch Elternbeirat, Schülerparlament, bundesweite Leistungsvergleiche und mehrmals jährliche Elternbefragungen. Effektiver als viele Formalien empfindet Geschäftsführer Lehmann jedoch den heißen Draht zu seinen Schülern. „Sie sind so selbstbewusst und kritisch, dass sie sofort sagen, wenn es hakt.“ Auch Theresa unterstreicht dies: „Wir können immer über alles reden. Es gibt klare Regeln und keine Ausnahmen.“ Ob als Sprecher im Schülerparlament, als Pate für jüngere Schüler oder als Repetitor der Nachhilfe – besonders Oberstufenschüler wie Theresa verantworten das Gelingen des Sozialgefüges mit. „Wir leben hier als starke Gemeinschaft, die Glück teilt, Kummer trägt und uns Verständnis und Kompromisse für den anderen abverlangt.“ Disziplin in Torgelow habe sie bisher immer als nachvollziehbar, individuell und auch nachsichtig erlebt. Wer allerdings den Verhaltenskodex ignoriert und zum Beispiel Alkohol oder Drogen konsumiert, dessen Internatsvertrag wird fristlos gekündigt. Das ist selten, dennoch verlässt etwa ein Schüler pro Jahr das Internat – allein wegen Heimweh.
Ungewohntes Zeitmanagement fordert viel
Meist jedoch kann die familiäre Mentoratsstruktur mit ihren gemütlich möblierten Zweibettzimmern auffangen, was anfangs schmerzt. Bis zu zwanzig Kinder, getrennt nach Alter und Geschlecht, wohnen in einem Mentorat. Zwei Pädagogen begleiten sie familienergänzend Tag und Nacht. Vor allem die Jüngsten brauchen viel Nähe, Wärme und Orientierung, denn die Trennung von zu Hause und das ungewohnte Zeitmanagement in Torgelow fordern viel von ihnen. „Für alles und jedes gibt es einen festen Termin, einen festen Ort, ein festes Ziel“, so Theresa. Das sei ungewohnt, doch nicht zu viel. Später, so beschreibt sie, sei es genau diese ritualisierte Tagesstruktur, die Jüngere und Ältere hält und trägt und Bündnisse schmiedet.
Sabine Weiland

Kontakt: Schloss Torgelow, Privates Internatsgymnasium, Schlossallee 1, 17192 Torgelow bei Waren/Müritz, Telefon: 0 39 91/6 24-0, Fax: 0 39 91/6 24-2 11,
Internet: www.schlosstorgelow.de

Kosten pro Monat: Zwischen 2 150 und 2 298 Euro plus individuelle Kosten für Taschengeld, Schulbücher, Nachhilfe, Musikeinzelunterricht, Schülerkonto und Transport.
Ein Förderverein vergibt Teil- oder Vollstipendien (bis zu 80 Prozent der Schulkosten) und unterstützt Spezial-Förderung von Hochbegabten.
Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige